Einige Modeschöpfer legen in Kleidungsfragen Wert auf ein sexy Outfit, aber ein Modedesigner aus New York setzt eher auf Nützlichkeitserwägungen, wenn es um Kleidung geht: Er arbeitet an einer ganzen Kollektion, die ihre Träger für Drohnen praktisch unsichtbar machen soll.
Anti-Überwachungs-Kleidung
© primitivelondon.co.uk
Adam Harvey, der in Brooklyn arbeitet, war bisher vor allem im Bereich Fotografie tätig gewesen. Mit seinem neuesten Projekt beschreitet er allerdings völlig neue Wege. Nach seiner Ansicht verloren Kameras in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der Verabschiedung des PATRIOT-Gesetzes ihren Wert als »Mittel der künstlerischen Gestaltung« und verkamen immer mehr zu »willfährigen Werkzeugen der Überwachungsgesellschaften«.

So begründete Harvey auch im vergangenen Jahr auf der Internetseite Rhizome sein Vorhaben. Damals experimentierte Harvey auch mit verschiedenen Möglichkeiten, über selbstgemachtes Make-up Computern die automatische Gesichtserkennung, mit deren Hilfe bestimmte Personen auch aus Menschenmengen heraus identifiziert werden können, zu erschweren. Und da die Erkennung individueller Gesichtsmerkmale unter Einbeziehung biometrischer Daten und ausgeklügelter Überwachungskameras in den vergangenen Monaten mit Sicherheit ausgeweitet wurde, wandte sich Harvey einem anderen Überwachungsgerät, dem noch schwerer zu entkommen ist, und möglichen Optionen, sich diesem zu entziehen, zu: der Drohne.

Die USA verfügen derzeit über ein begrenztes Arsenal von Drohnen, die sie zu Überwachungsmissionen entlang der Grenze zu Mexiko und in den Kriegsgebieten im Ausland einsetzen. Bis zum Jahr 2020 rechnet die amerikanische Bundesluftfahrtbehörde FAA allerdings mit einer Aufstockung auf bis zu 30.000 Drohnen.

Derzeit sind verschiedene Strafverfolgungsbehörden im ganzen Land bemüht, Überwachungsdrohnen in ihre Hände zu bekommen, von denen einige über eine so hohe Auflösung verfügen, dass sie »die Aufschrift auf einem Milchkarton noch aus einer Höhe von 18 Kilometern« erkennen können, berichtete die Verbraucher- und Datenschutzorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF). Und da es nicht ausreichen wird, etwas Rouge oder Wimperntusche aufzutragen, um einem hochmodernen Spionageroboter, der sich in einigen Kilometern Höhe über der Erde bewegt, zu entkommen, entwickelte Harvey eine ganze Kleidungskollektion, die dazu beitragen kann, dass sich Menschen dem allwissenden Auge des Großen Bruders entziehen können.

Am 17. Januar will Harvey seine Kollektion Stealth Wear, was man mit »Tarnkappen-Kleidung« übersetzen könnte, in einem Studio in London der Öffentlichkeit präsentieren, wobei er seine »Anti-Überwachungs-Mode« auch vor diesem privaten Publikum testen will. »Aufbauend auf vorangegangenen Arbeiten wie CV Dazzle, einer Art Tarnung vor Gesichtserkennung etwa durch Schminken mit künstlichen Mustern arbeitet Privacy Mode weiter daran, die Ästhetik des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre und das Potenzial der Modegestaltung zur Gegenwehr gegen autoritäre Überwachung auszuschöpfen und zu erweitern«, heißt es in der Pressemitteilung.

In Zusammenarbeit mit der New Yorker Modedesignerin Johanna Bloomfield versuchte Harvey, »einigen der dringendsten und ausgeklügeltsten Formen heutiger Überwachung« entgegenzuwirken. Eine derartige Erklärung aus der Modewelt sollte denjenigen zu denken geben, die den sich ständig ausweitenden Überwachungsstaat ermöglichten. »Meiner Ansicht nach kann die Einbeziehung von Mechanismen zum Schutz der Privatsphäre in moderne Kleidungsstücke dazu beitragen, dass sich die Menschen wohler und, wie im Falle eines Panzers, auch sicherer fühlen«, schrieb Harvey im letzten Jahr auf der Internetseite Rhizome. »Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre werden für den Einzelnen immer wertvoller, und es ist sehr sinnvoll, sie zu schützen. Darüber hinaus bietet die Problematik einen wichtigen Gesprächseinstieg und Stoff für Diskussionen.« 

Harvey hofft, dass diese Diskussionen schon in der kommenden Woche in London beginnen werden, wo er u.a. ein Anti-Drohnen-Sweatshirt mit Kapuze und einem passenden Halstuch, ein T-Shirt, das seinen Träger vor Röntgenstrahlen schützt, und eine Schutz- und Abschirmvorrichtung, die in der Hosentasche Platz hat und verhindert, dass Handys Signale empfangen oder senden können, vorstellen wird.

Für das Kapuzenshirt und den Schal benutzen Harvey und Bloomfield Materialien, die das Erfassen durch Wärmebildkameras unterlaufen. Die meisten Drohnen setzen, so Harvey, Wärmebildkameras ein, um Personenziele zu erfassen. Das T-Shirt schützt die inneren Organe seines Trägers angeblich vor gefährlichen Röntgenstrahlen, und die in der Hosentasche unterzubringenden Abschirmeinrichtungen unterbrechen die Verbindung der Handys zu ihren Netzwerkbetreibern oder anderen Dienstleistern mithilfe bestimmter Materialien.

 »Smartphones beeinflussen unsere Wahrnehmung. Sie lösen Unruhe und Phantomvibrationen aus und versetzen uns in einen permanenten Zustand der Alarmbereitschaft«, erklärte er auf Rhizome. »Wir sind ständig bemüht, erreichbar zu sein. Smartphones sollten über einen einfachen Aus-Schalter verfügen, aber das tun sie nicht. Das Aus- und Einschalten meines iPhones nimmt 45 Sekunden in Anspruch. Auch der Flugmodus ist umständlich. Ich wünsche mir die Möglichkeit, mich rasch und höflich ausklinken zu können, ohne dabei auf bestimmte Aspekte der Software oder Hardware angewiesen zu sein. Die Abschirmvorrichtung in der Hosentasche behebt diesen Konstruktionsfehler... [A]ls ich meine Hosen zum ersten Mal mit signalabschwächenden Fasern ausstattete, fühlte es sich eigenartig an, nicht mehr mit allem in Verbindung zu stehen. Ich hatte den Eindruck, als hätte ich mir den Zugang zu einem Teil der Welt versperrt und hielte mir meine Ohren und meine Augen zu. Aber dann passte ich mich der neuen Situation an, und mir wurde klar, dass ich meine Sinne damit der Welt eigentlich erst wieder geöffnet hatte.« 

Der Designer sagte weiter, jedes Projekt werde entweder aufgezeichnet oder an Personen demonstriert, um so die Funktionsweise jeder einzelnen Technologie und die ihrer Gegenmaßnahmen, die für seine Arbeit wichtig sind, zu erläutern.

Im Gespräch mit der britischen IT-Zeitschrift The Register aus dem Jahr 2010 erklärte Harvey schon damals, die Überwachungsmaßnahmen nähmen ständig zu. »Die Anzahl der Sensoren und Aufzeichnungsgeräte, die in der Öffentlichkeit eingesetzt werden, nimmt zu«, sagte er. Es könnte durchaus sein, dass man »einen Punkt erreicht, an dem die Gesellschaft darüber nachdenken muss, ob nicht die Grenze des Erträglichen erreicht ist. Vielleicht kann man in naher Zukunft zu einem Friseur gehen, der in seinem Salon den Schutz der Privatsphäre garantiert.« 

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