Die Antarktis birgt immer noch viele Rätsel. Ob nun geheimnisumwitterte Expeditionen, Steine aus dem All oder seit Urzeiten verborgene Seen unter dem Eis: Der unnahbare, kalte Kontinent hält seine ganz besonderen Überraschungen parat. Jetzt haben russische Wissenschaftler erstmals frische Proben aus dem Wostok-See an die Oberfläche geholt, einem Jahrmillionen alten und bislang völlig isolierten Wasserreservoir. Vermutet werden hier unbekannte Mikroorganismen. Das ist spannend. Vielleicht auch wirklich gefährlich?
© AvR
Bittere Kälte und weitflächige Eintönigkeit beherrschen auf den ersten Blick das Bild: die Antarktis, eine herbschöne, aber erbarmungslose weiße Eiswüste, lebensfeindlich, tödlich. Und doch zieht diese fremde Welt heute nicht nur Extrem-Abenteurer und Forscher an, sondern bereits Touristen. Und angesichts einiger einschlägiger Reiseangebote scheint die besorgte Frage nicht unberechtigt, wie lange dieses offenbar völlig lebensfeindliche Naturparadies noch in seiner bisherigen Schönheit und weitgehenden Unberührtheit bestehen bleibt. Auch die Wissenschaft lässt nicht vom siebten Kontinent ab, sondern beeinträchtigt dessen Ruhe im Interesse der Erkenntnis. Es kann wohl nicht anders sein.

So entstanden etliche permanente Forschungsstationen verschiedener Nationen, und immer wieder finden gut gerüstete Expeditionen mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen statt. Darunter die Suche nach außerirdischer Materie auf den antarktischen Blaueisfeldern, bei denen sich Meteorite durch Zusammenwirken von Eisdrift, Untergrundrelief und Winderosion an der Oberfläche konzentrieren. Im ewigen Eis bestens konserviert, enthalten sie Botschaften über die Anfänge des Sonnensystems. In der Antarktis wurden sogar Steine von Mond und Mars entdeckt.

Nicht minder bemerkenswert: die unter dem Eis verborgenen Seen, seit Jahrtausenden oder sogar Jahrmillionen völlig von der Außenwelt isoliert. Hier vermuten Polarforscher ganz eigene Lebensräume mit unbekannten Organismen, die sich absolut unabhängig von der übrigen irdischen Biologie entwickelt haben. Bekannt sind bislang beinahe 400 solcher subglazialer Seen in der Antarktis. Wissenschaftler erwarten an diesen versteckten Orten primitives Leben, das sich erstaunlich gut an die Extrembedingungen angepasst hat - an den hohen Wasserdruck, den geringen Nährstoffgehalt, tiefe Temperaturen und völlige Dunkelheit.

Zu den größten dieser Habitate werden der Ellsworth-See, der Vida-See und vor allem der Wostok-See gezählt. »Ellsworth« befindet sich unter einem 3,4 Kilometer dicken Eispanzer und wurde erst 1996 entdeckt. 2009 erhielten britische Forscher die Genehmigung, diesen See anzubohren. Das Projekt war für Dezember 2012 bis Januar 2013 angesetzt, musste dann aber wegen technischer Probleme für diese Saison beendet werden. Bereits 1996 hatte man Eisproben vom Vida-See genommen und darin enthaltene Mikroben reanimieren können.

Die Forschung verspricht sich unschätzbare Erkenntnisse auch für die Suche nach Leben auf fremden Welten wie insbesondere den subglazialen Ozeanen von Jupitermond Europa und Saturnmond Enceladus. Bekanntlich sollen hier künftig Raumsonden landen, um die dicken Eiskrusten zu durchbohren und spezialisierte Roboterfahrzeuge in die darunter vermuteten extraterrestrischen Ozeane zu entsenden.

In der Antarktis will man erste Praxiserfahrungen sammeln. Außerdem ist sie der Ort schlechthin zur Erforschung von Extremophilen, jenen an unwirtlichste Bedingungen angepassten Lebensformen. Nur solche Organismen wären auch auf anderen Welten zu erwarten. Wo liegen die Grenzen für derartige Mikroben? Welche Eigenschaften haben sie entwickelt? Gibt es hier auf der Erde in der Natur steriles Wasser? Wichtige Fragen, vor allem auch für Exobiologen.
© AvR
Jetzt hat eine Gruppe russischer Forscher frische Proben aus dem Wostok-See ans Tageslicht gebracht. Schon im Februar 2012 bohrten Wissenschaftler aus Russland diesen mit Abstand größten Untergrundsee der Antarktis an und holten Eis aus einer Tiefe von knapp 3,8 Kilometern an die Erdoberfläche. Der Wostok-See ist maximal 1.200 Meter tief, erstreckt sich über 250 Kilometer Länge und bildet seit 15 bis 20 Millionen Jahren ein abgeschlossenes Habitat in der Ostantarktis. Bei den neuerlichen Bohrungen ging es darum, mit hoher Gewissheit nicht nur zu den nahen Eisschichten, sondern dem See selbst vorzudringen.

Wesentlich ist dabei, ihn nicht von außen zu kontaminieren. Schon eine klimatologische Bohrung von 1998 wurde in 130 Metern Höhe über dem See abgebrochen, um das einzigartige Gewässer nicht etwa mit Bohrmitteln zu verunreinigen. Weniger Gedanken macht man sich in umgekehrter Richtung - hinsichtlich einer Kontamination mit bislang unbekannten Bakterien aus dem See. Natürlich werden derlei Proben bestens gesichert in die einschlägigen Labors verbracht. Doch könnte man sich vorstellen, dass gewisse Behörden größeres Interesse an dem Material zeigen werden, auch wenn die Öffentlichkeit kaum etwas davon erfährt. In jedem Falle dürfte eine bislang fremde Biologie, die beinahe schon einem anderen Planeten entstammen könnte, auch bei militärischen Forschungseinrichtungen einige Begehrlichkeiten wecken, denn vielleicht besitzen die subglazialen Mikroben auch Eigenschaften, die nicht zuletzt für biologische Kriegsführung von Vorteil sind.

Wenn nun die entsprechenden Labors des Westens offiziell auf rein defensive Tätigkeiten eingerichtet sind, lauern hier dennoch potenzielle Bedrohungen. Forschungsstätten wie die "Dugway Proving Grounds"im US-Bundesstaat Utah oder "Fort Detrick" in Frederick, Maryland, sind bizarre Brutstätten gefährlichster Mikroorganismen im Dienste der »Defensive«. Dass die Freisetzung von Mikroben aus solchen Einrichtungen gar nicht so unwahrscheinlich ist, zeigt der mysteriöse Fall der Anthrax-Bakterien, die nach den Attacken vom 11. September 2001 ganz offenbar aus einem Hochsicherheitslabor von "Fort Detrick" entwendet und in tödlichen Briefen verschickt wurden. Manches spricht für eine sorgfältig geplante Geheimdienstoperation unter falscher Flagge, um die Angst vor dem internationalen Terror auf allen Ebenen weiter zu schüren. Der wahre Anthrax-Attentäter wurde nie identifiziert, entgegen offizieller Darstellungen und der Präsentation eines angeblich geisteskranken Wissenschaftlers als Einzeltäter, der sich dann angeblich das Leben nahm.

Wie auch immer die Hintergründe hier beschaffen sein mögen, sie belegen in jedem Falle erneut, dass vermeintlich abstruse und undenkbare Szenarien dennoch eintreten können. Und genau diese Hintergründe belegen, dass nicht zuletzt bei den subglazialen Habitaten der Antarktis eventuell gleich doppelte Vorsicht angebracht sein dürfte.

Auch diese Forschungen werden weitergehen. Ewig negativistisches Denken sowie eine reaktionäre Haltung gegenüber solchen und vergleichbaren Projekten würde einen wohl kaum wünschenswerten Erkenntnisstillstand mit sich bringen. Aber auch die Schwerter der Wissenschaft sind zweischneidig und haben der Welt nicht nur Gutes gebracht. Hier wäre es also ebenfalls vielleicht doch angemessen, sich der Geschichte zu erinnern und ein wenig aus ihr zu lernen.