Glaubt man den mystischen Überlieferungen der Wikinger, so sollen die Nordmänner mit sogenannten "Sólsteinnen", also mit "Sonnensteinen", in der Lage gewesen sein, den Stand der Sonne selbst bei bedecktem Himmel und sogar noch nach Sonnenuntergang exakt zu bestimmen. Dass diese Legende auf Tatsachen beruhen könnte und es die Sonnensteine tatsächlich gab, vermuten einige Forscher schon länger. Jetzt haben französische und britische Wissenschaftler den polarisierenden Effekt von Kalzit, der als möglicher Sonnenstein in einem Schiffswrack noch aus dem 16. Jahrhundert gefunden wurde, überprüft und bestätigen die "magischen" Eigenschaften des Doppelspats.
isländischer Silfurberg-Kristall
© ArniEin, CC-BY-SA-3.0 via Wikimedia Commons
Polarisierende Kristalle, hier ein isländischer Silfurberg-Kristall (Silberfels), wurden von den Wikingern als "Sonnensteine" zur Navigation verwendet.
Rennes (Frankreich) - Wie die Wikinger in der Lage waren, zwischen Norwegen, Island und Grönland tausende von Kilometern zurückzulegen und trotz meist widriger Sichtbedingungen zum Sternenhimmel stets sicher zu navigieren, galt lange Zeit als großes Rätsel. Schließlich war zur Zeit der Wikinger (750 und 1066 n. Chr.) der Kompass zum einen noch nicht bekannt - zum anderen wäre dieser teilweise derart nahe am Nordpol zur Navigation auch nur von begrenztem Nutzen gewesen.

Derweil wird schon im isländischen Gesetzbuch "Grágás" oder den Legenden um den Held Sigurd berichtet, dass die Wikinger über sogenannte Sonnensteine (Sólsteinn) verfügten, mit dem sie selbst bei bedecktem Himmel die Position der Sonne ermitteln konnten. So soll Sigurd auf Anfrage von König Olaf, nach dem Stand der Sonne einen solchen "Sólsteinn" genommen, damit gen Himmel geblickt und so die Position der nicht sichtbaren Sonne ermittelt haben.

Wie die Forscher um Guy Ropars von der Universität Rennes aktuell im Fachjournal Proceedings of the Royal Society A berichten, konnten sie zunächst anhand einer chemischen Analyse einer Probe des im Wrack gefundenen Steins belegen, dass es sich dabei um in Skandinavien häufig vorkommenden Kalzit handelt.

Anhand eines zum Fund gleich beschaffenen Kalzitkristalls waren die Forscher nun tatsächlich in der Lage, den Stand der Sonne selbst bei bedecktem Himmel und noch 40 Minuten nach Sonnenuntergang exakt zu bestimmten.

Kalzitkristall
© Public Domain
Ein Blick durch einen Kalzitkristall offenbart dessen doppelbrechende Wirkung.
Möglich wird dies durch die das Licht in zwei Strahlen aufspaltende Eigenschaft des Kalzit, der aus diesem Grund auch als Doppelspat bezeichnet wird. Blickt man unter freiem Himmel durch einen Kalzitkristall so sind darin zwei Lichtbündel zu sehen. Verändert man sodann die Position des Steins, verschieben sich auch die Lichtbündel zueinander. Stimmt die Intensität beider Strahlen überein, so weist die Blickrichtung durch den Kristall genau in Richtung des Sonnenstands.

Warum ein solcher "Sonnenstein" allerdings auch noch auf einem Segelschiff aus der Elisabethanischen Epoche mitgeführt wurde - zu einer Zeit also, als der Kompass bereits bekannt war - darüber können die Forscher nur spekulieren. Möglicherweise war die Funktion des damals noch vergleichsweise neuen Instruments noch nicht genügend bekannt, als dass man sich alleine darauf verlassen wollte. Auch könnten die ebenfalls an Bord des Wracks gefundenen schweren Eisenkanonen den Kompass derart abgelenkt haben, dass man den Sonnenstein sozusagen als traditioneller "Lichtkompass" weiterhin mit an Bord geführt hatte.

Nachdem bereits zuvor Wissenschaftler um Gábor Horváth von der "Eötvös Loránd University" in Budapest und die Ökologin Susanne Åkesson von der "Lunds Universitet" in Schweden zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen waren (...wir berichteten) ist nun auch Ropars davon überzeugt, dass der Kalzit über die von Alters her beschriebenen "magischen Eigenschaften" der Sonnensteine verfügt.

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Quellen: rspa.royalsocietypublishing.org