Neue Hypothese besagt, dass Veränderungen der Muskulatur bei den frühen Menschen auch die Entwicklung des Gehirns beschleunigt hat
Jagd, Felsmalerei
© Gruban / Creative Commons (CC BY-SA 2.0), http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de
Menschen bei der Jagd (Felsmalerei im Tassili n'Ajjer, Sahara, Algerien)
Tucson (USA) - Die Überlebensvorteile komplexer Hirnleistungen förderten ein starkes Wachstum des Gehirns unserer Vorfahren. Aber vielleicht gab es im Lauf der menschlichen Evolution noch eine ganz andere Antriebsfeder für diese Entwicklung, vermuten amerikanische Forscher. Denn die verstärkte Laufaktivität, die mit dem Übergang zum Leben als Jäger und Sammler einherging, war wahrscheinlich mit einer erhöhten Produktion bestimmter Wachstumsfaktoren gekoppelt. Diese Botenstoffe dürften auch einen stimulierenden Einfluss auf das Hirnwachstum gehabt haben. Die neue Hypothese widerspricht der gängigen Vorstellung einer wachsenden Intelligenz, die den frühen Menschen in die Lage versetzte, körperliche Mängel auszugleichen, schreiben die Biologen im Fachblatt Proceedings of the Royal Society B.

„Wir wollen mit unserer Arbeit nicht behaupten, dass körperliche Ausdauerleistung allein für alle Aspekte der Hirnentwicklung verantwortlich gewesen wäre. Aber sie ist ein bisher unbeachteter Faktor, der bei diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt haben könnte“, erklären David Raichlen von der University of Arizona und John Polk von der University of Illinois. Sie begründen ihre neue Hypothese durch Ergebnisse von Tierversuchen, Analysen paläontologischer Skelettfunde und sportmedizinischer Befunde anderer Wissenschaftler. So gebe es starke Hinweise darauf, dass regelmäßiges Ausdauertraining sowohl bei Nagetieren als auch bei Menschen die Neubildung von Hirnzellen stimulieren und Hirnleistungen verbessern kann. Das geschieht wahrscheinlich, indem vermehrt Botenstoffe wie das Neurotrophin BDNF und Wachstumsfaktoren wie IGF-1 und VEGF gebildet werden. Diese verstärken die Durchblutung und damit die Leistungsfähigkeit der Muskeln, wirken aber gleichzeitig auch stimulierend auf das Hirngewebe. Nagetiere, die solche Botenstoffe nicht mehr in ausreichendem Maß produzieren konnten, bildeten weniger Hirnmasse als gesunde Tiere.

In der Evolution des Menschen könnte vor etwa zwei Millionen Jahren eine Auslese anhand der Ausdauerleistung erfolgt sein. Dadurch veränderten sich die Vormenschen körperlich so, dass sie fähig waren, bei der Jagd stundenlang große Strecken laufend zurückzulegen. Gewissermaßen als Nebeneffekt dürfte dabei auch ein Wachstum einiger Hirnregionen angeregt worden sein, was die kognitiven Fähigkeiten verbesserte. Die Autoren hoffen, dass ihre Hypothese einer solchen Verbindung zwischen der Evolution von Körper und Gehirn nun durch weitere Forschungsarbeiten bestätigt werden kann.

Quelle: „Linking brains and brawn: Exercise and the evolution of the human neurobiology“, David A. Raichlen, John D. Polk, Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, DOI: 10.1098/rspb.2012.2250