Die industrielle Produktion von Fleisch verschwende Ressourcen, schade der Umwelt und sei ethisch inakzeptabel, meinen viele Befürworter des Vegetarismus. Die einzige Alternative, der einzige Weg, den Planeten zu retten, sei, gänzlich auf Tierprodukte zu verzichten und ganz einfach ausschließlich pflanzliche Lebensmittel zu essen. Wer es sich so einfach macht, erliegt jedoch nicht nur einem Trugschluss, sondern er verschlimmert potentiell genau die Probleme, die er vermeiden will.
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Indirekter Vegetarier: Ich aß das Rind, das Rind aß Gras.
Ist Vegetarismus nicht besser für alle?

Es ist kaum bestreitbar, dass die industrielle Fleischproduktion der Umwelt schadet und ineffizient mit Ressourcen umgeht, also nicht nachhaltig ist. Außer Frage steht auch, dass sie viel Leid verursacht. Nämlich dann, wenn - meist aufgrund des systemimmanenten Preisdrucks - zum Beispiel die Sorgfalt bei der Schlachtung leidet.
Nachtrag 23.1.2014: Aufgepasst, es ist faszinierend, wie viele Leser diesen Absatz offenkundig ignorieren. Noch einmal: Industrielle Fleischproduktion, im Volksmund auch Massentierhaltung genannt, ist nicht nachhaltig und schadet der Umwelt.
Dass in der extensiven Weidehaltung ein in allen Punkten diametral gegensätzliches Modell der Tierhaltung besteht, wird von Proponenten des Veganismus oder Vegetarismus gerne ignoriert. Und wenn dieses nachhaltige Konzept doch beachtet wird, heißt es dennoch, es sei für uns alle immer besser, Pflanzen zu essen.
Nachtrag 23.1.2014: Selbst, wenn man direkt darauf hinweist und detailliert erklärt, ignorieren die meisten vegetarischen und veganen Leser es, wie die Kommentare zu diesem Artikel zeigen. Liebe Leser, der Link ist wichtig und absolut relevant für diesen Artikel. Weidehaltung bedeutet u.a., dass Rinder eben kein Soja o.ä. essen, sondern nur Gras und somit nicht mit dem Menschen in Nahrungskonkurrenz stehen.
Aber der Anbau von Pflanzen ist doch viel besser für die Natur. Und töten muss man dabei auch niemanden. Oder?

Der größte Irrtum vieler Vegetarier und Veganer ist, dass für ihre Ernährung niemand sterben müsse. Bei konsequenter Umsetzung ist sicher richtig, dass für Veganismus kein Stück eines getöteten Tieres auf dem Teller landet. Dies lässt jedoch die Kollateralschäden der Pflanzenproduktion außer Acht. Und diese sind teils 25 mal höher als bei der Produktion von Weidefleisch. Richtig gelesen: Pro kg nutzbaren Proteins aus Getreide werden hier 25 mal mehr fühlende Wesen getötet als durch nachhaltige Fleischproduktion. Mehr noch: Auch die Umwelt kann stärker unter der Pflanzenproduktion leiden.
Nachtrag am 27.1.2014: Quellen dafür weiter unten. Unter den Quellen. Wie immer.

Nachtrag am 29.1.2014: Noch einmal: Wir sprechen hier von Weidefleisch. Das entsteht auf Grünland, einem effektiven Kohlenstoffspeicher, mit dessen Produkt - Gras - wir Menschen ernährungsphysiologisch nichts anfangen können. Viele Grünlandflächen sind nicht geeignet für den Ackerbau (und müssten dafür ohnehin umgebrochen werden, was die Zerstörung eines Ökosystems bedeutet und oftmals auch nicht mehr erlaubt ist.)
Wie kann das sein?

Da die größte Kritik der konventionellen Fleischerzeugung zukommt, schauen wir uns das verbreitete, das konventionelle Modell der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel an: Wie wird Soja, die gern und meist genannte Alternative zu Fleisch, angebaut? In Monokulturen. Das trifft übrigens praktisch auf alle konventionellen Pflanzenanbausysteme zu: Es sind Monokulturen, denn anders lässt sich kaum effizient arbeiten. Selbst der Einsatz von Fruchtfolgen ändert nichts an der Tatsache, dass es sich wenigstens temporär um Monokulturen handelt. Für diese werden in der Regel bestehende Ökosysteme beseitigt, Grünland umgebrochen und in Acker verwandelt.

Das bedeutet, dass hektarweise immer ein und dieselbe Pflanze wächst, um bei der Pflege und der Ernte den Größenvorteil nutzen zu können. Gesunde Ökosysteme sind allerdings nie Monokulturen, denn diese sind anfällig: Wenn in einer Monokultur eine Krankheit ausbricht, sind in der Regel alle Pflanzen betroffen. Weiterhin mangelt es an Vielfalt, um das System zu stabilisieren. Die Mais- und Sojawüsten sind kein gesunder Lebensraum für Wildtiere und selbst Insekten können relativ wenig mit Monokulturen anfangen.

Der Anbau pflanzlicher Lebensmittel führt so zu Bodendegradierung, langfristig kann dies in Desertifikation enden.
Nachtrag 24.1.2014: Und noch einmal die Betonung: Das alles trifft natürlich auch auf die Futtermittelproduktion für die industrielle Rinderhaltung zu. Deswegen wird diese schon weiter oben im Artikel als gangbar ausgehschlossen.
Sterben wirklich mehr Tiere durch Pflanzenanbau als durch Tierzucht?

Darüber hinaus kommen bei der Gemüseproduktion Herbizide, Pestizide, Insektizide und große Mengen synthetischen Düngers zum Einsatz, die allesamt eine schwere Belastung der Ökosysteme darstellen und direkt für den Tod von Tieren verantwortlich sind.

Der renommierte Ethiker Peter Singer sagt, dass, wenn wir mehrere Möglichkeiten haben uns zu ernähren, wir uns für den Weg entscheiden sollten, der das geringste unnötige Leid für Tiere bedeutet.

Ich stimme ihm zu. Wenn wir uns ernähren - oder eigentlich immer - sollten wir uns so verhalten, dass wir möglichst wenig Leid verursachen.

Doch was ist mit den Hunderten vergifteter Mäuse auf unseren Getreidefeldern? Anders als die für den Verzehr eingeplanten Tiere, sterben sie regelmäßig einen langsamen, schmerzhaften Tod. Weibchen lassen im Durchschnitt 5-6 Säuglinge zurück, die verhungern, verdursten oder Raubtieren zum Opfer fallen. Zur Statistik gehören auch die Millionen von Wildtieren (u.a. Rehkitze), die den Erntemaschinen zum Opfer fallen.

Veganismus bezieht sich in der Regel nur auf fühlende Wesen. Eine oft bequeme, jedoch willkürlich gezogene Grenze, um letztlich beispielsweise zu Heuschrecken als Nahrungsquelle greifen zu können - dies schließt freilich auch Milchsäurebakterien aus fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut ein. Doch woher kommt diese Gewissheit? Sind Spinnen und Insekten wirklich gefühllos und ohne Bewusstsein? Noch vor wenigen hundert Jahren war die Auffassung geläufig, Tiere seien lediglich Automaten, Maschinen und eines Wesens nicht fähig. Dies hat sich geändert. Sollten wir ausschließen, dass auch Spinnen und Insekten zum fühlen fähig sind?

Wie schlimm ist Pflanzenproduktion?

Die Produktion pflanzlicher Lebensmittel zerstört Ökosysteme, verschwendet Ressourcen, belastet die Umwelt und verursacht viel Tierleid. Ob sie nun besser oder schlechter als die Produktion tierischer Lebensmittel ist, sei dahingestellt. Statistikfans und -Verbieger mögen sich daran wund streiten, wobei die verfügbaren Zahlen eine eindeutige Sprache sprechen. Es mag auch jeder entscheiden, ob nun das Leid einer Maus weniger schlimm ist als das einer Kuh.

Unbestreitbar bleibt in jedem Fall: Die Produktion pflanzlicher Lebensmittel kann per se keine nachhaltige Ernährung garantieren und kein Tierleid vermeiden.

Aber Bio ist doch besser, oder?

Der ökologische Landbau ist ein Versuch, in allen landwirtschaftlichen Bereichen nachhaltiger zu handeln und zu wirtschaften. Der aktuelle Stand zum Beispiel der EG-ÖKO Verordnung, welche Voraussetzung für das sogenannte Bio-Siegel ist, erfüllt jedoch in keiner Weise die Anforderungen an wirklich nachhaltige Landwirtschaft. Es handelt sich gewiss um einen Schritt in die richtige Richtung, aber das System bewegt sich weiter auf einen Abgrund zu. Praktisch allen industriell und/oder global orientierten Systemen ist gemein, dass sie nicht nachhaltig sind. Ganz gleich, ob in der Produktion tierischer oder pflanzlicher Lebensmittel
Nachtrag am 1.2.2014: Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Auch Ökolandbau findet auf Äckern statt, für die grundsätzlich bestehende, natürliche Ökosysteme (und somit die Lebensgrundlage vieler Tiere) umgebrochen und zerstört werden. Das bedeutet auch, dass konsequent bewirtschaftete Weidehaltung (d.h. der Erhalt und die Pflege von Grünland) grundsätzlich einen geringeren Eingriff in die Natur bedeutet, als der Ackerbau.
Was ist die Lösung?

Die Lösung ist relativ einfach. Sie liegt darin, zu akzeptieren, dass beim Essen immer jemand das Nachsehen hat. Pflücke ich eine Heidelbeere, kann ein Vogel sie nicht mehr essen. Pflücke ich einen Salat oder auch nur ein Wildkraut, hat das Kaninchen nichts mehr zu essen. Lege ich einen Acker an, zerstöre ich ein Ökosystem und den Lebensraum für andere Tiere. Auch das Haus, in dem ich wohne, belegt Fläche, die sonst Lebensraum für andere Tiere wäre. Das ist das Leben, der Kreislauf aus Gedeih und Verderb, Fressen und gefressen werden, Leben und Tod. Die Realität.

Frutarier meinen, die einzig richtige Ernährung könne auf Basis von Obst erfolgen, da nur dies von der Natur für den Verzehr vorgesehen sei. Solange sie auf eine Toilette gehen, unterbrechen aber auch sie die Weiterverteilung der Samen.

Sind wir also alle dem Untergang geweiht? Müssen wir den Planeten ruinieren, um zu leben? Theorien darüber, wie viele Menschen der Planet Erde ernähren kann, gibt es reichlich. Da wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, ist es wohl müßig darüber zu diskutieren, ob nun 10 oder 12 oder 15 Milliarden Menschen zu viel sind oder ob wir längst den kritischen Punkt überschritten haben.

Um den Planeten zu retten ist sicherlich der beste Weg, bei der Ernährung nachzudenken und lokale Gegebenheiten zu beachten. Das ist so einfach, wie es klingt: Weideland wie die amerikanischen Great Plains eignet sich hervorragend zur nachhaltigen Tierhaltung. Permakulturen und der Einsatz mehrjähriger Pflanzen zeigen, dass nachhaltige Ernährung auf Pflanzenbasis durchaus möglich ist. Wer in Gegenden mit weniger fruchtbarem Grünland wohnt, für den macht eine Ernährung durch Weidetiere durchaus Sinn. In Küstenregionen ist es zweifelsohne sinnvoller, auf Fisch zurückzugreifen, in den Tropen wächst reichlich Obst. Überall bestehen (noch) gesunde, traditionelle Ökosysteme, die blühen und vielen Menschen ein Überleben ermöglichen.

Fazit

Die beste und, wie ich meine, einzig richtige Antwort auf die Frage, wie wir alle uns ernähren sollten ist: Gar nicht. Eine pauschale, globale Lösung kann es nicht geben und es hat sie nie gegeben. “Wir alle sollten Fleisch essen!” scheint daher genauso falsch wie “Wir müssen Gemüse essen, weil das effizienter ist!” Es ist müßig, aufrechnen zu wollen, welche Ernährung die bessere sei: Es ist schlichtweg unmöglich.

Stattdessen sollte jeder einzelne für sich und seine Situation ermitteln, was das beste für ihn und seine direkte Umwelt ist. Regionale, saisonale Lebensmittel sind dabei ein wichtiges Stichwort. Wer die Welt verbessern möchte, sollte vor der eigenen Haustür anfangen.
Anmerkung am 22. Januar 2014:

Eine Tragödie ist, wenn beide Seiten Recht haben. Wobei ich hier ungern von “Seiten” spreche, denn es vermittelt sofort das Bild von Fronten.

Diese uralte Diskussion ist so ein Fall. Leider gibt es auf beiden Seiten sehr viele Menschen, die blind einer Ideologie folgen und offenkundig das Denken und die Lesefähigkeit ausgeschaltet haben.

Noch viel tragischer ist, wenn beide Seiten eigentlich das gleiche wollen. So wie in diesem Fall. Die Tatsache, dass die Zukunft der Menschheit mit an diesem Thema hängt, macht die Situation so unerträglich, dass man sie scheinbar nur noch mit Humor angehen kann. Komödie schafft Distanz. Vielleicht sollte ich das beim nächsten Mal versuchen.
Quellen und weiterführende Informationen

Ordering the vegetarian meal? There’s more animal blood on your hands (Quellen für Zahlen, Studien, Berichte!)
Dan Barber: You have blood on your hands when you eat vegetarian
Desertifikation durch Landwirtschaft
Sollten wir Fleisch essen? (Video)
Die Kuh ist kein Klima-Killer, Anita Idel
Was ist Weidefleisch? Und warum überhaupt?
Der Bauernhof der Zukunft
5 Gründe, keine Importware zu kaufen
Können wir mit ‘Paleo’ die ganze Welt ernähren?
Adressen von Hofläden
“Wenn du im südlichen Los Angeles und San Diego wohnst und Vegetarier sein möchtest: Prima. Das solltest du. Aber wenn du in New England leben und die ökologischen Bedingungen deiner Region verbessern möchtest, dann isst du Fleisch. Da besteht keine Frage. Es gibt kein gesundes Ökosystem, das keine Tiere beinhaltet.” - Dan Barber
Hinweis am 23.1.2014:

Liebe Leser - die Kommentarfunktion ist bis auf Weiteres deaktiviert. Warum? Weil offenkundig viele - besonders Vegetarier und Veganer - den Artikel ungelesen kommentieren und redundante Kommentare hinterlassen. Das führt niemanden weiter.

Viele Leser haben bewiesen, dass sie nur aufmerksam lesen und ein wenig nachdenken müssen, um folgendes zu erfahren:
  • der Autor hält die industrielle Fleischproduktion (das beinhaltet die ineffiziente Verfütterung von Soja und Mais) für indiskutabel (siehe 2. Absatz mit Verbindung zum 3. Absatz),
  • der Autor greift weder Vegetarier/Veganer noch Fleischesser an (der Titel ist eine Fragestellung),
  • der Autor schreibt nicht, welche Ernährung besser oder schlechter sei, sondern zeigt die Probleme der bestehenden Modelle auf,
  • der Autor weist darauf hin, dass eine nachhaltige und umweltfreundliche Ernährung vermutlich nur lokal erfolgen kann.
  • Leider entgeht dies vielen aufgeregten Lesern, die stattdessen ihr Gehirn ausschalten und wüste, persönlich beleidigende Kommentare schreiben und damit ihre Zeit verschwenden.
Einige Veganer und Vegetarier (und auch Anhänger der Paleo-Ernährung) betreiben ihre Ernährung wie eine Art Religion und sie fühlen sich persönlich angegriffen, gar in ihrer Existenz bedroht, wenn jemand Mängel in ihrem Glaubenssystem aufzeigt. In der Folge reagieren sie defensiv, oft aggressiv. Das ist menschlich. Ich vergebe ihnen allen.

Hinweis am 25.1.2014:

Ich lese immer wieder die Klagen über einen “unlogischen” Vergleich - was auch immer das sein mag. Dies ist auch kein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Es ist durchaus ein Vergleich zwischen gezielt ausgesuchten, einwandfreien Äpfeln und verschimmelten, wurmstichigen Äpfeln.

Wie ich im Artikel auch ausdrücklich schreibe, halte ich es für müßig die konkreten Zahlen auszudiskutieren. Denn es ist an der Stelle bereits hinreichend belegt, dass jede Ernährungsform Tod verursacht. Nur das ist wichtig, um auf das genannte Fazit zu kommen.

Der Titel des Artikels ist übrigens eine Frage, keine Behauptung. Das lässt sich an der Satzstellung und an dem Fragezeichen erkennen.