Kommentar: Dieser Artikel erklärt sehr gut, worum es in der Ukraine-Krise wirklich geht. Im Kern der Sache steht die seit vielen Jahren betriebene EU-Osterweiterung (die 'Expansionspolitik des westlichen USA- und EU-Imperiums', wenn man es so formulieren möchte). Diese Erweiterung zielt darauf ab, die wirtschaftlichen Ressourcen anderer Länder sich einzuverleiben, um unser westliches 'Imperium der Konsumenten' wirtschaftlich länger am Leben zu erhalten. Zu Hitlers Zeiten ging es noch um die Ernährung durch Ackerflächen, aber heute geht es um notwendiges Wachstum durch Kreditvergabe. Ohne Wachstum würde unsere Zivilisation kollabieren. Aber wie immer gehen solche 'Schüsse' nach hinten los. Das anscheinende kommende Auseinanderbrechen der Ukraine in West und Ost (durch die erfolgreiche militärische Verteidigung im Osten) wird die EU wahrscheinlich nur noch schneller in den Ruin treiben, denn die Ukraine ist mittlerweile ein Sanierungsfall und damit eher wertlos für eine Expansion. Die Psychopathen an der Macht lernen wegen ihrer mangelnden Kreativität nie aus der Vergangenheit. Die Geschichte wiederholt sich damit immer und immer wieder.


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Die Ukraine, wie sie (noch) aussieht
Alexander Dill glaubt nicht, dass eine Aufnahme der Ukraine in die EU Probleme löst

Wenn man versucht, aus der Lektüre von "Mein Kampf" eine Begründung für den Kriegsbeginn 1939 herauszulesen - immerhin verfasste Hitler den Text 13 Jahre früher, in den Jahren 1924-1926 -, lohnt sich der Blick auf die wirtschaftspolitische Begründung. So war das überfallene Polen weder marxistisch, noch von jüdischen Gewerkschaftlern und Finanzmagnaten dominiert, sondern eine bäuerlich-handwerkliche und dazu adlige Standesgesellschaft.

Die polnischen Truppen mit ihren blaublütigen Offizieren traten den deutschen Angreifern 1939 teilweise noch mit Kavallerie gegenüber.

Die von Hitler ausführlich entwickelten Feindbilder des Marxismus und der internationalen Finanzbourgeoisie, denen er beiden das Prädikat "jüdisch" zuschrieb, hätte einen Angriff auf die USA, Holland, die Schweiz oder Russland nahegelegt, wenn der Kriegsbeginn wirklich ideologische Gründe gehabt hätte.

Aber Adolf Hitler gibt in seiner Interpretation der Hungerzeit nach dem I. Weltkrieg eine ganz andere Begründung für den Überfall auf Polen: Die Deutschen seien ein "Volk ohne Raum", das für sein nacktes Überleben die Agrarböden der Nachbarstaaten, also Frankreichs und Polens, benötigte.

Das ist, wie wir im Zeitalter der Agrarüberschüsse wissen, agrarpolitischer Unsinn, aber nach 1919 war die Angst vor neuen Hungersnöten weit verbreitet und diente als wirksame Drohkulisse zur Verbreitung des Nationalsozialismus.

Zurück aufs Land zur moralischen Reinigung

Wie Mao, Stalin und Pol Pot war Hitler zudem davon überzeugt, dass die arbeitsteilige Stadtgesellschaft die Bürger anfällig für sündigen Handel und Finanzen machte, weshalb sie zur Besinnung auf das Wesentliche aufs Land an Pflug und Melkschemel geschickt werden sollten. Da aber dort aber alle Milchzitzen bereits in festen Händen lagen, räsonierte Hitler:
Wollte man in Europa Grund und Boden, dann konnte dies im großen und ganzen nur auf Kosten Rußlands geschehen, dann mußte sich das neue Reich wieder auf der Straße der einstigen Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation aber das tägliche Brot zu geben.[1]
Da, so dachte Hitler, Frankreich und England über ihr 1926 noch weitgehend bestehendes Kolonialreich ihren Bodenbesitz enorm ausgedehnt hätten, sei Deutschland demgegenüber zurückgeblieben und hätte nur eine "innere Kolonisation" in Gestalt der Ausbeutung der eigenen Arbeiter und Bauern durch die Kapitalisten erlebt.

Deutschland hatte 1926 sozusagen einen Nachholbedarf in Sachen Gebietsausweitung, was angesichts der dünnen Besiedelung des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937, also vor dem Anschluss Österreichs, auch demographischer Unfug war.

Selbst in der verkleinerten Bundesrepublik von 2014 sind hunderttausende Hektar Land weitgehend ungenutzt und unbesiedelt, Regionen verwaist, in denen Millionen Menschen leben und wirtschaften könnten.

Hitlers demographische und agrarpolitische Irrtümer sind für den Ausbruch des II. Weltkrieges in Form der Landnahme weitaus folgenschwerer als seine ideologischen Feindbilder der Marxisten, Liberalen und "des Judentums", auch folgenschwerer als die Rassenlehre, die im Grunde nur den ideologischen Unterbau für einen wirtschaftspolitischen Irrtum bildete: Ein "Herrenrecht", so Hitler, besäßen die siegreichen Rassen im Endkampf um fruchtbare Böden - dabei ernährten die Böden Europas leicht die ganze Weltbevölkerung, wenn dies wirtschaftspolitisch erforderlich wäre.

Die EU-Erweiterung wurde von Staaten wie Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien gebilligt, die trotz erfolgreicher Industrialisierung und Dienstleistungsgesellschaft selbst hohe Agrarüberschüsse produzieren. Sie sicherten etwa Griechenland, Polen, Rumänien und Bulgarien zu, selbst zu diesen Überschüssen beitragen zu können, wenn sie im Gegenzug akzeptierten, keine eigenen Banken, Versicherungen, Telefongesellschaften, Tankstellen oder Supermärkte mehr zu betreiben und keine eigenen Autos zu produzieren. Vor allem aber sicherten sie ihnen das Recht zu, eigene Staatsanleihen auszugeben, die in der EU als Währung und vor allem als Eigenkapitalersatz akzeptiert werden.

Vereinfacht: Westeuropäische Banken kaufen griechische und osteuropäische Staatsanleihen, für die sie kein Eigenkapital hinterlegen müssen, mit Krediten der EZB zu 0,25 Zins, um dann den Zins in Höhe von 4 Prozent vom ausgebenden Land als risikolosen Reingewinn zu erhalten und zusätzlich das Geld über die lokalen Filialen für 7% Zins, also für das 28-Fache des eigenen Zinssatzes weiterverleihen zu können.

Die EU ist deshalb nicht - wie einst Hitler - auf der Suche nach neuen Agrarflächen, sondern nach "Wachstumsmärkten", in denen in der Reihenfolge Staatsanleihen, Kredite, Versicherungen und am Ende Konsumgüter auf Kredit verkauft werden können. EU-Erweiterungskommissar Stefan Füle im Mai 2014:
Wenn wir ernst damit machen wollen, die Länder in Osteuropa zu transformieren, dann müssen wir auch ernsthaft das mächtigste Instrument, das wir zur Umgestaltung haben, nutzen: die Erweiterung.
Die neuen EU-Bürger sind keine Arbeitsbienen in Feld und Bergwerk, sondern Verbraucher von Schokoriegeln, PKWs und Universitätsabschlüssen, von Handyverträgen, Werbeblöcken, Transformierungskursen und Altersvorsorgeprodukten. Dass ihr Geld weitgehend nur aus der Notenpresse stammt, mindert ihre Funktion dabei nicht.

Mit dieser Vorgeschichte nun kann man die Ukraine-Krise interpretieren: War einst Hitler noch auf die "Kornkammer" Ukraine aus, die Millionen Herrensiedler ernähren sollte, so geht es nun um Kreditnehmer, eben "Verbraucher". Bereits die rechnerische Erweiterung der EU um weitere 45 Millionen Einwohner vermindert statistisch die Pro-Kopf-Ausgaben im EU-Haushalt und die Verschuldung pro Kopf signifikant.

Bulgarien etwa weist bis heute die niedrigste Verschuldung aller EU-Flächenstaaten aus. Die niedrig verschuldeten Länder Osteuropas unterstützen damit die AAA-Solvenz der EU.

Falsche Prognose für die Ukraine

Doch so, wie Hitler fälschlicherweise glaubte, Polen, Russen und Ukrainer würden dauerhaft Arbeitssklaven einer deutschen Herrenrasse werden, täuscht sich die EU auch in der Ukraine. Das bankrotte Land, das sich 1991 von der Sowjetunion losgesagt hat, ist im Gegensatz zu Russland, Polen und selbst den baltischen Staaten in keiner Weise in der Lage, sich selbst wirtschaftlich zu erhalten.

Dass nun viele der notleidenden Ukrainer wahlweise nach Russland oder in die EU möchten, entwirft keine Investitionsperspektive in dem korrupten Land, in dem es keine funktionierenden Rechtsinstitutionen oder Bildungseinrichtungen, kein Gesundheitssystem oder auch keine flächendeckende Strom- und Wasserversorgung mehr gibt. Die Ukraine ist ein dauerhafter Versorgungsfall.

Die Mittel der EU, des IWF und der Weltbank, die die Ukraine dringend zum Aufbau minimaler Zivilstrukturen benötigte, fließen nun in einen ökonomisch und politisch völlig sinnlosen Bürgerkrieg, denn wer wird sich selbst im "Erfolgsfall" der Vertreibung oder Unterjochung von etwa 5 Millionen russisch fühlenden Ost-Ukrainern dort an der Grenze zu Russland ansiedeln wollen, wo doch für Jahrzehnte Restitutions- und Entschädigungsansprüche der Geschädigten und Vertriebenen bestehen, die, sollten sie je zum Europäischen Gerichtshof gelangen, von Kiew nie beglichen werden könnten? Der Bürgerkrieg in der Ukraine ist - und das teilt er mit dem in Israel-Palästina, Syrien und im Irak - ohne jede Perspektive.

Hitlers Denkfehler, den die Briten 1947 mit der durch friedlichen zivilen Widerstand erreichten unfreiwilligen Aufgabe Indiens korrigierten, Kolonisation für wirtschaftlich zu halten, setzt sich in der gegenwärtigen EU-Außenpolitik unter dem Signum der Wachstumsmärkte von "Verbrauchern" und "Transformationen" fort. Am Ende stehen Kriege und Bürgerkriege und der Verlust der zukunftsträchtigsten und bewährtesten Handelspartner Europas, die Staaten der ehemaligen Sowjetunion, allen voran Russland.

Die EU als "Volk ohne Verbraucher" könnte jedoch problemlos downsizen und auch ohne Türkei und Ukraine ein friedliches Naturparadies bleiben, das sich zur Not dauerhaft von hauseigenen Pasta, Pommes, Pivo und Pork ernähren kann.