Vermutlich muss die römisch-germanische Geschichte neu geschrieben werden: Bislang glaubten Wissenschaftler, nach der berühmten Varusschlacht seien die römischen Heere nicht mehr ins germanische Gebiet vorgedrungen. Eine neue Initiative könnte die vorherrschende Meinung ändern.
Römer Germanien (Varus)
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  • Immer wieder haben die Römer versucht, das germanische Gebiet zu erobern.
  • Nach der Varusschlacht schien es so, als hätten sie dieses Vorhaben aufgegeben.
  • Die Hinweise mehren sich, dass diese Annahme falsch ist.
Die Germanen waren im römischen Reich gänzlich unbekannt, bis Julius Caesar über germanische Truppen schrieb, die in den 50er Jahren v. Chr. in seinem Heer dienten. Detailliert erklärte er in seinem Werk über den Gallischen Krieg die Kampf- und Lebensweise dieser Völker.

Nachdem sie die Gallier unterworfen hatten, stellten die Römer alle Expansionsbestrebungen vorerst ein. Der blutige Bürgerkrieg, der der Ermordung Caesars folgte, lähmte das Reich für viele Jahre. Erst nachdem Augustus seinen Konkurrenten und ehemaligen Mitstreiter Marcus Antonius im Jahr 31 v. Chr. besiegt hatte, konnte er sich als neuer Kaiser wieder der Außenpolitik zuwenden.

Die Fast-Eroberung Germaniens

 Die Funde auf römischen Schlachtfeldern liefern Archäologen immer wieder neue Informationen
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Die Funde auf römischen Schlachtfeldern liefern Archäologen immer wieder neue Informationen
Die Provinzialisierung Germaniens nahm hierbei einen wichtigen Platz ein, da außer Britannien nur noch die Rhein- und Donaugrenzen Raum für Expansionen boten. Im Osten stand mit den Parthern der einzige ernstzunehmende Gegner des Reiches und verhinderte ein Vorrücken.

Zwischen 12 v. Chr. bis 9 n. Chr. wurde die Eroberung und Besetzung der germanischen Länder östlich des Rheins aktiv vorangetrieben, doch mit der katastrophalen Niederlage des Varus fand der Vormarsch der Römer ein jähes Ende. So dachte man bisher.

Römische Heere wagen sich nach Germanien

Das Schlachtfeld am Harzhorn liefert der Forschung immer neue Schätze.
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Das Schlachtfeld am Harzhorn liefert der Forschung immer neue Schätze.
Doch durch die Entdeckung des Schlachtfeldes am Harzhorn bei Kalefeld (Niedersachsen) mussten die Historiker ihre Ansicht revidieren. Weil sie dort Münzen aus der Zeit von Kaiser Maximinus Thrax gefunden haben, konnten sie das sogenannte Harzhornereignis auf die späten 230er-Jahre datieren. Somit war bewiesen, dass sich die Römer auch noch im 3. Jahrhundert nach Germanien gewagt haben.

Ein etwa 30 Hektar großes Römerlager bei Hachelbich (Thüringen) lässt sich ungefähr in die gleiche Zeit datieren und könnte mit der Schlacht am Harzhorn in Verbindung stehen. Ob die römischen Heere noch weiter nach Osten vordrangen, ist unklar, doch illustrieren die Funde der letzten Jahre die Intensität der römischen Aktivitäten auf germanischem Boden.

Zahlreiche Heerlager warten noch auf ihre Entdeckung

Das vor kurzem bei Hemmingen-Wilkenburg (bei Hannover) entdeckte Römerlager stammt wiederum aus der Zeit um Christi Geburt und gehört wahrscheinlich zu einem der Feldzüge zur Zeit des Kaisers Augustus.

Es ist bekannt, dass die Legionäre beim Marsch in Feindesland jeden Tag ein neues Lager errichteten, um vor nächtlichen Überfällen geschützt zu sein. Daher dürften die Lager bei Hannover und bei Hachelbich nicht die Einzigen sein, die die Römern errichtet haben. Entlang ihrer Marschrouten müssten die Heere Dutzende von Lagern errichtet haben, die noch auf ihre Entdeckung warten.

Wenn Archäologen mit dem Militär zusammenarbeiten

Bisher wurden die Römerlager durch Zufall entdeckt - oft durch archäologische Laien. Da die ungefähre tägliche Marschleistung eines Heeres bekannt ist und mit den lokalisierten Lagern Startpunkte vorliegen, könnte man sich nun gezielt auf die Suche nach weiteren Lagern machen.

Fundstücke aus dem römischen Marschlager bei Hachelbich.
© dpa/Michael Reichel
Fundstücke aus dem römischen Marschlager bei Hachelbich.
Um die Routen der Legionen besser rekonstruieren zu können, müssen die taktischen und versorgungstechnischen Aspekte eines Feldzuges beachtet werden. Die römische Legion der Kaiserzeit war ein hervorragend durchorganisierter Apparat, der viel mit modernen Armeen gemeinsam hat.

Daher befragte Dr. Stefan Burmeister vom Museum und Park "Kalkriese" hierfür Experten aus dem heutigen Militär: Er sprach mit Oberst a.D. Roland Kaestner, einem früheren Dozenten an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Dieser erklärte sich bereit, anhand moderner Kriterien die Feldzüge des Generals Germanicus zu untersuchen.

Licht ins Dunkel der Geschichte bringen

Burmeister und Kaestner haben ihr Vorhaben bereits im Ausstellungskatalog „Ich Germanicus“ (Theiss Verlag, 2015, S. 35 - 42) anhand eines Fallbeispiels vorgestellt. Sollte es dem Team gelingen, Licht in die römische Vorgehensweise zu bringen, könnten Archäologen in den kommenden Jahren gezielt nach neuen Marschlagern suchen. Wenn sich dieser Ansatz als erfolgreich herausstellt, muss ein wichtiger Teil der römisch-germanischen Geschichte wohl neu geschrieben werden.