In der Bibel löscht eine Flut das meiste irdische Leben aus. Jetzt droht den Meeren ein ähnliches Schicksal: Forscher rechnen mit einem schrecklichen Artensterben. Es wäre nicht das erste - doch das letzte ist 55 Millionen Jahre her.

Korallen
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Korallen am Great Barrier Reef
Forscher warnen vor einem in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesenen Massensterben in den Weltmeeren. Die Geschwindigkeit und die Rate des Sterbens in den Ozeanen sei viel größer als irgendjemand vorausgesagt habe, schreibt ein Verbund von Meeresforschern nach einer Tagung in Oxford. „Die Ergebnisse sind schockierend“, sagte Alex Rogers, Wissenschaftlicher Leiter des Internationalen Programms zur Lage der Ozeane (IPSO). Es hatte die bereits im April stattgefundene Tagung organisiert und nun einen Abschlussreport veröffentlicht.

Zu dem Sterben trage eine Kombination aus Stressfaktoren der Meere bei: Sie werden verschmutzt und überfischt, sie versauern und erwärmen sich, zudem sinke der Sauerstoffgehalt. Die Einflüsse der Menschheit auf die Weltmeere seien wesentlich schlimmer als bislang angenommen, sagte Rogers. Der Report verweist auf zahlreiche zusammengetragene Studien. Die drei Hauptfaktoren Versauerung, Erwärmung und geringer Sauerstoffgehalt seien bei allen marinen Massensterben in der Erdgeschichte präsent gewesen.

Das bedroht den Ozean

Zu warm, zu sauer: Ozeane sind riesige Kohlendioxid-Puffer - doch ein Teufelskreis aus Erderwärmung und zu viel Kohlendioxid lässt Uferbereiche absterben: Das Meer versauert und nimmt weniger CO2 auf, was wieder den Klimawandel beschleunigt. Gleichzeitig sinkt der Sauerstoffgehalt der Meere und seine Bewohner sind dem Tod geweiht. Zu warm, zu sauer und kaum noch Sauerstoff: Auch beim letzten Massenaussterben war der Ozean auf diese Weise aus dem Gleichgewicht gekippt. Mehr zu Übersäuerung beim Alfred-Wegener-Institut und dem Projekt Bioacid.

Überfischung: Die größte Bedrohung geht für den Lebensraum Meer durch die Fischerei aus - obwohl genau diese Geschäftszweige auch die ersten sein werden, denen die Folgen herbe Verluste bescheren werden. Die Überfischung schadet allen Meereskreaturen von Seevögeln bis zu Korallen. Laut dem Internationalen Programm zum Zustand des Ozeans (Ipso) ziehen die Fischfänger jede Stunde über 9000 Tonnen Fisch aus dem Meer - rund 90 Millionen Tonnen pro Jahr. Einige Fischarten sind auf diese Weise bereits um 90 Prozent reduziert worden. Die angewendeten Fischfangmethoden kritisiert Ipso als nicht nachhaltig. Für die Zukunft gibt es so immer weniger Fisch, prophezeit die Ipso-Studie.

Zerstörung des Lebensraums: Für ungezählte Lebewesen ist das Meer Heimat. Doch der Mensch zerstört Lebensgemeinschaften am Meeresgrund durch Industrienutzung. Korallenriffe sterben durch die Versauerung und Erwärmung des Ozeans. Dazu kommen Müll und Umweltgifte, die der Mensch ins Meer entsorgt und Düngemittel, die für übermäßiges Algenwachstum sorgen - das verschlingt wiederum zu viel Sauerstoff.

Energiegewinnung: Bei der Gewinnung von Öl und Gas aus Reservoiren unter dem Meeresgrund werden Hydrocarbonate und andere Stoffe frei. Zusammen mit austretendem Öl und der Umweltverschutzung und akkustischer Erforschung neuer Fördermöglichkeiten beschädigen sie den Lebensraum und haben negative Auswirkungen auf Säugetiere und Fische.

Umweltverschmutzung: Aus Booten geworfener Müll ist nicht das einzige Problem für den Ozean: Über die Flüsse versammelt sich der Unrat der ganzen Welt am Ende im Ozean. Plastik zerfällt in winzige Stücke und bedeckt inzwischen riesige Flächen - damit irritiert es auch die Orientierung von Fischen. Der Müll entfacht auch zusätzliche Aktivität von Mikroorganismen und erzeugt riesige Algenteppiche, die Sauerstoff verbrauchen. Schwermetalle und Pestizide machen den Meeresbewohnern zusätzlich das Leben schwer und gelangen über die Nahrungskette zurück zum Menschen.

Fremde Arten: Mit der globalisierten Schifffahrt wandern immer mehr Arten in fremde - und Jahrtausende gewachsene - Lebensräume ein. Das setzt ein Ökosystem massiv unter Stress, denn die Invasoren können mit neuen Krankheiten einheimische Arten ausrotten oder durch Auftreten in großen Massen den Einheimischen die Nahrungsgrundlage entziehen. Im schlimmsten Fall kann das Ökosystem kollabieren, so die Ipso-Forscher.

Bestimmte Stoffe wie künstlicher Moschus aus Reinigungsmitteln sei inzwischen sogar im Polarmeer und auch in den Fischen zu finden. „Der Ozean ist das größte Ökosystem der Erde, der unsere Welt bewohnbar macht“, mahnten die Forscher. Vor allem die Hochsee müsse daher besser geschützt werden.

Die von den Ozeanen aufgenommene Kohlenstoffmenge sei derzeit weit größer als beim jüngsten Massensterben in den Meeren vor 55 Millionen Jahren, teilten die Forscher mit. Überfischung habe einige der wirtschaftlich interessanten Fischbestände bereits um mehr als 90 Prozent reduziert. Eine einzige Korallenbleiche habe 1998 rund 16 Prozent aller tropischen Korallenriffe zerstört. Chemikalien und Plastikmüll vergifteten Meerestiere.

Die Forscher fordern daher zum einen, keinerlei Schadstoffe mehr in die Meere einzuleiten. Zum anderen müsse der Fischfang auf nachhaltigen Umgang mit dieser Ressource umgestellt werden. Auf die Rohstoffgewinnung aus dem Meer müsse verzichtet werden. (dpa/kho/afp)