Warum unsere Gesundheit bei den Großeltern beginnt und bei den Enkeln nicht endet! Noch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ändert sich derzeit das Verständnis der Fachwelt von dem, was Gesundheit ist und wie die sogenannten Volkskrankheiten entstehen.

Bahnbrechende neue Erkenntnisse der modernen Biologie zeigen: Gesundheit ist kein Zustand. Gesundheit ist auch nicht das Gegenteil von Krankheit. Wir werden nicht gesund oder krank geboren. Gesundheit ist ein andauernder Prozess.

Die Zellen des Körpers arbeiten unentwegt gegen Alterung und Krankheit. Sie erinnern sich dabei an Umwelteinflüsse und die Folgen des eigenen Lebensstils. Sogar die Erfahrungen der Eltern und Großeltern, deren Ernährungsgewohnheiten oder seelischen Belastungen sind molekularbiologisch gespeichert.

Besonders wichtig sind zudem die Erlebnisse aus der Zeit vor und nach der Geburt. Gesundheit ist ein generationenübergreifendes Projekt.

Wie das Leben unsere Gene prägt

Der Wissenschaftsautor Peter Spork geht in seinem neuen Buch Gesundheit ist kein Zufall: Wie das Leben unsere Gene prägt - neueste Erkenntnisse der Epigenetik Fragen nach wie: "Was schenkt uns die innere Kraft der Gesunderhaltung? Was ist Gesundheit überhaupt? Was können wir heute für eine gesunde und glückliche Gesellschaft von morgen tun?"

Er erzählt von neuen Erkenntnissen der Molekularbiologen, die uns den Antworten auf diese Fragen näher bringen werden (Wissenschaft bestätigt: Herzkohärenz - Sie können Ihre Genetik wirklich verändern! (Video)).

Der Lebensstil von Helmut Schmidt lässt sich nicht als wirklich gesund bezeichnen. Trotzdem wurde er mehr als 90 Jahre alt, obwohl er über weite Strecken seines Lebens unter großem Stress stand und zahllose Zigaretten geraucht hat.

Auf den ersten Blick scheint das allen Statistiken Hohn zu sprechen, doch eben nur auf den ersten Blick. Denn bei Statistiken geht es immer nur um Wahrscheinlichkeiten, und deshalb kann selbst ein Mensch, der in seinem Leben nie mit Zigarettenrauch in Berührung gekommen ist, an Lungenkrebs sterben.


Was also könnte hinter der eisernen Gesundheit Schmidts gesteckt haben. Darauf gibt der Neurobiologe und Wissenschaftsjournalist Peter Spork in seinem neuen Buch zwar keine direkte Antwort. Doch er führt eloquent eine neue Sicht auf das Thema Gesundheit aus.

Die ist, so erklärt er, ein dauernder Prozess, der sogar über Generationen läuft. Gesundheit ist nicht einfach da, ebenso wenig wie die meisten Krankheiten. Vielmehr entsteht Gesundheit im Lauf des Lebens permanent neu, und zwar weil die Aktivität wichtiger Gene verändert wird.

Wissenschaft von der Steuerung der Gene

Dann führt Spork in die Epigenetik ein: in die Wissenschaft von der Steuerung der Gene, von den Schaltern und Dimmern, die dafür sorgen, dass Gene oft oder selten eingesetzt werden oder auch ganz ausgeschaltet.

Verstellt werden diese Schalter oder Dimmer unter anderem durch Umwelteinflüsse oder auch unseren Lebensstil: Ernährung, Klima, das Stressniveau des Vaters drei Monate vor der Schwangerschaft - es ist schon erstaunlich, welche Einflüsse die Regulierung der Zellen verändern.

Wenn es um Gesundheit gehe, aber auch um Widerstandskraft oder Intelligenz, komme es weniger auf den individuellen Satz an Genvarianten an, die ein Mensch mitbekommen hat. Entscheidender sei, wie Tausende vom beteiligten Genen reguliert würden. Zu dem, was wir sind, werden wir danach durch ein komplexes Zusammenspiel von DNA, Umwelt, Verhalten und Erfahrungen - der eigenen und auch die der Vorfahren.

Ein Beispiel: Traumata hinterlassen nicht nur Narben in der Seele, sondern auch in der Epigenetik. Der Grund: Sie verändern den Stoffwechsel des Gehirns und damit unsere Psyche. Diese epigenetischen Narben können vererbt werden.

Besonders augenfällig belegen das die Untersuchungen an den Kindern von Holocaust-Überlebenden: Bei ihnen ist die Aktivierbarkeit in der exakt gleichen DNA-Region wie bei ihren Eltern verändert, nämlich bei einem Gen, das mit der Stressregulation zu tun hat. Ist die Aktivierbarkeit dieses Gens bei den Eltern erschwert, ist sie bei ihren Kindern erleichtert: Das macht sie stressanfälliger, ihr Risiko für Depressionen, bipolare Störungen oder Angsterkrankungen ist erhöht.

Wir sind also mehr als die Summe unserer Gene. Diese Erkenntnis nimmt der Leser aus diesem Buch mit. Peter Spork ist fasziniert von den molekularbiologischen Prozesse, die in der Epigenetik ablaufen, von den neuen, oft vielversprechenden Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten, die diese Erkenntnisse eröffnen, und manches, was er schreibt, erscheint gewagt - vielleicht auch nur heute noch gewagt.

Die Faszination des Themas versteht er umso besser an seine Leser weiter zu geben. Ein unterhaltsames und informatives Buch, das allerdings hin und wieder Zusammenhänge mit wechselnder Ausführlichkeit noch einmal und noch einmal beschreibt. Doch dem generellen Lesevergnügen tut das keinen Abbruch.

Was ist Gesundheit?

Dieses Buch ist überfällig. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ändert sich derzeit der Blick der Fachwelt auf unsere Gesundheit und Persönlichkeit. Anders als viele Ärzte und Patienten noch immer denken, sind Erkrankung und Charakter eines Menschen nicht nur eine Summe aus Zufall, aktuellem Lebensstil und genetischem Schicksal.

Gesundheit ist auch kein starrer, unflexibler Zustand. Und sie ist schon gar nicht die Abwesenheit oder das Gegenteil von Krankheit. Lange galt, dass unsere Gesundheit einfach so da ist, im Sinne eines bei allen Menschen ähnlichen, je nach Glauben gott- oder naturgegebenen biologischen Programms.

Doch ist es wirklich der Normalzustand, sozusagen der default mode, gesund zu sein? Werden wir gesund geboren? Sorgt unsere Biologie per se für unser Gesundsein? Die meisten von uns werden dem zustimmen. Doch sind sie sich dabei der eher unerfreulichen Konsequenzen bewusst? Sie wären dann nämlich weitgehend selbst schuld, wenn sie eines Tages ernsthaft erkrankten.

Wie viel positiver ist die umgekehrte Sicht: Danach erschaffen wir zwar überwiegend unbewusst, aber aktiv, in der pausenlosen Auseinandersetzung mit unserer Umwelt die besten Voraussetzungen für ein glückliches, gesundes Leben mit vielen positiven sozialen Kontakten bis ins hohe Alter.

Andreas Plagemann, Leiter der Abteilung für experimentelle Geburtsmedizin an der Charité in Berlin, begreift das Leben als »individuellen, permanent umweltabhängigen Entwicklungsprozess« - als »Ontogenese bis ins Alter«. Unsere individuelle Vergangenheit entfaltet demzufolge eine fundamentale Macht.

Die neueste Forschung zeigt: Molekularbiologische Strukturen in den Zellen verändern sich unentwegt als Reaktion auf Umwelteinflüsse. Sie speichern Informationen über unsere Vergangenheit. Welche große Bedeutung diese Prozesse für uns und unsere Gesundheit haben, beginnen wir derzeit erst zu verstehen. Sie drängen den Faktor Zufall in den Hintergrund. Die Vergangenheit dagegen rückt als Gesundheitsfaktor nach vorne. Unser Verständnis von Gesundheit wandelt sich.

Plagemann ist Experte für perinatale Prägung, also der Wissenschaft von den bleibenden Einflüssen aus der Zeit im Mutterleib und im ersten Jahr nach der Geburt. Die vielen bahnbrechenden Erkenntnisse, vor allem aus den vergangenen fünf bis zehn Jahren, auf die er sich mit seiner Aussage bezieht, haben weit reichende Konsequenzen für den Umgang der Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen sowie mit werdenden und jungen Eltern.

Offenbar wird ein großer Teil unserer Persönlichkeit und Widerstandskraft bereits in den 24 Monaten rings um unsere Geburt festgelegt. Doch die neuen Erkenntnisse verändern unser Verständnis von Gesundheit noch aus einem weiteren Grund: Prägung scheint sogar Generationsgrenzen überspringen zu können. Die Gesundheit der Eltern beeinflusst danach auch die Gesundheit ihrer Kinder und Enkel.

Das Phänomen der transgenerationellen Prägung gehört zu den aufregendsten Gebieten der modernen Biologie. Dem Anschein nach vererben wir neben unseren Genen nämlich auch erworbene Umweltanpassungen - und somit ein Stück weit unsere Gesundheit und Persönlichkeit.

Widerstandskraft und psychische Stabilität bis ins hohe Alter sind demnach eine Reaktion auf Jahre bis Jahrzehnte zuvor geschriebene und in den Zellen des Körpers gespeicherte molekularbiologische Botschaften. Gesundheit ist die Anpassungsfähigkeit von Körper und Geist an eine sich stets wandelnde, nicht selten bedrohliche und angriffslustige Umwelt.

Sie ist die Gabe, positiv auf Belastungen zu reagieren und damit für zukünftige Herausforderungen besser gewappnet zu sein. Sie ist ein Prozess, ein Kontinuum. Gesundheit ist die aktive Leistung eines Organismus. Wir dürfen täglich neu um sie kämpfen. Und manchmal wächst sie sogar in der Auseinandersetzung mit einer Krankheit. Es klingt absurd, aber wir können sogar gleichzeitig krank und gesund sein. Genau betrachtet ist das etwas ganz Natürliches, fast schon Zwangsläufiges.

Wenn wir beispielsweise einen Schnupfen haben, sind wir krank, zugleich sorgt aber unsere Fitness dafür, dass wir rasch wieder genesen. Oder wenn wir eine krank machende Mutation eines bestimmten Gens geerbt oder uns ein Bein gebrochen haben: Bei guter Gesundheit wird das Bein rasch heilen, und im Umgang mit der schicksalhaften genetisch bedingten Einschränkung wird uns eine gute Gesundheit bestmöglich unterstützen.

Gesundheit ist eben auch relativ (Medizinskandale: Neue Wege zur eigenen Gesundheit (Video)).

»Die Epigenetik ist im Begriff, unser Verständnis von Gesundheit [...] zu revolutionieren. Spork [ist] ausgewiesener Experte in Sachen Epigenetik. [Ein] gut verständlich geschriebenes Buch«. Barbara Hobom, Frankfurter Allgemeine Zeitung (18.03.2017)

Hier die Leseprobe und das Inhaltsverzeichnis als PDF.

VIDEO:

Quellen: PublicDomain/deutschlandfunk.de/Peter Spork/randomhouse.de am 11.08.2017