Mitten in Amazonien haben Menschen Riesenfaultiere gejagt - lange vor den ersten Hochkulturen in Nordamerika. Wie alt ist die Siedlungsgeschichte der »Neuen Welt«?

Auch die Besiedlung Südamerikas erfolgte vielleicht deutlich früher als lange angenommen. Dies legt eine neue Datierung von Knochenornamenten nahe, die im Inneren von Brasilien gefunden wurden: Selbst ins Zentrum des Kontinents waren Menschen wohl schon vor mehr als 20.000 Jahren vorgedrungen.

Die verzierten Knochen waren in der Ausgrabungsstätte von Santa Elina in Zentralbrasilien gefunden worden, die zwischen Mitte der 1980er Jahre bis 2004 frei gelegt wurde - vor Ort hatten Menschen verschiedener Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder länger gesiedelt, sobald das wechselnde Klima das nachhaltige Überleben von Jagdkulturen zuließ. In den drei ältesten, untersten Siedlungsschichten fanden sich auch Knochen des Glossotherium-Riesenfaultiers, welches vor spätestens 10.000 Jahren ausgestorben ist. Die Datierung dieser an einer Feuerstelle gefundenen Knochen auf etwas über 12.000 Jahre vor heute war allerdings heftig umstritten - und auch, ob eine Bohrung der typischen Knochenplatten des Tiers wirklich von Menschen stammt.

Tatsächlich sind aber weitere veränderte Knochenplatten gefunden worden, die Menschen vermutlich als Schmuckpanzerung dienten. Zudem haben sich Forscher nun darangemacht, die Datierung der vor Ort gefundenen Knochen, der relevanten Sedimentschichten sowie der Feuerstellenholzkohle abzusichern. Die Ergebnisse fassen jetzt Denis Vialou vom Naturgeschichtlichen Museum in Paris und seine Kollegen im Fachblatt Antiquity zusammen. Sie kommen zu dem Schluss, dass Menschen womöglich sogar schon vor mehr als 23.000 Jahren Faultiere in Santa Elina jagten. Offenbar haben Menschen auch später immer wieder für kurze Perioden in Zentralamazonien gelebt - jedenfalls aber siedelten Wildbeuter selbst hier wohl deutlich früher als zu Zeiten der Clovis-Kultur vor rund 13.000 Jahren in Nordamerika, deren Angehörige noch bis vor einigen Jahrzehnten als die ersten Siedler Amerikas galten.

Um nach Zentralsüdamerika zu kommen, hätten die ersten Migranten etwa 12.000 Kilometer über Land zurücklegen müssen, wenn sie den Doppelkontinent wirklich wie lange vermutet über die Beringlandbrücke betreten haben. Viele Forscher favorisieren mittlerweile eine Besiedlung Amerikas durch maritime Kulturen entlang einer Küstenlinie am Pazifik von Nord nach Süd - auch diese möglichen Pioniere mussten dann aber rund 2.000 Kilometer und die Anden überwinden, um vom Pazifik ins Herz Amazoniens zu gelangen. Vielleicht erfolgte die Besiedlung Amerikas also nicht nur viel früher als gedacht, sondern auch über andere Migrationsrouten, die bisher nicht ins Auge gefasst wurden, spekulieren die Forscher: womöglich über Boote entlang von Flussläufen? Einzelne Gruppen könnten diesen Weg durchaus auch aus der Karibik oder von der Atlantikseite des Kontinents aus begonnen haben. Zumindest die Lage einzelner sehr alter Fundstätten wäre so besser erklärbar.