Begräbnisstätte von Sungir
© University of Cambridge/Benito Álvarez
Eine der reich ausgestatteten Begräbnisstätten von Sungir, rund 200 Kilometer von Moskau entfernt. DNA-Analysen der Toten zeigen keine Spuren der Fortpflanzung naher Blutsverwandter.
Frühe Europäer dürften eine bewusste Fortpflanzungspolitik betrieben haben: DNA-Analysen zeigen trotz kleiner Populationen keine Anzeichen von Inzucht.

Vor 34.000 Jahren war Europa nicht gerade dicht besiedelt: Menschen lebten verstreut in kleinen Gruppen. Doch anders als einigen Neandertaler-Gruppen gelang es den anatomisch modernen Menschen offenbar schon damals, Inzucht zu vermeiden, wie nun ein internationales Forscherteam mit österreichischer Beteiligung berichtet. Da ihre Gruppen kaum mehr als zwei Dutzend Individuen umfassten, mussten sie sich dazu wohl aktiv mit anderen Sippen austauschen - sprich: bewusste Fortpflanzungspolitik betreiben.

Unter der Leitung von Martin Sikora und Eske Willerslev vom Dänischen Naturhistorischen Museum in Kopenhagen haben die Forscher das Genom von vier anatomisch modernen Menschen untersucht, die vor 34.600 bis 33.600 Jahren im europäischen Teil des heutigen Russlands lebten. 1955 wurde am archäologischen Fundplatz Sungir das Grab eines erwachsenen Mannes gefunden, außerdem entdeckte man dort ein Doppelgrab zweier Buben, die im Alter von neun bis dreizehn Jahren verstorben waren. Bei ihnen lag als Grabbeigabe ein männlicher Oberschenkelknochen, der mit Rötel gefärbt war und vermutlich als Talisman diente, erklärte der aus Wien stammende Archäologe Philip Nigst, der an der Universität Cambridge forscht.

Genetischer Austausch

Die DNA der vier Menschen zeigte keinerlei Spuren von Inzucht: Keiner von ihnen war mit dem anderen näher verwandt als Cousins zweiten Grades. Der Oberschenkelknochen gehörte einem Individuum, das zumindest der Urgroßvater der Buben war. Sie alle waren also viel weniger verschwägert als man es bei den damals üblichen Kleingruppen von kaum mehr als 25 Personen annehmen würde.

"Das bedeutet, dass die Menschen in der jüngeren Altsteinzeit die Bedeutung der Inzucht verstanden haben", so die Forscher. Aufgrund der Erbgut-Daten könne man annehmen, dass sie diese bewusst vermieden. "Die kleinen Familien-Gruppen waren wahrscheinlich miteinander in größeren Netzwerken verbunden, was den Austausch untereinander erleichtert hat, um die genetische Vielfalt zu erhalten", sagte Sikora.

Inzucht bei Neandertalern

Diese Familienpolitik könne mit ein Grund sein, warum die modernen Menschen überlebt haben, die Neandertaler aber nicht. Bei einer der letzten Neandertaler-Populationen im Altai-Gebirge in Mittelasien gab es nämlich deutliche Hinweise auf Inzucht. So waren die Eltern eines Individuums dort Halbgeschwister. Eine neue Studie zu Neandertaler-Funden aus der Vindija-Höhle im heutigen Kroatien, die ebenfalls aktuell in Science veröffentlicht wurde, zeigte aber, dass solch extreme Inzucht nicht in allen Neandertalern-Gruppen stattgefunden hat.

"Man muss da vorsichtig sein - denn wir wissen nicht, warum die Altai-Neandertaler Inzucht betrieben", so Sikora. "Vielleicht waren sie völlig isoliert und es war die einzige Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Wir brauchen mehr DNA-Daten unterschiedlicher Neandertaler-Populationen um sicher sein zu können, wie verbreitet Inzucht unter ihnen wirklich war."