Es ist das geologische Rätsel dieses Winters - hinter Felsbrocken im Schnee in Island erstrecken sich lange Furchen. Sie haben eine Debatte unter Wissenschaftlern entfacht: Wandern die Steine? Welche Rolle spielen Wind und Wärme? Ist der Schnee noch normal?
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© USRA/ Stu Witmer
Vier Geoforscher versuchten sich an Erklärungen. Wind, Wärme und auch Witze wurden ins Spiel gebracht.

Hamburg - "Was ist denn hier los?", fragte sich Stu Witmer beim Anblick der Steinspuren. Der Abenteurer aus Seattle im US-Bundesstaat Washington wanderte über das nördliche Hochland Islands, als er in der Nähe der Vulkanregion Holasandur seltsame Furchen bemerkte. Es schien ihm, als seien die Felsen durch den Schnee gewandert. Das Phänomen kennen Forscher aus dem Westen der USA, wo Gesteinsbrocken über den Wüstenboden streunen - seit Jahrzehnten rätseln sie, was die Steine antreibt.

Stu Witmer schickte seine Fotos an die Nasa. Die Forscher der US-Behörde untersuchen auch das Rätsel der wandernden Felsen im Death Valley. Vier Experten versuchten sich nun an Erklärungen - alle präsentieren eine andere.

Zunächst schilderte Witmer den Forschern, was er erlebt hatte: Sehr windig sei es gewesen an jenem Tag auf der Ebene, berichtete er. Am Boden sei ein regelrechter Sandstrahl entlanggefegt. Ob das Gebläse wohl die Furchen erklären könnte?

Abdrücke des Ufo-Triebwerks

"Der Wind hat wohl etwas damit zu tun", tastete sich Nasa-Forscher James Foster an das Problem heran. Gleichwohl müsse er auch an die streunenden Steine in den USA denken, sagt der Geowissenschaftler. Dort vermuten Experten derzeit, dass die Brocken in kalten Nächten auf Eisplatten über den Wüstenboden driften; allerdings fehlt noch immer ein Beweis. "Vielleicht sind die Felsen in Island vom Starkwind einen Hang hinuntergetrieben worden?", fragt Foster.

Der Boden sei eben, und der Sturm habe konstant aus der Gegenrichtung der Furchen geblasen, wendet Witmer ein. Insofern ließe die Form der Schneewälle vermutlich auf Wind als Ursache schließen, meint Foster. Womöglich wirkten die Felsen wie Schneefänge, so dass es hinter ihnen frei bliebe. Indes: Warum klafft hinter den Steinen eine derart lange kahle Furche? Müsste sich nicht wenigstens ein wenig Schnee hinter den Brocken sammeln?

Womöglich müsse man die Freiflächen der Wärme des vulkanischen Bodens zuschreiben, spekuliert der Geologe John Adam von der Old Dominion University in Norfolk im US-Staat Virginia. Aber wie entstehen dann die scharfen Schneegrenzen? Wärmeunterschiede würden ja wohl eher stetig verlaufen, zweifelte Adam. Er flüchtete sich in Ironie: Wer sich das Bild genauer anschaue, bemerke die Abdrücke eines Ufos und seiner Triebwerke. "Wenn ich ein Alien wäre, würde ich mir solch einen abgelegenen Landeplatz suchen", witzelte der Forscher.

Exzellente Erklärung, wir wissen nicht weiter

Seine Kollegin Heather Renyck, sucht die Ursache der Furchen in den Felsen selbst: Womöglich handelte es sich um gebrochenes Vulkangestein, das auf seinen frischen Flächen stärker von der Sonne aufgeheizt werde, spekulierte die Geologin. Strahlt die Hitze nach der Rückseite ab, so dass der Schnee in dieser Richtung schmilzt? Unbefriedigt von ihrer Antwort reichte sie die Frage weiter an den Geologen Bryce Hand von der Syracude University im US-Staat New York.

"So etwas habe ich noch nie gesehen", wunderte sich der pensionierte Forscher. Dass der Schnee nachträglich geschmolzen oder auf andere Weise abgetragen worden sein könnte, bezweifelt Hand: Die Kanten der Furchen hätten eine Form, wie sie typischerweise durch natürliche Dünung zustande komme und nicht durch Erosion.

Vermutlich sei das Rätsel mit der Konsistenz des Schnees zu erklären: Grobkörniger Schnee verteile sich weniger fein, er verhalte sich wie Sand. So seien die Furchen wohl doch mit den Steinen als Hindernissen zu erklären, meint Hand: Der kräftige Sturm blase die Schneekörner mit Gewalt an den Brocken vorbei; feiner Pulverschnee wehe nicht hinter die Steine, weil es offenbar keinen gegeben habe - der Schnee war zu grob.

"Das ist der Stand unserer Erkenntnis", resümiert die Nasa. "Wir haben einige exzellente Erklärungen, aber niemand hat jemals gesehen, was dort geschieht." Nach einer endgültigen Antwort werde weiter gesucht. So ist dieser Winter, der bereits zahlreiche faszinierende Muster in die Landschaft gezaubert hat, um eine Attraktion reicher.