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Es gibt wirklich keinen guten Grund, um zu rauchen. Aber es gibt einen Stoff im Tabak, der nicht ohne Grund manche Mediziner fasziniert: Nikotin.

Es ist entscheidend daran beteiligt, dass Raucher süchtig werden. Doch Nikotin hat auch eine helle Seite. Seine stimulierende Wirkung kann vielleicht helfen, Menschen, die von geistigem Verfall bedroht sind, von Neuem zu beflügeln. Aus dem Gift könnte ein Medikament werden.


Giftig ist Nikotin ganz buchstäblich. Die Tabakpflanze stellt es her, um Fressfeinde unschädlich zu machen. Es ist ein biologisches Insektizid. Wie das ebenfalls anregende Koffein gehört Nikotin zur chemischen Gruppe der Alkaloide. Es wirkt auf vielfältige Weise, vor allem im Gehirn ist es bedeutsam. Hier heftet es sich auf Nervenzellen an Andockstellen des Botenstoffs Acetylcholin. Über diesen Effekt fördert es Aufmerksamkeit, Lernen und das Gedächtnis. Umgekehrt schwinden bei einem Alzheimer-Patienten die Andockstellen für Acetylcholin.

Amerikanische Ärzte haben nun Nikotinpflaster, wie sie Raucher als Hilfe zur Entwöhnung benutzen, bei Menschen mit leichter geistiger Beeinträchtigung erprobt. Bei diesen Personen ist das Gedächtnis auffällig geschwächt, ohne dass ein echter geistiger Verfall, eine Demenz vorliegt. Allerdings erkranken viele Betroffene später an einer Demenz. Wie die Mediziner im Fachblatt Neurology berichten, behandelten sie 74 Menschen mit leichter geistiger Beeinträchtigung, Durchschnittsalter 76, entweder mit einem Nikotinpflaster oder einem Scheinmedikament, Placebo.

Nach einem halben Jahr zogen die Wissenschaftler Bilanz. In der Nikotin-Gruppe hatte sich die geistige Leistungsfähigkeit gebessert. Die Patienten hatten um 46 Prozent zum normalen Denkvermögen ihrer Altersgruppe aufgeholt. In der Placebo-Gruppe war man dagegen um 26 Prozent zurückgefallen. Wie Tests bewiesen, stärkte das Nikotin Aufmerksamkeit, Gedächtnis und geistige Fitness. Von außen, durch die Brille der Ärzte gesehen, war das jedoch nicht unbedingt zu bemerken, obwohl die Patienten und Angehörige über Verbesserungen berichteten.

„Wir brauchen größere und längere Untersuchungen, um die Wirksamkeit zu bestätigen“, sagte der Studienautor Paul Newhouse von der Vanderbilt-Universität in Nashville der Internetseite „Medscape“. Newhouse widmet sich seit 20 Jahren der Erforschung des Nikotins als möglicher Therapie. „Diese Studie ist ein guter Grund, Nikotin bei ersten Zeichen von Gedächtnisverlust zu erproben.“

Vertragen wurde die „Droge“ recht gut, es gab kaum Nebenwirkungen. Der obere Blutdruckwert ging etwas zurück, hinzu kam ein Gewichtsverlust von 2,5 Kilogramm. Keiner der Studienteilnehmer - alles Nichtraucher - wurde abhängig. Trotzdem: Auch ein Nikotinpflaster sollte man nicht ohne ärztliche Kontrolle anwenden. Und natürlich sind Gedächtnisprobleme kein Grund, um mit dem Quarzen anzufangen. Tabakrauch ist ein furchtbares Transportsystem für Nikotin, er steckt voller krebserregender Stoffe.