Der Begriff der »Verschwörungstheorie« löst bei den meisten in der Öffentlichkeit stehenden Menschen und insbesondere bei Journalisten und Akademikern Angstgefühle und Beunruhigung aus. Seit den 1960er Jahren wurde diese Etikettierung zu einem Disziplinierungsmittel, das sich als überwältigend effektiv erwies, wenn es darum ging, zu verhindern, dass bestimmte Ereignisse untersucht oder kritisch hinterfragt wurden. Vor allem in den USA gilt es als schweres Gedankenverbrechen Orwellscher Prägung, die offizielle Darstellung zu bestimmten Ereignissen oder Einstellungen, die darauf abzielt, die öffentliche Meinung (und damit die öffentliche Ordnung) zu beeinflussen, berechtigterweise infrage zu stellen. Und von einem solchen Verbrechen muss das öffentliche Bewusstsein mit allen Mitteln abgehalten werden.
Kennedy
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Das negativ besetzte Verständnis des Begriffs der »Verschwörungstheorie« lässt sich auf den ersten Blick vielleicht auf die bekannten Angriffe des liberalen Historikers Richard Hofstadter auf die »Neue Rechte« zurückführen. Es war allerdings möglicherweise der amerikanische Geheimdienst Central Intelligence Agency (CIA), der den wirksamsten Beitrag dazu leistete, diesen Begriff zu einer »mächtigen Waffe« zu machen. Als die öffentlich zum Ausdruck gebrachte Skepsis gegenüber dem Abschlussbericht der Untersuchungskommission, die sich mit der Ermordung Präsident John F. Kennedys befasste - die nach ihrem Vorsitzenden benannte Warren-Kommission - immer mehr zunahm, verschickte die CIA eine ausführliche Anweisung an alle ihre Büros.

Unter der Überschrift »Gegenmaßnahmen gegen Kritik am Bericht der Warren-Kommission« trug diese Direktive entscheidend dazu bei, den Begriff der »Verschwörungstheorie« zu einem Totschlagargument zu machen, das gegen jede einzelne Person oder Gruppe eingesetzt werden sollte, die die immer stärker ausufernden verdeckten Programme und Aktivitäten der Regierung kritisierte.

Dieses wichtige Dokument und seine tiefgreifenden Auswirkungen auf die amerikanische Politik und die öffentliche Diskussion wurden von dem Politikwissenschaftler Lance deHaven-Smith von der Universität des US-Bundesstaates Florida untersucht, die Ergebnisse werden unter dem Titel Conspiracy Theory in America in Kürze auch in Buchform vorgelegt. Dr. deHaven-Smith untersucht dort auf der Grundlage der Überlegung, dass der Staat gegen die Demokratie gerichtete Verbrechen begeht, die mögliche Verwicklung der Regierung in gewichtige Ereignisse wie den Zwischenfall im Golf von Tonkin, die politischen Morde in den 1960er Jahren und die Anschläge vom 11. September 2001.

Das oben erwähnte CIA-Dokument 1035-960wurde aufgrund eines Antrags der New York Times im Rahmen des Gesetzes zur Informationsfreiheit (Freedom of Information Act, FOIA) aus dem Jahre 1976 freigegeben. Diese CIA-Direktive ist deshalb so besonders bemerkenswert, weil sie die Befürchtung der CIA offenlegt, »das Ansehen der amerikanischen Regierung« könnte aufgrund des Berichtes der Warren-Kommission grundlegenden Schaden nehmen. Dem Geheimdienst war vor allem daran gelegen, sein eigenes Ansehen und seine Rolle zu wahren, da er »die Untersuchung der Warren-Kommission mit Informationen« versorgt hatte.

In dem Memorandum werden in allen Einzelheiten verschiedene Aktionen und Vorgehensweisen dargelegt, mit denen man »den Behauptungen der Verschwörungstheoretiker entgegentreten und sie diskreditieren« könnte, um so »die Verbreitung derartiger Behauptungen in anderen Ländern zu unterbinden«. So wurde vorgeschlagen, sich »an befreundete Personen aus der Elite (insbesondere Politiker und Verleger) zu wenden«, um diese noch einmal darauf hinzuweisen, dass die Integrität und Plausibilität der Warren-Kommission besonders hervorgehoben werden sollte. »Die Vorwürfe der Kritiker sind unbegründet«, heißt es in dem Dokument dazu, und »jede weitere spekulative Diskussion spielt nur der kommunistischen Opposition in die Hände«.

Die CIA weist ihre Mitarbeiter an, Kontakte und Einflussagenten aus dem Propagandabereich darauf anzusetzen, »die Angriffe der Kritiker inhaltlich abzustreiten und zurückzuweisen. Buchbesprechungen und Themenartikel sind zu diesem Zweck besonders gut geeignet«.

Das Dokument 1035-960 beschreibt dann besondere Vorgehensweisen, um »von Verschwörungstheorien getragene« Argumente, die sich gegen die Ergebnisse der Warren-Kommission richten, zu widerlegen. Einige der folgenden Einwände und ihre Verknüpfung mit dem negativ besetzten Begriff der »Verschwörungstheorie« tauchen seither gebetsmühlenartig immer wieder in verschiedensten Formen in der Berichterstattung der Medien, in Kommentaren und Äußerungen führender Politiker auf und richten sich gegen diejenigen, die wahrhaftige Aufklärung und die Übernahme von Verantwortung im Zusammenhang mit bedeutenden und wirkungsmächtigen Ereignissen fordern:
  • Es sind keine neuen Beweise aufgetaucht, die die Warren-Kommission nicht berücksichtigt hat.
  • Kritiker überbewerten in der Regel bestimmte Einzelaspekte und vernachlässigen andere.
  • Es wäre in den USA unmöglich, eine oft behauptete Verschwörung dieses Ausmaßes geheim zu halten.
  • Kritiker lassen sich oft von einem gewissen intellektuellen Hochmut leiten: Sie entwickeln eine bestimmte Theorie und halten dann um jeden Preis daran fest.
  • Oswald würde von keinem vernünftigen Menschen als Mitverschwörer ausgesucht.
  • Vage Vorwürfe wie etwa, es seien »mehr als zehn Personen [während der Ermittlungen der Warren-Kommission] unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen«, lassen sich immer auf vernünftige Weise erklären. So sind die betreffenden Personen zum großen Teil aus natürlichen Gründen verstorben.
Heutzutage sind Moderatoren der Nachrichtenkanäle und -sendungen und Kommentatoren mehr denn je in der Lage, gegen jeden, der es wagt, die offiziellen Darstellungen und Narrative umstrittener und in ihrer Bedeutung oft wenig verstandener Ereignisse infrage zu stellen, Propagandaaktivitäten zu entfalten, die sehr an die Methoden erinnern, wie sie in dem Dokument 1035-960 dargelegt wurden. Und da die Beweggründe und Vorgehensweisen, wie sie dort dargelegt werden, offenbar von vielen Intellektuellen verinnerlicht und von bestimmten Medien fast bis zur Perfektion ausgestaltet wurden, ist die fast widerstandslose Akzeptanz der Öffentlichkeit gegenüber der offiziellen Darstellung unaufgeklärter Ereignisse - wie etwa des Bombenanschlags auf den Alfred-P.-Murrah-Komplex in Oklahoma, der Sitz verschiedener Regierungsbehörden war, 1995, der Anschläge vom 11. September 2001 und des Amoklaufs an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown vor wenigen Wochen - praktisch garantiert.

Die Auswirkungen wissenschaftlicher und journalistischer Untersuchungen und Ermittlungen im Falle mehrdeutiger und bisher ungeklärter Ereignisse, die dann wiederum die Öffentlichkeit zu weiteren Untersuchungen, öffentlichen Diskussionen und Aktionen mobilisieren, sind dramatisch und können in ihrer Wirkung kaum unterschätzt werden. Man muss sich nur den immer weiter ausufernden Polizeistaat und die Aushöhlung der Bürgerrechte und des Schutzes der verfassungsmäßigen Rechte vor Augen führen, um zu erkennen, wie nachhaltig diese subtile und irreführende Einschüchterungstaktik das Potenzial für Selbstbestimmung und eine starke Zivilgesellschaft bereits beeinträchtigt hat.


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