Das Olympische Komitee will sich keine Karteileichen mehr leisten - deshalb wird der Traditionssport Ringen aussortiert. Seit sich die Jugend der Welt immer extremeren Sportarten zuwendet, blickt das IOC sorgenvoll in die Zukunft. Action, Spannung, Rasanz sind die modernen Kriterien, Bildschirm-kompatibel muss das Ganze sein.
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So spektakulär ist Ringen - aber auch so klassisch: Die Sportart steht nun vor dem Aus bei Olympia.
Auch die in Lausanne versammelte Fachpresse war überrumpelt von dem Beschluss, den das Internationale Olympische Komitee am Dienstag traf: Ausgerechnet das altehrwürdige Ringen soll von den Spielen 2020 an nicht mehr olympische Kernsportart sein. Dabei hätten sie es sich denken können. Schon beim lockeren Spekulieren vor der IOC-Sitzung war ja die Frage umgegangen, wer eigentlich derzeit Präsident des Ringer-Weltverbandes sei; keiner kam drauf. Und dass es drinnen im IOC-Hauptquartier manchem olympischen Vorstandsherren ebenso erging, darf angenommen werden.

Solche Anekdoten zeigen, warum der Traditionssport Ringen aussortiert wurde: Karteileichen mag sich das Olympische Komitee nicht mehr leisten. Seit sich die Jugend der Welt alternativen, immer extremeren Sportarten zuwendet, blickt das IOC sorgenvoll in die Zukunft seiner Spiele. 2010 fanden gar die ersten Olympischen Jugendspiele statt. Action, Spannung, Rasanz sind die modernen K.-o.-Kriterien, Bildschirm-kompatibel muss das Ganze sein. Dies hat das IOC den erschütterten Ringern im Kondolenzschreiben zum Rauswurf mitgeteilt: Man sei ständig "bemüht, die Spiele für die Sportfans aus allen Generationen als bedeutend zu erhalten".

Weil das aber nur ein Teil der Wahrheit ist, gibt es für die urolympischen Ringer noch Hoffnung: Sie ziehen in eine Trostrunde ein, können sich gegen so merkwürdige Übungen wie Wakeboard (Wellenreiten auf dem Brett) und Wushu (chinesische Kampfkunst) ins Spieleprogramm zurückkämpfen. Bis dahin müssen die Funktionäre allerdings das Defizit überwinden, dass auch ihrem Sport zum Nachteil wurde: Bewegungsarmut. Auf der Matte herrscht ja allzu oft Stillstand, wenn sich bulldozerhafte Gestalten aus Armenien oder Kasachstan schnaubend fest umklammert halten.

Neueinsteiger: Golf und Rugby

Da guckt mancher doch lieber andere Randsportarten - wie den Modernen Fünfkampf, der ebenfalls stark gefährdet war, doch über sein neues Laserschießen den Nachwuchs anzulocken vermag. Hier gibt es viel Entwicklungspotenzial in Richtung Playstation. Aus Griechisch-Römisch oder Freistil aber lässt sich kein Computerspiel generieren; das Ringen hat sich über die letzten Jahrtausende wenig verändert.

Andererseits lässt sich im Sport manche disziplinäre Schwäche mit politischen Mitteln wettmachen. Das zeigt der Blick auf die Neueinsteiger bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro: Golf und Rugby. Letzteres schätzt IOC-Präsident Jacques Rogge, der belgischer Auswahlspieler war. Und Golf ist zwar nicht Trendsport unter den Kids, aber reich und bestens vernetzt.

Mit gezielter Lobbyarbeit im Olymp lässt sich just in einem Superwahljahr wie 2013 manches erreichen. Bei der IOC-Sitzung im Herbst sind die Mitglieder für vieles offen: Gewählt wird die Olympiastadt 2020, im Ring stehen Istanbul, Tokio, Madrid. Auch Rogges Nachfolger wird gekürt, längst sind die Kandidaten diskret unterwegs. Und schließlich rücken zwei, drei Sportarten ins Spieleprogramm nach. Auch Ringen - wenn die Lobbyarbeit olympiareif wird.