Wie allen Amerikanern wurde auch mir beigebracht, dass die USA die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden und sowohl amerikanische wie japanische Menschenleben zu retten.

Aber die meisten führenden amerikanischen Militärs vertraten damals eine andere Auffassung.
Japan
Die amerikanische Untersuchungsgruppe Strategic Bombing Survey (USSBS), die im August 1945 von Präsident Truman beauftragt worden war, die Auswirkungen der Luftangriffe auf Japan zu untersuchen, kam in ihrem Bericht vom Juli 1946 zu dem Schluss:
 »Auf der Grundlage einer ausführlichen Untersuchung aller Tatsachen und unter Berücksichtigung der Aussagen der überlebenden beteiligten japanischen Führer, vertritt die Untersuchungsgruppe die Auffassung, Japan hätte auch ohne den Abwurf der Atombomben,mit Sicherheit vor dem 31. Dezember 1945 und aller Wahrscheinlichkeit nach schon vor dem 1. November 1945 kapituliert. [Dies gilt auch dann,] wenn Russland nicht in den Krieg eingetreten und eine Invasion weder geplant noch angedacht worden wäre.« (United States Strategic Bombing Survey: »Japans’s Struggle to End the War«, 1. Juli 1946, Harry S. Truman Administration, Elsey Papers, S. 50)


Der spätere Präsident General Dwight Eisenhower war zum damaligen Zeitpunkt »Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte« in Nordwesteuropa (»Supreme Commander of Allied Expeditionary Forces«, SHAEF) und für einen Großteil der amerikanischen militärischen Planungen des Zweiten Weltkriegs für Europa und Japan zuständig. Er erklärte damals: »Die Japaner waren zur Kapitulation bereit, und es war unnötig, sie noch mit diesen furchtbaren [Waffen] anzugreifen.« (Newsweek, 11.11.63, »Ike on Ike«.)

In seinen Memoiren über seine Zeit als Präsidenti schrieb er:
 »Im [Juli] 1945 ... berichtete mir Kriegsminister Stimson bei einem Besuch in meinem Hauptquartier in Deutschland, unsere Regierung bereite den Abwurf einer Atombombe auf Japan vor. Ich gehörte zu denjenigen, die der Ansicht waren, gegen die Weisheit dieser Vorgehensweise sprächen zahlreiche stichhaltige Gründe... Der Minister informierte mich über die erfolgreichen Bombentests in Neu-Mexiko und die Pläne für den Einsatz [der Bombe]. Er fragte mich, was ich davon hielte, und erwartete offenbar lebhafte Zustimmung.

Noch während er die wichtigsten Tatsachen darlegte, wurde ich einer depressiven Stimmung meinerseits gewahr, und so machte ich ihm gegenüber meine Bedenken und mein Missbehagen deutlich, denn ich war überzeugt, dass Japan erstens bereits besiegt und ein Bombenabwurf daher völlig unnötig sei, und es zweitens mein Land vermeiden sollte, die Weltöffentlichkeit durch den Einsatz einer solchen Waffe, der nicht länger damit zu rechtfertigen sei, amerikanische Menschenleben zu retten, zu schockieren. Nach meiner Überzeugung suchte Japan bereits nach Möglichkeiten, mit einem möglichst geringen ›Gesichtsverlust‹ zu kapitulieren. Der Minister verwunderte sich sehr über meine Haltung...« 
Admiral William Leahy, von 1942 bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst 1949 der höchstrangige amerikanische Militär, war der erste Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs und maßgeblich an allen größeren militärischen Entscheidungen im Zweiten Weltkrieg beteiligt. In seinen Memoirenii heißt es:
»Aus meiner Sicht hat der Einsatz dieser barbarischen Waffe in Hiroshima und Nagasaki unseren Krieg gegen Japan in materieller Hinsicht in keiner Weise unterstützt. Die Japaner waren aufgrund der wirksamen Seeblockade und der erfolgreichen Luftangriffe mit konventionellen Waffen bereits besiegt und zur Kapitulation bereit.

Die todbringenden Möglichkeiten atomarer Kriegführung in der Zukunft sind erschreckend. Und meiner Ansicht nach übernahmen wir, indem wir als erste diese Waffe einsetzten, moralische Werte, die denen der Barbaren der dunklen Zeitalter vergleichbar waren. Ich war nicht dazu ausgebildet worden, Kriege dieser Art zu führen, und Kriege können nicht dadurch gewonnen werden, dass man Frauen und Kinder tötet.« 
Auch General Douglas MacArthur stimmte dem zu, wie Norman Cousins in seinem Buch The Pathology of Poweriii berichtet:
 »MacArthurs Urteil zur Entscheidung, die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen, unterschied sich erheblich von dem, was die allgemeine Meinung erwartete... Als ich General MacArthur nach seiner Meinung über den Bombenabwurf fragte, erfuhr ich überrascht, dass er überhaupt nicht nach seiner Einschätzung gefragt worden war. Wie hätte denn, hakte ich nach, sein Rat gelautet? Er entgegnete, seiner Auffassung nach lasse sich der Abwurf aus militärischer Sicht nicht rechtfertigen. Der Krieg hätte wahrscheinlich mehrere Wochen früher geendet, wenn die USA schneller der Beibehaltung des Kaisertums und der Rolle des Tenno zugestimmt hätten, wie sie es dann später ja auch taten.« 
Und an anderer Stelleiv heißt es:
 »Die Potsdamer Erklärung vom Juli forderte, die Japaner müssten bedingungslos kapitulieren, andernfalls hätten sie mit ›umgehender und völliger Zerstörung‹ zu rechnen. MacArthur war entsetzt. Er wusste, die Japaner würden niemals ihren Kaiser aufgeben, und ohne ihn wäre ein geordneter Übergang zum Frieden ohnehin unmöglich, weil sich sein Volk niemals einer Besetzung durch die Alliierten unterwerfen würde, wenn er es nicht befähle. Ironischerweise war die Kapitulation, als sie dann erfolgte, keineswegs bedingungslos, und die Bedingung lautete, dass das Kaisertum bewahrt werde. Wäre dem Rat des Generals gefolgt worden, wäre der Rückgriff auf Atomwaffen in Hiroshima und Nagasaki möglicherweise unnötig gewesen.« 
John McCloy, Staatssekretär im Kriegsministerium, sah das ähnlichv:
 »Ich hatte immer den Eindruck, hätten wir in unserem Ultimatum an die japanische Regierung, das [im Juli 1945] in Potsdam gestellt worden war, die Beibehaltung des Tenno als einem konstitutionellen Monarchen erwähnt und auch auf einen vernünftigen Zugang der zukünftigen japanischen Regierung auf Rohstoffe Bezug genommen, wäre [das Ultimatum] wohl akzeptiert worden. Sogar trotz der Art und Weise, wie es übermittelt wurde, gab es von Seiten der Japaner Anzeichen der Bereitschaft, es günstig aufzunehmen. Als der Krieg vorbei war, kam ich nach Gesprächen mit einigen japanischen Regierungsvertretern, die an der Entscheidung der japanischen Regierung, das Ultimatum in der vorliegenden Form zurückzuweisen, beteiligt waren, zu diesem Schluss. Meiner Meinung nach haben wir die Chance vertan, eine für uns völlig zufriedenstellende japanische Kapitulation zu erreichen, ohne dass die Atombombenabwürfe notwendig gewesen wären.« 
Und Marineminister Ralph Bird erklärte:
 »Meiner Ansicht nach waren die Japaner zum Frieden bereit, und sie hatten sich bereits an die Russen und, wenn ich mich recht erinnere, auch an die Schweiz gewandt. [Und ich bin überzeugt,] eine Warnung [vor einem Einsatz der Atombomben] wäre aus ihrer Sicht eine gesichtswahrende Alternative gewesen, der sie ohne weiteres zugestimmt hätten...

Ich bin der Meinung, der Krieg gegen Japan war bereits vor dem Abwurf der Atombombe gewonnen. Es wäre daher nicht notwendig gewesen, unsere nuklearen Möglichkeiten offenzulegen und die Russen zu bewegen, das gleiche viel schneller zu entwickeln, als es der Fall gewesen wäre, hätten wir die Bomben nicht abgeworfen.«vi
Und an anderer Stellevii bemerkte er:
 »Für mich stand fest, die Japaner wurden immer schwächer und schwächer. Sie waren von der Marine eingeschlossen. Sie konnten Güter weder exportieren noch importieren. Im Lauf der Zeit und wenn sich der Krieg zu unseren Gunsten entwickelte, konnte man mit einiger Logik hoffen und erwarten, dass die Japaner bereit wären, Frieden zu schließen, wenn man ihnen eine angemessene Warnung zukommen ließe. Dann wären der Abwurf der Bomben und die Einbeziehung der Russen unnötig gewesen.« 
Kurz vor dem Abwurf der beiden Atombomben über Japan erklärte der als Raubein und »Falke« bekannte, Zigarren rauchende Luftwaffengeneral Curtis LeMayviii öffentlich:
 »Der Krieg wäre in zwei Wochen ohnehin zu Ende gewesen... Die Atombomben haben mit dem Kriegsende nicht das geringste zu tun.« 
Der stellvertretende Vorsitzende des USSBS, Paul Nitze, bemerkteix:
 »[Ich] kam zu dem Schluss, auch ohne die Atombomben werde Japan sich vermutlich innerhalb weniger Monate geschlagen geben. Nach meiner eigenen Schätzung würde Japan im November 1945 kapitulieren...

Selbst ohne die Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki schien es vor dem Hintergrund dessen, was wir über die Stimmung der japanischen Regierung wussten, sehr unwahrscheinlich, dass noch eine amerikanische Invasion der Inseln [, die am 1. November 1945 beginnen sollte,] erforderlich wäre.« 
Und der damalige stellvertretende Leiter des amerikanischen Marinegeheimdienstes Ellis Zacharias schriebx:
 »Gerade als die Japaner zur Kapitulation bereit waren, machten wir den ersten Schritt und konfrontierten die Welt mit der zerstörerischsten Waffe, die sie jemals gesehen hatte, und gaben damit als einen weiteren Effekt den Russen das Signal, in Ostasien einzudringen.

Washington hatte entschieden, Japan habe seine Chance vertan, und jetzt sei es an der Zeit, die Atombombe einzusetzen.

Ich bin der Auffassung, dass diese Entscheidung falsch war. Sie war falsch aus strategischen Gründen, und sie war falsch aus humanitären Gründen.« 
Der hochrangige Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes, General Carter Clarke, der für die Zusammenfassung der abgefangenen japanischen Depeschen für Präsident Truman und seine Berater verantwortlich war, schriebxi:
 »Wenn wir es nicht tun mussten, und wir wussten, dass wir es nicht tun mussten, und sie wussten, dass wir wussten, dass wir es nicht machen mussten, haben wir sie [die Japaner] als Testobjekte für den Einsatz zweier Atombomben benutzt.« 
Viele andere hochrangige Militärs äußerten sich in diesem Zusammenhang. Hier eine Auswahlxii:
 »Der Oberkommandierende der amerikanischen Flotte und Chef der Marineoperationen, [Flottenadmiral] Ernest J. King, erklärte, die Seeblockade und die vorangegangenen Luftangriffe auf Japan im März 1945 hätten die Japaner in eine aussichtslose Lage gebracht. Der Einsatz der Atombomben sei daher sowohl unnötig als auch unmoralisch. Flottenadmiral Chester W. Nimitz soll auf einer Pressekonferenz am 22. September 1945 erklärt haben: ›Der Admiral nutzte die Gelegenheit, um sich denjenigen anzuschließen, die überzeugt seien, Japan sei vor dem Abwurf der Atombomben und dem Eintritt der Russen in den Krieg [in Asien] besiegt gewesen.‹ In einer späteren Rede vor dem Washington-Monument erklärte Admiral Nimitz am 5. Oktober 1945: ›Die Japaner hatten in Wirklichkeit schon vor der Verkündung des Atomzeitalters durch die Zerstörung Hiroshimas und vor dem Eintritt der Russen in den Krieg um Frieden nachgesucht.‹ Später wurde bekannt, dass am oder um den 20. Juli 1945 herum General Eisenhower Truman bei einem persönlichen Gespräch gedrängt hatte, die Atombomben nicht einzusetzen. Nach Eisenhowers Einschätzung ›war es nicht notwendig, mit dieser schrecklichen [Waffe] gegen sie vorzugehen..., die Atombombe einzusetzen, Zivilisten zu töten und zu terrorisieren, ohne auch nur Verhandlungen anzubieten, ist ein zweifaches Verbrechen‹. Eisenhower machte zudem deutlich, dass Truman dem Druck [nur einer Handvoll Personen, die den Präsidenten zum Einsatz der Atombombe drängten,] nicht nachgeben müsse.« 
Auch britische Offiziere vertraten diese Auffassung. So erklärte General Sir Hastings Ismay gegenüber Premierminister Winston Churchill: Wenn Russland »in den Krieg gegen Japan eintritt, sind die Japaner wahrscheinlich mit Ausnahme der Abschaffung des Tennotums zu allen Zugeständnissen bereit.« Als Ismay später von den erfolgreichen Atomtests hörte, habe er privat »angewidert« reagiert.

Wurden die Bomben ohne jeden militärischen Nutzen über bevölkerungsreichen Städtenabgeworfen?

Selbst Militärs, die den Einsatz von Atomwaffen befürworteten, hätten es vorgezogen, die Bomben über unbewohnten Gebieten oder über militärischen Zielen in Japan - aber keinesfalls über Städten - abzuwerfen.

So schlug etwa der Sonderassistent des Marineministers Lewis Strauss seinem Minister James Forrestal vor, eine abschreckende Demonstration der Atomwaffe ohne tödliche Folgen würde die Japaner wohl zur Kapitulation bewegen ... und der Marineminister stimmte diesem Vorschlag zu:xiii
 »Ich schlug dem Marineminister vor, die [Wirkung der] Bombe erst einmal zu demonstrieren, bevor sie eingesetzt werde. Hauptsächlich deswegen, weil zahlreichen Menschen, darunter auch mir, klar war, dass der Krieg sehr bald vorbei sein würde. Die Japaner standen kurz vor einer Kapitulation... Mein Vorschlag an den Marineminister sah vor, die [Wirkung der] Waffe über einem Gebiet zu demonstrieren, das auch japanischen Beobachtern zugänglich wäre und wo die Auswirkungen sehr dramatisch ausfielen. Ich erinnere mich, damals als günstigen Platz für eine solche Demonstration einen großen Zedernwald in der Nähe Tokios vorgeschlagen zu haben. Die Cryptomeria japonica (japanische Zeder) ist die japanische Form unseres Küstenmammutbaums... Ich ging dabei davon aus, eine Detonation der Bombe in geeigneter Höhe über einem solchen Wald ... würde die Bäume vom Explosionszentrum ausgehend in Schwaden wie Streichhölzer abknicken und sie natürlich im Zentrum auch in Brand setzen. Eine Demonstration dieser Art würde den Japanern zeigen, zu welchem Ausmaß der Zerstörung wir auch in ihren Städten jederzeit in der Lage wären... Minister Forrestal stimmte diesem Vorschlag rückhaltlos zu...

Meiner Ansicht nach war eine Waffe dieser Art, die, einmal eingesetzt, zum festen Bestandteil aller Waffenarsenale weltweit werden würde, nicht erforderlich, um den Krieg zu einem erfolgreichen Ende zu bringen...« 
General Marshallxiv stimmte dem zu:
 »Aus zeitgenössischen Dokumenten geht hervor, dass Marshall den Eindruck hatte, ›diese Waffen sollten zuerst gegen klassische militärische Ziele, wie eine große Einrichtung der Kriegsmarine etwa, eingesetzt werden. Sollte die Reaktion nicht so wie erhofft ausfallen, sollte man seiner Ansicht nach als nächstes Ziel große Produktionsanlagen auswählen und die Menschen vor dem Angriff zum Verlassen auffordern, indem man den Japanern mitteilte, das wir beabsichtigten, diese Zentren zu zerstören...‹

Dieses Dokument, das sich auf die Ansichten Marshalls bezieht, deutet darauf hin, dass sich die Frage, ob der Einsatz der Atombombe gerechtfertigt sei, veränderte und [nunmehr die Frage betraf], ob die Bomben gegen ein großes ziviles Ziel und nicht in erster Linie gegen ein rein militärisches Ziel eingesetzt werden sollten - und dies waren auch seitdem tatsächlich die ausdrücklichen Wahlmöglichkeiten. Auch wenn sich japanische Truppen in den beiden Städten aufhielten, waren weder Hiroshima noch Nagasaki für die amerikanischen Militärplaner von überragendem Interesse. (Aus diesem Grund waren beide Städte im bisherigen Kriegsverlauf noch von schweren Luftangriffen verschont geblieben.) Daher richteten sich die Angriffe [auf Hiroshima und Nagasaki] ausdrücklich gegen zivile Einrichtungen und Anlagen, die von Arbeiterwohnhäusern umringt waren.« 
Historiker vertreten ebenfalls die Auffassung, die Bombenangriffe seien unnötig gewesen

Historiker stimmen darin überein, dass die Atomwaffen nicht eingesetzt werden mussten, um den Krieg zu beenden oder Leben zu retten. So bemerkt der Historiker Doug Longxv:
 »Der Historiker der amerikanischen Atomaufsichtsbehörde Nuclear Regulatory Commission J. Samuel Walker hat die geschichtlichen Forschungen zur Entscheidung, Atomwaffen gegen Japan einzusetzen, untersucht. Am Ende schreibt er: ›Unter den Wissenschaftlern herrscht der Konsens vor, [der Einsatz der] Bombe sei nicht erforderlich gewesen, um eine Invasion Japans zu vermeiden und den Krieg in relativ kurzer Zeit zu beenden. Es gab offensichtlich Alternativen zur Bombe, und Truman und seinen Beratern war dies bekannt.‹ (Zitiert nach: J. Samuel Walker, ›The Decision to Use the Bomb: A Historiographical Update‹, in: Diplomatic History, Winter 1990, S. 110.)« 
Zustimmung auch aus der Politik

Auch viele hochrangige Politiker sahen das so - Herbert Hoover beispielsweise erklärtexvi:
 »Die Japaner waren von Februar 1945 ... bis zum Bombenabwurf zu Verhandlungen bereit; wären diese Ansätze aufgegriffen worden, hätte es keinerlei Anlass gegeben, die [Atom-] Bomben abzuwerfen.« 
Und der Staatssekretär des Außenministeriums Joseph Grew schriebxvii:
 »Im Lichte der verfügbaren Hinweise sind ich selbst und auch andere überzeugt: Wäre im Mai 1945 eine unzweideutige Klarstellung dazu erfolgt, dass das Tennotum beibehalten werden sollte, hätten die Teile der japanischen Regierung, die eine Kapitulation befürworteten, durch eine solche Erklärung gute Gründe gehabt und möglicherweise auch die nötige Stärke besessen, früher zu einer eindeutigen Entscheidung zu kommen.

Wäre die Kapitulation bereits im Mai 1945 oder auch noch im Juni oder sogar Juli, also vor dem Eintritt der Russen in den [Pazifik-] Krieg und dem Einsatz der Atombombe, erfolgt, hätte die Welt viel gewonnen.« 
Warum wurden dann die Atombomben überhaupt über Japan abgeworfen?

Wenn die Bombenabwürfe keine wesentlichen Auswirkungen auf das Kriegsende hatten und auch nicht dazu beitrugen, Menschenleben zu retten, warum wurde dann trotz der Einwände und Widerstände so vieler führender Militärs und Politiker die Entscheidung zum Abwurf getroffen?

Eine Theorie besagt, dass Wissenschaftler ihre Spielzeuge eben gerne einmal ausprobieren wollenxviii:
 »Am 9. September 1945 wurde Admiral William F. Halsey, seines Zeichens Kommandeur der Sechsten US-Flotte, ausführlich mit seiner Einschätzung zitiert, die Atombomben seien eingesetzt worden, weil die Wissenschaftler ›dieses Spielzeug besaßen und es einmal ausprobieren wollten... [Der Abwurf der] ersten Atombombe war ein unnötiges Experiment... Es war ein Fehler, sie überhaupt abzuwerfen.‹« 
Aber auch die meisten der im Rahmen des Manhattan-Projekts an der Entwicklung der Atombombe beteiligten Wissenschaftler waren gegen den Einsatz gegen Japan. Albert Einstein, ein wichtiger Wegbereiter der Entwicklung der Atombombe, wenn auch nicht direkt am Manhattan-Projekt beteiligt, erklärte demgegenüber: »›Eine große Mehrheit der Wissenschaftler lehnte den übereilten Einsatz der Bombe ab.‹ Aus Einsteins Sicht handelte es sich beim Abwurf der Bombe um eine politisch-diplomatische und weniger um eine militärische oder wissenschaftliche Entscheidung.« 

Tatsächlich hatten einige am Manhattan-Projekt beteiligte Wissenschaftler versucht, Verteidigungsminister [George Harrison] mit einem Schreiben vom Abwurf der Bombe abzubringenxix:
 »Wir sind der Überzeugung, dass diese Überlegungen den Einsatz von Nuklearbomben für einen frühen, unangekündigten Angriff auf Japan nicht angeraten sein lassen. Sollten die Vereinigten Staaten diese neuen Mittel rücksichtsloser Zerstörungskraft auf die Menschheit loslassen, würden sie in der ganzen Welt an öffentlicher Unterstützung verlieren, ein neues Wettrüsten auslösen und die Chancen, eine internationale Vereinbarung über zukünftige Kontrollen und Beschränkungen dieser Waffen zu erreichen, beeinträchtigen.« (Zitiert nach: Political and Social Problems, Manhattan Engineer District Records, Harrison-Bundy-Akten, Ordner Nr. 76, National Archives (ebenfalls abgedruckt in: Martin Sherwin, A World Destroyed, 1987, S. 323-333.)
Die Wissenschaftler bezweifelten, dass die Zerstörung japanischer Städte mit Atombomben die Kapitulation herbeiführen werde, wenn die Zerstörung japanischer Städte mit konventionellen Bomben dieses Ziel nicht erreicht habe, und befürworteten - wie auch einige der oben angeführten Militärs - eine Demonstration der Bombe für Japan in einer unbewohnten Gegend.

Die wirkliche Erklärung?

Die Internetplattform History.com bemerktxx:
 »In den Jahren, die seit dem Abwurf der beiden Atombomben über Japan vergangen sind, haben einige Historiker die These aufgestellt, mit den Waffen seien zwei Ziele verfolgt worden ... Als zweites Ziel wurde vorgebracht, diese neuen Massenvernichtungswaffen sollten der Sowjetunion vorgeführt werden. Ab August 1945 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den USA immer mehr. Die Konferenz in Potsdam, an der der amerikanische Präsident Harry S. Truman, der russische Machthaber Josef Stalin und Winston Churchill teilnahmen (bis Churchill dann nach seiner Wahlniederlage durch Clement Attlee ersetzt wurde), ging nur vier Tage vor dem Abwurf über Hiroshima zu Ende. Dieses Treffen war bereits von gegenseitigen Schuldzuweisungen und Argwohn zwischen Amerikanern und Sowjets geprägt. Russische Armeen besetzten den Großteil Osteuropas. Truman und viele seiner Berater hofften, dass ein amerikanisches Monopol im atomaren Bereich den USA größeren diplomatischen Einfluss auf die Sowjets verschaffen würde. Vor diesem Hintergrund könnte der Abwurf der Atombomben über Japan als der erste Schlagabtausch im Kalten Krieg bezeichnet werden.« 
Und das Wissenschaftsmagazin New Scientist berichtete 2005xxi:
 »Die amerikanische Entscheidung, 1945 Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen, sollte eher den Kalten Krieg anstoßen als den Zweiten Weltkrieg beenden, erklären zwei Historiker, die sich besonders mit dem Nuklear-Bereich beschäftigt haben, und behaupten, sie verfügten über neue Beweise, die diese umstrittene Theorie untermauerten.

Nach ihrer Auffassung sollte die bewusste Herbeiführung einer Kernspaltungsreaktion unter Beteiligung mehrerer Kilogramm Uran und Plutonium sowie die Tötung von mehr als 200.000 Menschen vor mehr als 60 Jahren eher die Sowjetunion beeindrucken als Japan in die Knie zwingen, ergänzen sie. Die [politische und moralische] Verantwortung dafür trage der amerikanische Präsident, der diese Entscheidung getroffen habe - Harry S. Truman. ›Er wusste, dass er damit die Auslöschung der Menschheit in Gang setzte‹, erklärte Peter Kuznick, Direktor des Instituts für nukleare Studien an der Amerikanischen Universität in Washington. ›Es geht nicht nur um ein Kriegsverbrechen, es handelt sich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit‹...

[Die traditionelle Sichtweise, wonach die Bomben eingesetzt wurden, um den Krieg zu beenden und Menschenleben zu retten,] wird von Kuznick und Mark Selden, einem Historiker von der Cornell-Universität in Ithaca im US-Bundesstaat New York angezweifelt...

Neue Untersuchungen amerikanischer, japanischer und sowjetischer diplomatischer Archive legen nahe, dass Trumans wichtigster Grund darin bestand, die Ausweitung des sowjetischen Einflusses in Asien einzudämmen, behauptet Kuznick. Japan habe aufgrund der sowjetischen Invasion, die wenige Tage nach den Atombombenabwürfen begann, und nicht wegen der Atombomben an sich kapituliert.

Aus einem Bericht Walter Browns, Assistent des damaligen amerikanischen Außenministers James Byrne, geht hervor, dass Truman in einer Sitzung, die drei Tage vor dem Atombombenabwurf über Hiroshima stattfand, einräumte, dass Japan ›den Frieden sucht‹. Seine Generäle Douglas MacArthur und Dwight D. Eisenhower sowie sein Marinechef William Leahy hatten Truman deutlich gemacht, die Bombe habe keinerlei militärischen Nutzen.

Russland zu beeindrucken, war wichtiger als den Krieg gegen Japan zu beenden‹, sagte Selden.« 
John Pilger verweist daraufxxii:
 »Der amerikanische Kriegsminister Henry Stimson erklärte gegenüber Präsident Truman, er ›befürchte‹, die amerikanische Luftwaffe hätte Japan mit ihren Luftangriffen bereits so zugesetzt, dass die ›neue Waffe ihre Stärke nicht wirklich unter Beweis‹ stellen könnte. Später räumte er ein, es seien ›keine Anstrengungen unternommen worden, und niemand habe ernsthaft darüber nachgedacht, ob man nicht lieber versuchen solle, die Kapitulation ohne den Einsatz der Bombe zu erreichen‹. Seine Kollegen vom Außenministerium seien ›darauf erpicht gewesen, die Russen mit der Bombe, die wir praktisch schussbereit an unserer Hüfte trugen, einzuschüchtern‹. General Leslie Groves, der Leiter des Manhattan-Projekts, das die Bombe entwickelte,sagte später aus: ›Ich selbst habe niemals daran gezweifelt, dass Russland unser Feind war, und dass das ganze Projekt auf der Grundlage dieser Einschätzung durchgeführt wurde. Am Tag nach der Zerstörung Hiroshimas zeigte sich Truman angesichts des ›überwältigenden Erfolgs‹ des ›Experiments‹ sehr zufrieden.« 
Das Schlusswort überlassen wir dem Professor für Politische Ökonomie der Universität von Maryland, früheren hochrangigen Mitglied des Verwaltungsstabes des amerikanischen Kongresses (Legislative Director) und Sonderbeauftragten des US-Außenministeriums Gar Alperovitzxxiii/xxiv:
 »Auch wenn sich die meisten Amerikaner dessen nicht bewusst sind, erkennen die meisten Historiker heute an, dass die USA die Atombombe nicht einsetzen mussten, um den Krieg gegen Japan 1945 zu beenden. Darüber hinaus wurde diese grundlegende Einschätzung in den Jahren nach Kriegsende von der großen Mehrheit der führenden amerikanischen Militärs aller Waffengattungen (Armee, Marine und Luftwaffe) zum Ausdruck gebracht. Diese Einschätzung galt damals keineswegs als ›liberal‹, wie heute teilweise gedacht wird. Tatsächlich gingen führende Konservative in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in ihrer Kritik an der als ungerechtfertigt und unmoralisch angesehenen Entscheidung deutlich weiter als amerikanische Liberale...

Statt [andere Optionen zu ergreifen, den Krieg zu beenden, wie etwa zuzulassen, dass die Sowjets Japan mit Bodentruppen angreifen,] beeilten sich die USA damit, zwei Atombomben praktisch genau in dem Zeitraum einzusetzen, für den eigentlich der Beginn des sowjetischen Angriffs geplant war (der 8. August). Hiroshima wurde am 6. August und Nagasaki am 9. August bombardiert. Die Wahl dieses Zeitpunkts hat offensichtlich für viele Historiker Fragen aufgeworfen. Auf der Grundlage der verfügbaren Belege lässt sich zwar nicht endgültig beweisen, aber doch mit hohem Grad an Gewissheit schlussfolgern, dass die Atombomben teilweise eingesetzt wurden, weil es die amerikanische Führung ›vorzog‹ - wie es der Pulitzer-Preisträger und Historiker Martin Sherwin formulierte - , den Krieg mit Bomben als mithilfe des sowjetischen Angriffs zu gewinnen. Offensichtlich wurde [die Entscheidung] in erheblichem Maße [durch den Wunsch] beeinflusst, die Sowjets in den ersten diplomatischen Rangeleien, aus denen dann letztlich der Kalte Krieg erwuchs, zu beeindrucken...

Aber die Sichtweise, die das meiste Licht auf diese Angelegenheit wirft, stammt aus den Kreisen führender amerikanischer Militärs des Zweiten Weltkrieges. Nach allgemeiner und fest verwurzelter Auffassung retteten die Atombomben eine Million Menschenleben... die meisten Amerikaner haben sich aber bisher nicht die Mühe gemacht, sich einmal über einen Aspekt Gedanken zu machen, der jedem ins Auge fällt, der sich ernsthaft mit diesem Problem befasst: Die meisten führenden amerikanischen Militärs waren nicht nur der Überzeugung, die Bombenabwürfe seien unnötig und ungerechtfertigt, sondern viele lehnten die Bombardierungen, die sie als grundlose Zerstörung japanischer Städte und Vernichtung im Wesentlichen an den Kämpfen nicht beteiligter Zivilpersonen ansahen, auch aus moralischen Gründen ab. Und diese Auffassung vertraten sie in aller Offenheit und öffentlich...

Vor seinem Tod verteidigte General George C. Marshall die Entscheidung zwar zurückhaltend, aber seine wiederholten Äußerungen, es habe sich um eine politische, und nicht um eine militärische Entscheidung gehandelt, bleiben in Erinnerung.« 
Quellen:

i Dwight D. Eisenhower, Mandate for Change, 1953-56, The White House Years, A Personal Account, 1963, S. 380.

ii William D. Leahy, I Was There, 1979, S. 441.

iii Norman Cousins, The Pathology of Power, Nachdruck 1988, S. 65 und S. 70f.

iv William Manchester, American Caesar: Douglas MacArthur 1880 - 1964, 2008, S. 512.

v Zitiert nach: James Reston, Deadline: A Memoir, 1991, S. 500.

vi »War Was Really Won Before We Used A-Bombs«, in: U.S. News and World Report, 15.8.1960, S. 73-75.

vii Zitiert nach: Len Giovannitti und Fred Freed, The Decision to Drop the Bomb, 1965, S. 144f., 324.

viii Gar Alperovitz, »On the Sixty-Sixth Anniversary of the Bombing of Hiroshima«,

ix Paul Nitze et al., From Hiroshima to Glasnost: At the Center of Decision, 1989, S. 36f., 44f.

x Ellis Zacharias, »How We Bungled the Japanese Surrender«, in: Look, 6.6.1950, S. 19-21.

xi Zitiert nach: Gar Alperovitz, The Decision to Use the Atomic Bomb, 1996, S. 359.

xii Zitiert nach: John V. Denson, »The Hiroshima Lie«

xiii Zitiert nach: Len Giovannitti und Fred Freed, a.a.O., S.145, 325.

xiv Gar Alperovitz, »On the Sixty-Sixth Anniversary of the Bombing of Hiroshima«, a.a.O.

xv Doug Long, »Hiroshima: Was It Absolutely Necessary?«, abgedruckt in: The Ethical Spectacle, Juni 1996 .

xvi Zitiert nach: Philip Nobile (Hrgb.), Judgement at the Smithsonian: The Bombing of Hiroshima und Nagasaki, 1995, S. 142.

xvii Zitiert nach: Barton J. Bernstein, The Atomic Bomb.

xviii John V. Denson, »The Hiroshima Lie«

xix Siehe dazu: Franck-Report.

xx Siehe unter: This Day in History

xxii John Pilger, »The lies of Hiroshima live on, props in the war crimes of the 20th century«, in: The Guardian, 6. August 2008.

xxi Siehe unter: New Scientist

xxiii Gar Alperovitz, »On the Sixty-Sixth Anniversary of the Bombing of Hiroshima«, a.a.O.

xxiv Gar Alperovitz