Es sind die schwersten Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern seit vielen Jahren. Nach Raketeneinschlägen in Tel Aviv plant Israel offenbar eine Bodenoffensive, die Regierung berief 30 000 Reservisten ein. Die Angst vor einem neuen Nahost-Krieg wächst.
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Israel attackiert Ziele im Gazastreifen.
Der bewaffnete Arm des Islamischen Dschihads bekannte sich zu dem Raketenangriff auf die Region von Tel Aviv. Ein erstes Geschoss fiel demnach am frühen Abend vor dem Stadtteil Jaffa ins Meer. Zuvor war laut israelischer Armee eine Rakete 15 Kilometer südöstlich von Tel Aviv eingeschlagen. In der Stadt wurde Luftalarm ausgelöst, Menschen liefen in Panik zu den Schutzräumen.

Der israelische Verteidigungsminister Barak drohte nach dem Beschuss von Tel Aviv, „die andere Seite“ werde „den Preis für diese Eskalation“ zahlen. Zuvor hatte Regierungschef Benjamin Netanjahu erklärt, Israel werde „weiterhin alles Nötige tun, um seine Bevölkerung zu schützen“. Eine Bodenoffensive behielt sich die Regierung ausdrücklich vor. Barak gab der Armee nach Angaben eines Sprechers grünes Licht, bis zu 30 000 Reservisten einzuberufen. Einem ranghohen Beamten zufolge würden die Truppen in die Region verlegt, um für einen Einmarsch bereit zu sein, sollte der Befehl kommen. Vorerst beließ die Armee es aber bei Luftangriffen. Bis Donnerstag nahm sie nach eigenen Angaben 156 Ziele im Gazastreifen ins Visier, 126 davon waren Raketenwerfer.

Angst vor Geschossen in Israels größter Stadt

Bewohner in Tel Aviv gingen am Donnerstag in Deckung aus Angst, die größte israelische Stadt könne erstmals seit dem Golf-Krieg von 1991 wieder von Geschossen getroffen werden. Zuvor waren erstmals seit dem Ausbruch der jüngsten Feindseligkeiten drei Israelis durch Raketen aus dem Gazastreifen getötet worden, während Israels Luftwaffe ihre Angriffe auf das Küstengebiet fortsetzte. Die Zahl der getöteten Palästinenser stieg auf 16, darunter fünf Kinder. Die von Islamisten regierte Regionalmacht Ägypten zog ihren Botschafter aus Jerusalem ab und verurteilte die israelischen Angriffe als „inakzeptable Aggression“.

Israels gezielte Tötung des Militärchefs der im Gazastreifen regierenden Hamas hatte am Mittwoch den vorläufigen Höhepunkt der jüngsten Auseinandersetzung markiert. Radikale Palästinenser feuerten daraufhin nach israelischen Angaben seit Mitternacht mindestens 135 Raketen auf den jüdischen Staat. Mehrere Geschosse waren auf Tel Aviv gerichtet, das aber entgegen ersten Berichten offenbar nicht direkt getroffen wurde. Zeugen sagten, sie hätten eine Explosion gehört.

Unterstützung aus den USA

Unterstützung erfuhr Israel von den USA. „Es gibt keine Rechtfertigung für die Gewalt, die die Hamas und andere terroristische Organisationen dem israelischen Volk antun“, sagte ein Sprecher des US-Außenministeriums. Bundesaußenminister Guido Westerwelle rief beide Seiten zur Besonnenheit auf, erklärte aber auch: „Israel hat selbstverständlich das Recht, sich selbst zu verteidigen und seine eigene Bevölkerung vor Raketenangriffen aus dem Gazastreifen zu schützen.“ In einem Telefonat mit seinem israelischen Kollegen Avigdor Lieberman sagte er am Abend, es müsse alles getan werden, „um eine Deeskalation zu bewirken und zivile Opfer zu vermeiden“.

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi sagte dagegen, Israel müsse begreifen, dass „diese Aggression“ nur zu Instabilität in der Region führe und die Sicherheit in beträchtlichem Umfang gefährde. Als Zeichen der Solidarität kündigte das Land für Freitag einen Besuch seines Ministerpräsidenten Hischam Kandil samt Vertretern des Sicherheitsapparats im Gazastreifen an, wie Reuters aus Kabinettskreisen erfuhr.

chw/dpa/Reuters/AFP