Nester mit vielen nikotinhaltigen Resten enthalten deutlich weniger blutsaugende Milben

© Victor Argaez
Männlicher und weiblicher Karmingimpel (Carpodacus mexicanus) auf einem Zaun in Mexiko Stadt.
Stadtvögel polstern ihre Nester häufig mit zerrupften Zigarettenstummeln aus. Dass diese Art der Polsterung den Vögeln messbare gesundheitliche Vorteile bringt, hat jetzt ein mexikanisches Forscherteam nachgewiesen. Demnach wirken die nikotinhaltigen Zigarettenreste als Abwehrmittel gegen Parasiten. Je mehr Stummel die Nester von Haussperlingen und einer Finkenart enthielten, desto weniger parasitische Milben habe man dort gefunden. Offenbar schrecke das in den Zigarettenresten enthaltene Nikotin die Milben ab.

Die Studie zeige erstmals, dass Zigaretten als Nestpolsterung eine neue, stadtspezifische Anpassung der Vögel in ihrem fortwährenden Kampf gegen Parasiten darstellten, berichten die Forscher im Fachmagazin Biology Letters. Ob die Vögel allerdings die Stummel tatsächlich nur wegen ihrer medizinischen Wirkung aufsammelten oder ob dies eher ein positiver Nebeneffekt sei, müsse in Folgestudien noch geklärt werden.

Schon seit längerem ist bekannt, dass Vögel aktiv Abwehrmaßnahmen gegen parasitische Nestbewohner wie blutsaugende Milben oder Insekten ergreifen. "Einige Vogelarten bringen beispielsweise gezielt frische Blätter und anderes Pflanzenmaterial zum Nest, das ätherische, Parasiten abwehrende Öle enthält", schreiben Monserrat Suarez-Rodriguez und ihre Kollegen von der Nationalen Autonomen Universität in Mexiko-Stadt. Vögeln in der Stadt stehen viele natürliche Ressourcen allerdings nicht mehr zur Verfügung. Sie müssen für ihren Nestbau mit dem Vorlieb nehmen, was sich auf Straßen und in der vom Menschen geprägten Umgebung findet.

Schon häufiger habe man in den Nestern einiger Stadtvögel auch Zigarettenkippen gefunden, sagen die Forscher. Welchen Zweck diese aber erfüllten - ob nur als Baumaterial, zur zusätzlichen Wärmeisolierung oder zur Abwehr von Parasiten - sei bisher nicht klar gewesen.

Nester von Haussperlingen und Karmingimpeln untersucht

© H. Zell / CC-by-sa 3.0
Haussperling auf Zaun in Berlin.


Für ihre Studie hatten die Forscher in Mexiko Stadt 28 Nester von Haussperlingen (Passer domesticus) und 29 von Karmingimpeln (Carpodacus mexicanus) untersucht, einer in Nordamerika häufigen Finkenart. Sie dokumentierten dabei nicht nur die verwendeten Materialien und deren Gewichtsanteile, sondern auch, wie viele parasitische Milben sich in den jeweiligen Nestern am Ende der Brutsaison befanden. Das Ergebnis: In den Nestern fanden Suarez-Rodriguez und ihre Kollegen durchschnittlich acht bis zehn Zigarettenstummel. Die Zahl der Milben sei in denjenigen am geringsten gewesen, die besonders viele dieser Kippen enthielten.

In einem zusätzlichen Versuch prüften die Forscher die abschreckende Wirkung der Zigarettenreste noch direkter: Sie umhüllten eine Milbenfalle entweder mit dem relativ wirkstofffreien Filter einer ungerauchten Zigarette oder aber mit dem Filtermaterial eines gerauchten Filters, der entsprechen viel Nikotin und andere Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs enthielt. Wie die Wissenschaftler berichten, fanden sich in den Fallen mit dem benutzten Filtermaterial nach 20 Minuten im Nest etwa doppelt so viele Milben.


Kommentar: Hier liegt ein Schreibfehler vor. Auf dem englischen Nachrichtenportal nature lesen wir folgendes (Übersetzung de.sott):
Nach 20 Minuten fand das Team, dass die Fallen mit dem unbenutzten Filtermaterial viel mehr Parasiten enthielten als die mit benutztem Filtermaterial (...). Tatsächlich wurden in den Fallen der Nester mit Vogeleiern, die unbenutztes Filtermaterial enthielten, durchschnittlich mehr als doppelt so viele Parasiten gefunden.

Dass dieser Effekt auf das Nikotin zurückgehe, sei naheliegend, sagen die Forscher. Denn auch die Tabakpflanze produziere diesen Inhaltsstoff zur Abwehr von Parasiten - in ihrem Fall gegen pflanzensaugende Insekten. Nikotin werde zudem auch in einigen Geflügelzuchten bereits als Mittel gegen Hautparasiten eingesetzt.

(doi:10.1098/rsbl.2012.0931)
(Biology Letters, 05.12.2012 - NPO)