Nebelkrähen und Raben sind nicht nur erstaunlich klug, sie geben ihr Wissen auch untereinander weiter - allerdings ist das von Alter, Rang im Schwarm und Geschlecht abhängig
Krähe
© standard/christian fischer
Eine Nebelkrähe zeigt an einem Mistkübel, dass sie zu den geschicktesten Vögeln zählt.
Biologen studieren dieses Verhalten gerade in Schönbrunn und Bad Vöslau.

In der Artenliste des Wiener Tiergartens Schönbrunn werden die Raben- und Nebelkrähen, die sich dort zu Hunderten zwischen Tigern, Kängurus und Elefanten herumtreiben, nicht aufgeführt, und ein Besuchermagnet sind sie auch nicht. Die Wissenschaft jedoch interessiert sich durchaus für die intelligenten Vögel: zum Beispiel dafür, wie sie erworbenes Wissen untereinander weitergeben.

Dass Rabenvögel voneinander lernen können, steht schon seit einiger Zeit außer Frage. Christine Schwab vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien will es aber mit finanzieller Unterstützung durch den Wiener Wissenschaftsfonds WWTF genauer wissen. "Bis vor zehn, zwanzig Jahren hat man angenommen, dass Tiere unterschiedslos voneinander lernen" , sagt sie, "der Fokus lag nur darauf, was sie überhaupt lernen können." Heute werden hingegen auch die Persönlichkeiten der untersuchten Organismen berücksichtigt und - worauf Schwabs Hauptaugenmerk liegt - ihre Beziehungen zueinander. "Ob von jemandem etwas gelernt wird, kann vom Alter, Rang, Geschlecht und dergleichen abhängen", sagt Schwab, " aber auch davon, ob er ein Freund ist."

Um sagen zu können, von welchen Individuen die Krähen am ehesten lernen, muss zuerst einmal klar sein, wer welche Rolle spielt im Schwarm. Zu diesem Zweck sind Schwab und ihre Mitarbeiterinnen derzeit dabei, die Schönbrunner Krähen zu fangen und mittels Farbringen individuell erkennbar zu machen. Das bewerkstelligen sie mittels großer Kastenfallen, in die die Tiere, angelockt von Futter, freiwillig hineinfliegen, die sie aber nicht mehr selbstständig verlassen können.

Kontrollen der Fallen

Die Forscherinnen kontrollieren die Fallen regelmäßig und holen die Vögel heraus. Dabei werden diese auch gemessen und gewogen, außerdem wird ihnen Blut für DNA-Untersuchungen abgenommen. Kotproben geben Aufschluss über Parasitenbelastung und Stresshormone. Damit nicht genug, werden sie bei der Gelegenheit auch gleich mehreren Persönlichkeitstests unterzogen. Genau genommen sind es vier Tests, die die Wissenschafterinnen noch vor Ort in einem großen Käfig durchführen: Zuerst einmal halten sie die Krähen nur fest und schauen ihnen in die Augen. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich: "Manche drehen sich weg, andere versuchen einem die Hand abzuhacken", erzählt Schwab, weswegen die Forscherinnen bei diesem Versuch mittlerweile Handschuhe tragen. Es gibt jedoch auch Tiere, die den Blick erwidern, während wieder andere Alarmrufe ausstoßen. "Und die kommen sofort", weiß Schwab, " innerhalb von zehn Sekunden ist der Himmel voll." Und weil Krähen sich menschliche Gesichter problemlos merken und sehr aufgeregt reagieren, wenn sie jemanden einmal mit Gefahr assoziiert haben, tragen die Biologinnen zu den Handschuhen auch noch Skimasken.

Der zweite Test ist ein ganz klassischer: Dabei werden die Tiere einfach auf den Rücken gelegt und die Zeit gemessen, bis sie sich aufrappeln. Erstaunlicherweise zeigen die Krähen da wenig Unterschiede: "Es gibt eigentlich nur zwei Varianten", meint Schwab. "Die einen stehen sofort auf, die anderen bleiben einfach liegen." Der Versuch wurde deshalb auf eine Minute beschränkt - "dann drehen wir sie um und scheuchen sie auf." Die nachfolgenden zehn Minuten bleiben die Vögel in dem Käfig, der mit Futter, Wasser, Spielzeug und Sitzstangen in verschiedenen Höhen ausgestattet ist. Wie sie sich unter diesen Umständen verhalten bzw. wie weit weg vom Boden sie sich niederlassen, ist der dritte Persönlichkeitstest. "Prinzipiell gilt: Je höher oben, desto ängstlicher" , erklärt Schwab. Schließlich und viertens wird einfach die Käfigtüre geöffnet und protokolliert, wie lange die Krähen brauchen, um das Weite zu suchen.

Die Belohnung in der Box

Im Anschluss an diese Arbeiten plant Schwab, an zwei Stellen in Schönbrunn je eine Box aufzustellen, die eine Belohnung (bewährt ist Trockenfutter) enthält und deren Tür mit zwei verschiedenen Methoden zu öffnen ist - etwa durch Schieben und durch Aufheben eines Deckels. "Irgendwann kommt eine Krähe drauf, wie das geht", ist Schwab überzeugt, "und dann schauen wir, wer es als Erstes nachmacht und wie die weitere Reihenfolge aussieht." Das müssen sie und ihre Mitarbeiterinnen jedoch nicht selber machen.

Diese Arbeit übernimmt eine Videokamera, die sich immer einschaltet, wenn sich an der Versuchsbox etwas tut. Die entsprechenden Beobachtungen, mit denen festgestellt wird, in welchen Beziehungen die verschiedenen Tiere zueinander stehen, müssen die Biologinnen allerdings in stundenlangen Sitzungen sehr wohl selbst vornehmen.

Etwas leichter haben sie es dabei in der von der Uni Wien und der Veterinärmedizinischen Universität Wien gemeinsam betriebenen Forschungsstation Haidlhof bei Bad Vöslau. Dort beobachten Schwab und ihre Mitarbeiterinnen eine Gruppe von zwölf handaufgezogenen Krähen, die gemeinsam gehalten werden. Ist das soziale Netzwerk innerhalb der Gruppe einmal klar, sollen in der Voliere ganz ähnliche Versuche starten wie im Freiland, nur dass hier ein Vogel gezielt darauf trainiert wird, die Box mit dem Leckerbissen zu öffnen.

Danach wird wieder per Video beobachtet, welche Gruppenmitglieder den Dreh als Erste lernen. Bleibt nur ein Problem: Der "Lehrer"-Vogel kann gleichzeitig z. B. hoch im Rang stehen, weiblich und beliebt sein. Wie lässt sich auseinanderhalten, welche Attribute bei der Vorbildwirkung tatsächlich zum Tragen kommen? "Bis vor kurzem wäre das gar nicht gegangen", gibt Schwab zu. "Aber jetzt gibt es eine Methode, die auf der Grafentheorie beruht und uns erlaubt, anhand unserer Beobachtungsdaten mathematische Modelle für jede Variante zu erstellen. Da geben wir unsere experimentellen Daten ein und sehen dann, zu welchem Modell sie am besten passen."

Bis dahin dauert es aber noch ein bisschen: Insgesamt 250 Krähen in Schönbrunn tragen derzeit die bunten Erkennungsringe, rund 600 sollen es werden, um robuste Aussagen über ihre Lernstrategien machen zu können.