Vergewaltigungsopfer, Trauma, Opfer von Gewalt
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Alle 18 Stunden wird in Delhi eine Frau vergewaltigt, schreiben die Zeitungen. In Deutschland geschieht dies, leider, alle 68 Minuten. Hochgerechnet, dass in Deutschland sieben Mal mehr Menschen leben als in Delhi, ist die Zahl der Vergewaltigungen noch immer doppelt so hoch. Gewiss, bei dem Vorfall in Indien handelt es sich um ein besonders brutales und abscheuliches Verbrechen, bei dem das Opfer einen qualvollen Tod erlitt. Trotzdem ist es verwunderlich, welche Aufmerksamkeit die Medien dieser Geschichte widmen. Dass es in Deutschland heute deutlich mehr Vergewaltigungen gibt als noch 1995, wird hingegen restlos ignoriert.

Nachdem die Massenmedien in gewohnter Einigkeit oberflächlich und einseitig berichten, möchte ich zur Situation der Frauen in Indien erst einmal eine Ergänzung hinzufügen:

In Indien leben mehr Menschen als in ganz Europa. Dementsprechend gibt es auch mehr Gegensätze auf den verschiedensten Ebenen. In einem Punkt zeigt sich jedoch eine traurige Parallele: Wenn immer Frauen von Menschenmassen umgeben sind, kommt es zu sexuellen Belästigungen. Inderinnen haben wohl gelernt damit zu leben, dass immer wieder Männer im Gedränge Körperkontakte absichtlich provozieren, dass immer wieder eine Männerhand an Rundungen und sonst wo zu verspüren ist, dass sie allgemein zum Lustobjekt degradiert werden. Aus diesem Grunde gibt es in indischen Eisenbahnen auch Waggons, die ausschließlich für Frauen reserviert sind. Auch als Mann kann ich mir durchaus vorstellen, dass dieses ständige Betasten nicht nur als lästig, sondern als abstoßend und ekelig empfunden wird.

Zweifellos handelt es sich bei der brutalen Vergewaltigung und Ermordung einer 23-jährigen Studentin in einem öffentlichen Autobus in New-Delhi um ein besonders abscheuliches Verbrechen. Leider müssen wir davon ausgehen, dass auf einem Planeten mit nunmehr sieben Milliarden Bewohnern jeden Tag viele abscheuliche Verbrechen begangen werden. Doch wie lässt sich erklären, dass die Massenmedien seit nunmehr zwei Wochen mit unglaublicher Regelmäßigkeit über diesen traurigen Vorfall in Indien berichten? Dass ein 28-Jähriger an der ungarisch-rumänischen Grenze kürzlich verhaftet wurde, der drei Frauen in Wien brutal vergewaltigt hatte, findet fast ausschließlich nur in österreichischen Zeitungen Erwähnung. Auch er hatte seine Opfer in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgespäht, um sie danach brutal zu misshandeln und zu berauben.

Was nun den über alle Maßen ausgeschlachteten Vorfall in Indien betrifft, bemühen sich die Massenmedien durch Zahlenangaben auf die dramatische Situation in Indien zu verweisen. So berichtet u. a. Der Spiegel, dass in Neu-Delhi alle 18 Stunden eine Frau vergewaltigt wird.

Quelle wird, wie es bei den Massenmedien üblich ist, zwar keine angegeben, doch stammt die Information natürlich aus Indien.

Ergänzend sei hinzugefügt, dass sich die indischen Berichte auf Delhi beziehen, wo 11 Millionen Menschen leben, und nicht auf die eigentliche Hauptstadt Neu-Delhi, bei der es sich offiziell nur um einen kleinen Teil der Metropole mit gerade 250.000 Einwohnern handelt.

Nach Angaben des deutschen Bundeskriminalamtes erfolgten im Jahr 2010 in Deutschland 9,4 Vergewaltigungen und sexuelle Nötigungen pro 100.000 Einwohner. Die Einwohnerzahl Deutschlands wird mit 81,9 Millionen angegeben, was bedeutet, dass 7.700 Frauen innerhalb eines Jahres vergewaltigt wurden. Lassen sich 489 Fälle, wie sie in Delhi geschehen, auf eine Vergewaltigung alle 18 Stunden hochrechnen, so ergibt die gleiche Rechnung für Deutschland eine Vergewaltigung alle 68 Minuten!

Die Zahl der Vergewaltigungen auf jeweils 100.000 Einwohner hochgerechnet, betrug in Deutschland im Jahr 2010, wie erwähnt, 9,4, in Delhi hingegen nur 4,45.

Noch deutlicher wird der Unterschied aber, wenn wir einen Blick auf ganz Indien werfen. Wikipedia bietet diesbezüglich einen internationalen Vergleich. An der Spitze liegt das berüchtigte Südafrika mit 120 Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Botswana. Doch auch in England, Norwegen und den Vereinigten Staaten von Amerika werden fast 30 Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner gezählt. Für Deutschland wird dieselbe Zahl angegeben, wie sie vom Bundeskriminalamt veröffentlicht wurde: 9,4.

Und Indien? Die Angaben bei Wikipedia verweisen auf 1,8 Fälle. Auf einer indischen Webseite finden sich Angaben, die ziemlich verlässlich erscheinen, denen zufolge 23.582 Fälle innerhalb eines Jahres gemeldet wurden, was einem Ratio von 2,36/100.000 entspricht. Selbst wenn wir spekulieren, dass im Verhältnis in Indien weniger tatsächlich erfolgte Vergewaltigungen bei der Polizei angezeigt werden als in Deutschland, so ist der Unterschied in den angegebenen Zahlen trotzdem bei weitem zu groß, dass er sich ignorieren ließe. Denn selbst wenn zwei Drittel der vergewaltigten Inderinnen es vorziehen, die Polizei nicht einzuschalten, ist die Zahl der Opfer in Deutschland im Verhältnis zur Bevölkerung noch immer größer. (Zweifellos gibt es auch in Deutschland viele Opfer von Vergewaltigungen, die eine Anzeige unterlassen.)

Was diesbezüglich aber noch ins Auge fällt ist das Ansteigen der Vergewaltigungsfälle in Deutschland seit den 1990er-Jahren. Leider zeigt die folgende Graphik nur Angaben seit dem Jahr 1995 (Quelle: statista.de), doch ist die Zunahme der Vergewaltigungsfälle bis zum Jahr 2004 dramatisch. Auch wenn ein leichter Rückgang festzustellen ist, so ist der letzte Wert (2011) mit 9,2 noch immer deutlich höher als im Jahr 1995 (7,6).

Zweifellos erfüllt uns der tragische Vorfall in Indien mit tiefer Bestürzung, insbesondere der brutalen Umstände und nicht zuletzt der tödlichen Folgen wegen. Doch was geht in den Redaktionen der Massenmedien vor, dass sie die Situation in Indien derart hochspielen, während im eigenen Land gleichzeitig mehr Frauen Vergewaltigungen zum Opfer fallen? Alle 68 Minuten erleidet eine Frau in Deutschland dieses tragische, oft lebensverändernde Schicksal. Alle 68 Minuten. Das bedeutet, dass während dieser zwei Wochen, während der tagtäglich über die Situation von Frauen in Indien berichtet wird, zwei- oder dreihundert Frauen in Deutschland vergewaltigt wurden!

Und was finden Sie, wenn Sie bei Google-Nachrichten das Stichwort „Vergewaltigung“ eingeben: Indien, Indien, Indien. Mit einer Ausnahme: Die Hamburger Morgenpost schreibt, dass eine Vergewaltigung in der Silvesternacht an den Landungsbrücken doch nicht stattgefunden haben soll.