Superheld, Superman
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Die Mehrzahl der Menschen überschätzt sich.
Ob beim Autofahren, im Beruf oder bei der Partnersuche: Die Mehrzahl der Menschen neigt dazu, sich selbst zu überschätzen. Oft ist die Strategie sogar erfolgreich - aber sie kann auch in die Katastrophe führen.

Wer möchte schon gerne Durchschnitt sein? In unserer Leistungsgesellschaft gilt die Bezeichnung „durchschnittlich“ geradezu als Schimpfwort. Kein Wunder, dass wir glauben möchten, wir seien besser als die anderen - leistungsfähiger, intelligenter oder auch einfach netter.

Eine kanadische Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass die meisten Autofahrer überzeugt sind, besser zu fahren als der Durchschnitt. 94 Prozent der amerikanischen College-Professoren glauben laut einer Umfrage, mehr zu leisten als ihre Kollegen. Und eine ebenfalls in den USA durchgeführte Megastudie kam zu dem Ergebnis: Von einer Million befragten Oberschülern halten sich 70 Prozent für überdurchschnittlich gut.

Je geringer die Kompetenz, desto stärker die Selbstüberschätzung

„Statistisch gesehen können solche Einschätzungen natürlich nicht alle gleichermaßen zutreffend sein“, sagt der Psychologe Daniel Leising von der Technischen Universität Dresden. „Viele Teilnehmer der Studien müssen sich im Vergleich mit ihren Mitmenschen zu positiv bewertet haben.“ Doch dass jemand seine Eigenschaften und Fähigkeiten überschätzt, zeigt sich nicht nur in Konkurrenzsituationen. Auch unabhängig von anderen halten sich viele für besser, als sie eigentlich sind.

Bei Intelligenztests zum Beispiel schätzen sich Teilnehmer häufig falsch ein - und das umso mehr, je schlechter sie in Wirklichkeit abschneiden. Dunning-Kruger-Effekt heißt das von den amerikanischen Psychologen David Dunning und Justin Kruger um die Jahrtausendwende konstatierte Phänomen, dass gerade besonders inkompetente Menschen dazu neigen, das eigene Können zu überschätzen. Zahllose Reality-Shows und Talentwettbewerbe im TV belegen eindrucksvoll, dass diese Feststellung wohl nicht ganz abwegig ist.

Männer überschätzen sich mehr als Frauen

„Heute scheinen mehr Menschen zur Selbstüberschätzung zu neigen als früher“, urteilt Michael Dufner von der Humboldt-Universität zu Berlin. Denn es sei kein Tabu mehr, sich selbst toll zu finden und das auch zu zeigen. Zumindest in den Ländern der westlichen Welt. Schuld daran könne sein, dass in unserer Gesellschaft Karriere, Status und Aussehen immer wichtiger geworden seien - und dass die Medien entsprechende Rollenvorbilder präsentierten.

Aber es gibt auch durchaus Unterschiede. „Männer überschätzen sich hinsichtlich vieler Eigenschaften stärker als Frauen“, sagt Dufner. „Und jüngere Leute stärker als ältere.“ Die logische Folgerung, die sich mit Beobachtungen in der Realität durchaus deckt: Junge Männer lassen in punkto Selbstüberschätzung alle anderen weit hinter sich.

Bei komplizierten Aufgaben schwindet das Selbstbewusstsein

Allerdings kann eine Person, die sich in einer Hinsicht - zum Beispiel beim Autofahren - überschätzt, in einem anderen Bereich durchaus unterschätzen. „Vor allem bei eher komplizierten Tätigkeiten neigen viele Leute dazu, ihre Fähigkeiten zu gering zu bewerten“, sagt Dufner. „Wenn es beispielsweise darum geht, am Computer zu programmieren, glauben nicht wenige, sie könnten das nur unterdurchschnittlich gut und es gebe viele Bessere - doch häufig stimmt das gar nicht.“

Fast jeder hält sich für besser als der Durchschnitt - Zwischen Erfolg und Katastrophe

Aktuelle Forschungen lassen vermuten, dass Menschen oft nicht nur ihr Leistungsvermögen überschätzen, sondern gerne auch glauben, sie seien überdurchschnittlich hilfsbereit und nett. „Wir haben Leute gebeten, in Fragebögen ihre Selbsteinschätzung aufzulisten“, erläutert der Psychologe Jochen Gebauer von der Humboldt-Universität zu Berlin. „Manche hielten sich für den nächsten Albert Einstein, andere dagegen für die nächste Mutter Theresa. Die Aussagen steigerten sich bis hin zu der Einschätzung, der ganzen Welt Frieden bringen zu können.“

„Insgesamt dürften etwa 60 Prozent der Bevölkerung ein zu positives Selbstbild haben“, glaubt Daniel Leising, Psychologe an der Technischen Universität Dresden. „Die meisten davon überschätzen sich vermutlich nur ein bisschen, aber es gibt natürlich auch Menschen, deren Selbstwahrnehmung extrem ins Positive verzerrt ist.“ Unter den restlichen 40 Prozent seien diejenigen, die dazu neigten, sich selbst und ihre eigene Zukunft zu negativ zu sehen - was sich als Ausdruck einer Depression deuten lasse.

Selbstüberschätzung gut für die Psyche

Sind eher pessimistische und selbstkritische Menschen demnach also alle depressiv? In einem gewissen Umfang anscheinend durchaus. „Das Phänomen der Depression beschreibt ein breites Spektrum und die Übergänge sind fließend“, erklärt Leising. „Die Vorstellung, dass jemand nicht mehr aus dem Bett hochkommt und zu gar nichts in der Lage ist, betrifft nur die extreme Form der klinischen Depression.“

Bleibt die Frage, wie es sich damit lebt, sich für besser zu halten als andere. Im Allgemeinen kann man wohl sagen: ziemlich gut! „Eine hohe Selbsteinschätzung geht in der Regel mit psychischem Wohlergehen einher“, meint Michael Dufner von der Humboldt-Universität zu Berlin. „Es gibt darüber hinaus aber auch oft noch greifbarere Effekte, ergänzt Leising. „Wenn jemand, der seine Fähigkeiten überschätzt, sich für einen Job bewerben will, wird er das auf jeden Fall tun. Denn er ist überzeugt, den Anforderungen gewachsen zu sein. Mit ein bisschen Glück bekommt er den Job auch.“ Ein anderer, der vielleicht mindestens genauso qualifiziert wäre, aber mehr an sich zweifle, würde eventuell auf eine Bewerbung verzichten - und sich so um eine Chance bringen.

Was, wenn ein Pilot seine Grenzen nicht kennt?

Jungen Männern kann es noch in anderer Hinsicht nützen, sehr von sich überzeugt zu sein und sich entsprechend zu gebärden. Nämlich dann, wenn sie um die Gunst einer potentiellen Partnerin kämpfen. „Frauen bevorzugen meist Partner mit hohem Status, wie das ähnlich auch bei vielen unserer nächsten Verwandten im Tierreich, den Menschenaffen, der Fall ist“, erklärt Leising. Selbstüberschätzung und die damit oft einhergehenden Führungsansprüche seien für junge Männer also gewissermaßen ein evolutionärer Vorteil. In anderen Situationen kann das Unvermögen, sich selbst korrekt zu beurteilen, allerdings auch tödlich enden. Beim Autofahren oder beim Bergsteigen zum Beispiel. Nicht auszudenken gar, wenn beispielsweise der Pilot eines Passagierflugzeugs nicht weiß, wo seine Grenzen liegen. „Im Allgemeinen kann ein bisschen Selbstüberschätzung helfen, die Realität besser zu ertragen, und ist deshalb nützlich“, urteilt Leising. „Doch in riskanten Situationen ist es ganz sicher von Vorteil, sich selbst realistisch einschätzen zu können.“