„Einzelkinder unerwünscht“ - diese Aussage findet man in manchen chinesischen Stellenausschreibungen. Kein Wunder: Viele junge Erwachsene in China gelten heute als pessimistisch, misstrauisch und überempfindlich. Eine Erklärung dafür liefern jetzt australische Forscher im Fachmagazin "Science". Chinas rigorose Ein-Kind-Politik soll schuld an der Misere sein. Denn durch sie wuchsen die meisten jungen Chinesen als verhätschelte Einzelkinder auf - als "Kleine Kaiser".
Junge, China
© Peter Morgan/CC-by-sa 2.0 us
Kleiner Junge in China
Ende der 1970er Jahre drohte China aus allen Nähten zu platzen: Während zuvor Hungersnöte, Naturkatastrophen und Kriege das Bevölkerungswachstum in Grenzen gehalten hatten, ermöglichten ab 1949 die verbesserten Lebensbedingungen einen rasanten Zuwachs. Die Milliardengrenze in Sicht, führte die Regierung 1980 schließlich die Ein-Kind-Politik ein, um das Bevölkerungswachstum zu bremsen und den wirtschaftlichen Fortschritt zu sichern.

Generation Einzelkind

Zumindest in den Städten war der staatliche Druck erfolgreich und so wachsen bis heute Generationen junger Chinesen heran, die zu einem großen Teil aus Einzelkindern bestehen. Sie tragen den Spitznahmen „Kleine Kaiser“, denn in vielen Fällen stehen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit einer ganzen Familie. Die teils stark verwöhnten Einzelkinder besitzen in China bereits einen ausgesprochen schlechten Ruf: Sie sollen oft egozentrisch und unkooperativ sein. Den Forschern zufolge gipfelt das sogar darin, dass in manchen chinesischen Stellenanzeigen Sätze auftauchen wie: „keine Einzelkinder erwünscht“. Den Hintergrund dieser Vorurteile scheinen die Untersuchungen von Lisa Cameron von der Monash University in Clayton und ihren Kollegen nun zu belegen.

Die Forscher führten ihre Untersuchungen mit rund 400 Einwohnern Pekings durch, die entweder vor Einführung der Ein-Kind-Politik, zwischen 1975 und 1978 geboren worden waren, oder danach, zwischen 1980 und 1983. Um Charaktereigenschaften der Probanden zu erfassen, verwendeten sie eine Reihe experimenteller Gruppenspiele. Das Verhalten der Teilnehmer bei diesen Simulationen, die auf dem Austausch oder Investieren von Geld basieren, kann beispielsweise offenbaren, wie vertrauensvoll, risikofreudig oder wettbewerbsbereit sie sind. Zusätzlich führten die Forscher schriftliche Befragungen der Probanden durch, die persönliche Einstellungen offenbaren sollten.

Misstrauisch und wettbewerbsscheu

Als die Forscher die Ergebnisse beider Gruppen verglichen, zeigten sich auffallende Unterschiede: Im Durchschnitt waren die Kleinen Kaiser demnach weniger risikobereit, scheuten eher den Wettbewerb und waren misstrauischer. Außerdem attestieren die Forscher ihnen gesteigerten Pessimismus, Nervosität und Empfindlichkeit im Vergleich zu den Studienteilnehmern, die mit Geschwistern aufgewachsen waren.

Die Forscher betonen, dass ihre Studie nur Rückschlüsse über die durchschnittlichen Eigenschaften von Einzelkindern in China zulässt. Frühere Untersuchungen haben allerdings schon darauf hingewiesen, dass eine Kindheit ohne Geschwister generell negative Folgen für die Betroffenen haben kann. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der Öffnung dem Westen gegenüber ist in China inzwischen auch die Ein-Kind-Politik in die Kritik geraten. Momentan wird über eine Abschaffung dieser Richtlinie diskutiert. In diesem Zusammenhang liefert die aktuelle Studie nun weitere Argumente: Die Ein-Kind-Politik bringt Generationen hervor, die negative Auswirkungen auf die chinesische Gesellschaft haben könnten, resümieren die Forscher.

(Science, 2013; doi: 10.1126/science.1230221)
(Science - MVI/NPO)