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Fünfjähriger aus Fängen des Entführers in Alabama befreit - Geiselnehmer stirbt bei Einsatz

Boston. Es war ein zermürbender Nervenkrieg: Nach tagelangem Bangen und Hoffen hat das Entführungsdrama von Alabama ein Ende gefunden. Spezialeinheiten stürmten am Montagnachmittag (Ortszeit) den Bunker, in dem sich der Entführer mit seiner Geisel seit sieben Tagen verschanzt hatte.

Ethan, der fünfjährige autistische Junge, werde medizinisch betreut, sei aber wohlauf, hieß es nach der Befreiung. "Er lacht, macht Scherze, spielt und isst", zitierten US-Medien den leitenden FBI-Agenten, Steve Richardson. Sein Geiselnehmer aber ist tot. Erschossen von den Polizisten.

Begonnen hatte das Drama in der Kleinstadt Midland City im Südosten der USA in der vergangenen Woche. Der 65-jährige Jimmy Lee Dykes stoppte am Dienstag zunächst einen Schulbus. Er kannte den Fahrer, Charles Albert Poland. Erst kürzlich hatte dieser ihm, wie die New York Times berichtete, Eier und hausgemachte Marmelade vorbeigebracht - ein Nachbarschaftsgeschenk. Doch an besagtem Dienstag wollte Dykes sich nicht revanchieren, er wollte Geiseln. Zwei Kinder forderte er von Poland. Dieser weigerte sich und bezahlte seinen Einsatz mit dem Leben. Dykes erschoss den 66-Jährigen und schnappte sich den fünf Jahre alten Ethan, um sich mit ihm in einem nahe gelegenen Bunker zu verbarrikadieren. Die restlichen Schulkinder konnten fliehen.

Ein mitteilungsbedürftiger Waffennarr?

Warum der 65-jährige den Jungen entführte, ist den Beamten weiterhin ein Rätsel. US-Medien beschrieben Dykes unter Berufung auf Nachbarn als entschiedenen Regierungskritiker und Waffennarren. Darüber hinaus lief gegen ihn ein Gerichtsverfahren. Eigentlich hätte er am vergangenen Mittwoch wegen Schüssen auf seinen Nachbarn vor Gericht erscheinen sollen. Polizeikräfte spekulierten jedoch, dass die Entführung ein verzweifelter Versuch Dykes gewesen sei, eine Plattform für seine Ansichten und Probleme zu bekommen. "Unseren Gesprächen nach zu urteilen hatte er das Gefühl, eine ihm wichtige Geschichte erzählen zu müssen, obwohl das alles sehr kompliziert ist", sagte der zuständige Sheriff Wally Olson.

Mit einem Großaufgebot an Polizisten, Spezialeinheiten und Verhandlungsführern wurde seit Beginn der Geiselnahme versucht, den Entführer zur Aufgabe zu bewegen - ohne Erfolg. "In den letzten 24 Stunden vor dem Zugriff haben sich die Verhandlungen immer schwieriger gestaltet. Zudem konnten wir ausmachen, dass Dykes eine Waffe bei sich trug", sagte FBI-Agent Richardson. "Damit war der Punkt erreicht, an dem von einer unmittelbaren Bedrohung für das Kind ausgegangen werden musste", fügte Richardson hinzu. Anwohner berichteten von einer Explosion, bevor die Beamten den Bunker stürmten. Anschließend habe es Schusssalven gegeben. Die Einsatzkräfte ließen ihr Vorgehen unkommentiert.

Rückkehr zur Normalität

Midland City wird einige Zeit brauchen, um sich von diesen nervenaufreibenden Tagen zu erholen. Am Sonntag trug die Gemeinde den Busfahrer Poland zu Grabe. Hunderte schlossen sich nach Angaben der "New York Times" dem Trauermarsch an, viele davon hatten den Mann nie persönlich kennengelernt. Der entführte Ethan, der am Aspergerssyndrom - einer speziellen Form des Autismus - leidet, dürfte noch einige Zeit unter medizinischer Betreuung bleiben. Er habe in den vergangenen Tagen viel durchgemacht und ertragen, sagte Sheriff Olson. "Er ist ein besonderes Kind."

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