Berlin - Jeder zwanzigste Deutsche quält sich nachts regelmäßig mit Albträumen. Mindestens einmal pro Woche und meist über Jahre hinweg raubt ihnen eine angsteinflößende Filmsequenz den Schlaf. Unter den nächtlichen Angstfantasien leidet nicht nur die psychische Leistungsbereitschaft am Tag. Das erschreckte Aufwachen belastet auch das Herzkreislaufsystem. Forscher der Goethe-Universität in Frankfurt am Main wollen das Volksleiden mit einer neuen Therapie in den Griff bekommen.

"Die wenigsten wissen, dass Albträume psychotherapeutisch schnell und effektiv behandelt werden können", sagt Professor Ulrich Stagnier vom Institut für Psychologie. In der dortigen Ambulanz für Verhaltenstherapie läuft bis Mitte nächsten Jahres eine großangelegte Studie zur Wirksamkeit der "Imagery Rehearsal Therapy" (IRT), ein in den USA seit fast 20 Jahren bei traumatisieren Soldaten erfolgreich genutztes Verfahren.

Auch bei den ersten 30 Studienteilnehmern an der Universität wurden erste Erfolge registriert. "Wir haben innerhalb von einer Therapiestunde Menschen geholfen, die seit Jahrzehnten unter Albträumen litten", sagt Verhaltenstherapeutin Kathrin Hansen stolz. Selbst bei Patienten, die acht bis zehn Albträume in der Woche durchmachten, habe sich die Zahl nach der Therapie deutlich reduziert. "Es gibt keine Technik, die in der Kürze der Zeit so effektiv ist." Allerdings behandeln Hansen und ihre Kollegin Tana Kröner mit ihrer Verhaltenstherapie lediglich die Symptome. Psychische Erkrankungen, die bei einem Teil der Studienteilnehmer Auslöser der Albträume sind, müssen in einer späteren Psychotherapie kuriert werden.

Bei der IRT lernen Betroffene, ihre Albträume bewusst zu verändern. Die Therapie beginnt mit dem Schreiben eines dreiwöchigen Traumtagebuches. "Sofort nach dem Aufwachen sollten alle Details der Träume niedergeschrieben werden", sagt die Diplom-Psychologin. Danach lernen die Studienteilnehmer, ihre Einbildungskraft zu schärfen. "Wir locken sie per Fantasie an einen Strand und sie lernen, die warme Sonne auf der Haut zu spüren und die Wellen zu hören", erklärt Hansen. Wenn das klappt, können sie es später auch schaffen, den Inhalt ihre Albträume zu verändern. "Eine Studienteilnehmerin hat immer wieder von einem dunklen Auto geträumt, das sie verfolgte", berichtet die Psychologin. "Später steigen maskierte Männer aus und sie wacht mit Herzrasen auf." In der Therapie hat sie ein neues Traum-Skript geschrieben: Jetzt steigen Freunde aus dem Auto aus.

Im zweiten Teil der Therapie wird der neue, positive Traum täglich zuhause zehn bis 15 Minuten eingeübt. Der Erfolg ist nach den Worten von Therapeutin Tana Kröner schon nach kurzer Zeit spürbar. Bei den meisten der Probanden verschwand der Albtraum und wurde durch eine Mischung des alten sowie des neuen Traumes ersetzt. "Die alte Traumgeschichte reichert sich mit der neuen an", sagt Kröner.

Um den Erfolg der IRT nachzuweisen, wird in einer Vergleichsgruppe mit einer anderen, bewährten Methode gearbeitet, der Konfrontationstherapie. Die Studienteilnehmer werden so lange mit der beängstigenden Situation konfrontiert bis die Spannungen abgefallen sind. Die Albtrauminhalte werden dabei nicht verändert. Die Wirksamkeit wurde in zahlreichen Studien zwar bereits nachgewiesen, für die Teilnehmer bedeutet die Therapie aber meist eine ziemliche Belastung.

Für die Studie suchen die Wissenschaftlerinnen bis Mitte nächsten Jahres insgesamt 90 Versuchspersonen, die chronisch unter Albträumen leiden. Gebraucht werden Menschen, die mindestens einmal pro Woche und mindestens schon sechs Monate lang, vor Angst oder Panik nachts mit erhöhtem Puls aufwachen. Diese Träumer können sich sehr detailliert und lebhaft an alles erinnern, sagt Hansen. Es geht zumeist um Bedrohung des eigenen Lebens, der persönlichen Sicherheit oder der Selbstachtung.

Albträume wirken sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nur negativ auf den Schlaf und die Erholung aus, sondern können auch tagsüber erheblich belasten. "Sie lösen depressive Verstimmungen, Angst und ein erhöhtes Stressempfinden aus", sagt Hansen. "Betroffene haben aus diesem Grund häufig starke Angst vor dem Einschlafen."

Ursache für die Fantasien ist dem Traumforscher Michael Schredl vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit zufolge neben Stress auch eine genetische Veranlagung. Starke Belastungen wie Prüfungen, Krankheiten oder familiäre Probleme schlagen sich bei den Betroffenen besonders leicht in Form von Albträumen nieder.

dapd