"Verschwinde!" sprühen ägyptische Demonstranten an die Mauern des Präsidentenpalastes in Kairo. Zuvor überwinden sie die Stacheldrahtbarrieren, können aber von Sicherheitskräften abgedrängt werden. Panzer werden eingesetzt. Ob sich Präsident Mursi im Palast aufhält, ist unklar. Die Stimmung ist angespannt.
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Den regierenden Islamisten in Ägypten schlägt erneut die geballte Wut der Straße entgegen. In Kairo, Alexandria und mehreren Provinzstädten protestieren Zehntausende Demonstranten gegen den die Machtpolitik der Muslimbrüder. Erneut kam es dabei zu Gewalt. Augenzeugen berichten erneut von Toten und Verletzten.

Die Gegner von Präsident Mohammed Mursi überwinden bei einer Großdemonstration vor dem Präsidentenpalast in Kairo die Stacheldrahtbarrieren. Wie Reporter berichteten, verhinderten Soldaten das Vordringen der Demonstranten auf das Gelände des Präsidentenpalastes. An der Demonstration beteiligten sich mehr als 10.000 Ägypter. Panzer waren im Einsatz. Demonstranten sprühten Sprüche wie "Verschwinde!" auf die äußeren Mauern des Gebäude-Komplexes.

Demonstranten zeigen die "Rote Karte"

Führende Oppositionelle lehnten Mursis Gesprächsangebot ab. Anstatt den Dialog mit dem islamistischen Präsidenten zu suchen, wollen sie versuchen, mit Protestaktionen so viel Druck zu erzeugen, dass Mursi das für den 15. Dezember geplante Verfassungsreferendum absagt. Mursi will jedoch hart bleiben.

Mach Informationen des Nachrichtensenders Al-Arabija wurden in Kafr al-Scheich und Al-Bahaira Einrichtungen der Islamistenbewegung angegriffen. Auch vor dem Präsidentenpalast in Kairo marschierten wieder Demonstranten auf. Nach derzeit unbestätigten Berichten sollen die Palastwachen teilweise abgezogen sein. Auch wurden Demonstranten versuchen, in das Gebäude einzudringen. Ob sich Mursi dort aufhält, war unklar.

Die Kundgebungen standen unter dem Motto "Rote Karte für Mursi". Auf dem Tahrir-Platz hielten einige Demonstranten Transparente mit der Aufschrift "Wir sind gegen die Muslimbrüder, nicht gegen den Islam" hoch.

Der Vorsitzende der Partei der Muslimbrüder, Saad al-Katatni, bezeichnete die Proteste als "Verschwörung", bei der im Hintergrund die Überbleibsel des alten Regimes von Präsident Husni Mubarak aktiv seien. Gleichzeitig betonte er, seine Bewegung sei bereit, "alle Vorschläge" für eine Beilegung der Krise anzuhören.

Mursi wird mit Mubarak verglichen

Inzwischen fühlen sich auch einige Oppositionelle an die Ära des früheren ägyptischen Machthabers Husni Mubarak erinnert. Sie warfen Mursi vor, er habe in seiner Rede an die Nation am Donnerstagabend die gleichen Klischees und Verschwörungstheorien bemüht wie sein Vorgänger. Mursi hatte in einer Fernsehansprache erklärt, es werde keine Änderungen an dem Verfassungsentwurf geben, der von den Islamisten formuliert worden war. Auch der Termin für das Referendum werde nicht verschoben. Er lud die Oppositionellen zu einem Dialog an diesem Samstag ein.

Die Jugend-Revolutionsbewegung 6. April und mehrere maßgebliche Oppositionsparteien erklärten, sie wollten auf diesen Dialog verzichten. Er sei nur ein PR-Gag. Zu ihnen gehörte der linke Politiker Hamdien Sabahi. Er sagte nach Angaben des staatlichen Nachrichtenportals "Al-Ahram": "Unsere Revolution hat friedlich begonnen und so wird sie auch enden."

Der Koordinator der Nationalen Rettungsfront, Mohammed ElBaradei, erklärte: "Mursi hat die Tür zugeschlagen." Ein Dialog mit dem Präsidenten sei nicht mehr möglich, da dieser nicht bereit sei, Kompromisse zu schließen.

Vor den Toren der Media Production City in Kairo demonstrierten mehrere hundert Anhänger des Salafisten-Predigers Hasem Abu Ismail. Sie forderten die "Säuberung der privaten Fernsehsender", weil diese zu negativ über die Islamisten berichteten.

UN verurteilen Verfassungsentwurf

UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay sieht eine Reihe von besorgniserregenden Elementen in dem von den Islamisten formulierten Entwurf für Ägyptens neue Verfassung. Der Text verbiete zum Beispiel nicht ausdrücklich Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Religion und Herkunft, sagte Pillay in Genf. Die Verfassung würde einige Menschenrechte garantieren, doch gebe es auch "einige sehr besorgniserregende Auslassungen und Unklarheiten."

N-tv.de/DPA