Ein wegen 62-fachen Missbrauchs angeklagter Turnlehrer in München soll bereits als Schüler einen Jungen sexuell bedrängt und mit einem Messer bedroht haben. Doch an seinem damaligen Gymnasium will man sich an den Vorfall nicht erinnern können.
Am Käthe-Kollwitz-Gymnasium ist offenbar ein Missbrauchsfall unter den Teppich gekehrt worden. Ein heute 29-Jähriger, der sich derzeit am Landgericht München I wegen des schweren sexuellen Missbrauchs von vier Buben verantworten muss, soll sich bereits vor mehr als zehn Jahren an der Neuhauser Schule an einem drei Jahre jüngeren Mitschüler vergangen haben. Dabei bedrohte Felix S. den Jungen mit einem Messer. In den Schulakten ist der Fall nicht dokumentiert, und die damalige Direktorin und eine Klassenleiterin konnten sich vor Gericht angeblich nicht mehr an die Tat erinnern.

Felix S. hat laut seinem Geständnis vor der 20. Strafkammer als ehrenamtlicher Turntrainer in einem Münchner Sportverein über Jahre hinweg drei Buben im Alter von sieben bis neun Jahren missbraucht. Zudem soll sich der Mann, der als Erzieher in einem Kindergarten arbeitete, an einem Vierjährigen vergriffen haben. In insgesamt 62 Fällen hat die Staatsanwaltschaft Felix S. angeklagt. In der Beweisaufnahme kam nun ans Licht, dass er schon in seiner Schulzeit einen Buben sexuell bedrängt hatte - über ein dreiviertel Jahr hinweg. Der Betroffene war zur Tatzeit 14 Jahre alt und hatte Reifeverzögerungen. Er war etwa drei Jahre jünger als Felix S.

Die Schulleitung wurde informiert, nachdem S. den Mitschüler auf einem Gang mit einem Messer bedroht hatte. Mehrere Zeugen bestätigten in der Verhandlung am Landgericht den Vorfall. Die ehemaligen Schulleiterin und die Klassenlehrerin von S. allerdings konnten sich im Zeugenstand nicht mehr an diese Tat erinnern, obwohl damals sogar ein Disziplinarverfahren gegen S. angelaufen sein soll. Die Direktorin soll dieses aber nicht vorangetrieben haben, wie sich die Mutter des Opfers vor Gericht erinnerte. In der Schülerakte von Felix S. ist weder eine Bedrohungssituation mit einem Messer, noch eine disziplinarische Maßnahme dokumentiert. Ein Kripobeamter stellte fest, dass die ehemalige Direktorin sich die Akte über das Sekretariat der Schule hatte aushändigen lassen - kurz bevor sie im Fall Felix S. als Zeugin aussagen musste. Weshalb eine Lehrkraft nach ihrer Pensionierung noch Einblick in Schülerunterlagen erhält, konnte sich der Polizist nicht erklären.

Bemerkenswert war die Aussage der früheren Klassenleiterin von Felix S. Sie hatte sich vor ihrer Zeugenanhörung mit der Ex-Direktorin telefonisch über den Fall ausgetauscht. Dabei schickte ihr die ehemalige Vorgesetzte per E-Mail auch ein altes Schülerfoto von S. zu. Vor Gericht behauptete die Lehrerin nun zunächst, sie habe nicht mit ihrer Ex-Kollegin gesprochen. Erst auf Nachfragen räumte die Frau ein, gelogen zu haben. Die Staatsanwaltschaft ließ die Zeugenaussage der Frau protokollieren und prüft nun Ermittlungen wegen Falschaussage. Auch die Direktorin könnte dies treffen.

Anwalt Oliver Schreiber, der eines der Missbrauchsopfer vertritt, sagte, dass die Schulleiterin in wenigstens vier Punkten die Unwahrheit gesagt habe: "Alles andere als die Einleitung eines Strafverfahrens wäre eine Überraschung." Eine frühzeitige Aufdeckung der Pädophilie bei S. hätte nach Schreibers Auffassung spätere Missbrauchsfälle verhindern können.