Krisenvorsorge ist für die meisten Deutschen noch immer ein Fremdwort. Der plötzliche Zusammenbruch trifft aus ihrer Perspektive angeblich immer nur die anderen. So sahen es die New Yorker bis vor wenigen Wochen. Und bis heute früh 7.01 Uhr sahen das wohl auch die Bewohner von München so. Und dann kam der Blackout.
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Um 7.01 Uhr heute früh begann in München der GAU. Der Strom fiel aus. Und das nicht nur für einige Sekunden. Nicht nur in den Stadtteilen Schwabing, Laim, Pasing, Lehel, Giesing, Sendling und Riem ging gar nichts mehr. Auch in Haidhausen und Berg am Laim war der Strom weg: Die Ampeln fielen aus, Menschen blieben in Fahrstühlen stecken, elektronische Türen bewegten sich nicht mehr, in Krankenhäusern brach das Chaos aus, Menschen steckten in S-Bahnen und Straßenbahnen fest, die Züge fielen aus, die elektronischen Kassen waren tot. Schuld war eine Störung in einem Umspannwerk. Auch in München hatte man bislang all jene belächelt, die sich auf solche und andere Krisen vorbereitet hatten. Auf einen Schlag wären viele froh gewesen, wenn sie auch zu diesen Menschen gehört hätten. Denn es kommen immer mehr Krisen. Und sie kommen immer häufiger. Die nachfolgenden Passagen zum Stromausfall und seinen Folgen stammen aus dem aktuellen Bestseller Was Oma und Opa noch wussten:

Erinnern Sie sich noch an den Dezember 2010 und was einige starke Schneefälle da anrichteten? Stillstand auf Straßen, Flughäfen und Schienen, Stromausfall und schulfrei. Der heftige Schneefall führte in weiten Teilen Deutschlands zu Problemen. Erst fehlte nur Streusalz, dann ging den ersten Tankstellen der Treibstoff aus. Und dann kam die ganze Lieferkette der Lebensmittelindustrie für einige Tage durcheinander.

Der Autor Marc Elsberg beschrieb 2012 in seinem Buch Black Out, wie eine Welt bei einem längeren Stromausfall ganz schnell zugrunde geht. Das Erschreckende daran: Das Buch ist nicht unrealistisch. Es wird dann viele Dinge geben, die Städter schlicht nicht mitbekommen. Kühe etwa, die vor Schmerzen brüllen. Wenn der Strom ausfällt, dann funktionieren auch die Melkmaschinen nicht. Und weil die Bauern mit den Händen nicht so viele Tiere auf einmal melken können, schwellen die Euter der Kühe langsam an, bis sie platzen. Tausende verenden qualvoll. In den Städten und Dörfern müssen die Menschen mit ganz anderen Dingen kämpfen: Als Erstes geht das Licht aus. Dann brechen die Wasser- und die Nahrungsmittelversorgung zusammen, Krankenhäuser müssen den Betrieb einstellen, und die Kommunikation wird gestoppt. Supermärkte und Tankstellen schließen. In den Häusern versagen die Heizungen, in den Atomkraftwerken fallen die Kühlanlagen aus. Mit Waffen verteidigen die Menschen ihr letztes Brot. Nach einer Woche ohne Strom steht die westliche Welt vor dem GAU. Nein, das ist kein Horrorszenario. Das ist die Realität. Schauen wir sie uns Stück für Stück genauer an.

Christoph Unger vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz sagte 2011 bei einem Fachtreffen im Bundestag zu den Folgen eines jederzeit möglichen längeren Stromausfalls: »Wir haben heute Just-in-time-Transport. Das funktioniert dann eben auch alles nicht mehr so, weil die Computer in den Unternehmen nicht mehr funktionieren, die Kommunikation ausfällt, und dann haben Sie im Geschäft vor Ort nicht mehr, was Sie normalerweise erwarten können, das frische Brot, die frischen Brötchen. Und irgendwann wird das dann schwierig mit der Versorgung der Bevölkerung.« 

Der Technikfolgenabschätzungsbericht des Deutschen Bundestags vom Mai 2011 hat ein eigenes Kapitel zum Thema Lebensmittelversorgung. 90 Prozent der Lebensmittel werden demnach inzwischen in einigen wenigen großen Supermarktketten gekauft. Doch nicht nur in der Logistik der Lebensmittelindustrie bricht bei einem längeren Stromausfall sofort das Chaos aus, etwa bei der Milchviehhaltung. In dem Bericht heißt es: »Ein Ausfall oder eine Verschiebung der Melkzeit um wenige Stunden kann bei Kühen zu einer Euterentzündung und in der Folge zum Tod führen. Ein Ausweichen auf Handmelken ist nicht möglich, da dies viel Übung und Kraft erfordert.« Weiter heißt es in dem Bericht: »In der Tierhaltung fallen Beleuchtung, Belüftung, Heizung und Fütterungsanlagen aus. (...) Der Ausfall der Beleuchtungsanlagen erschwert zahlreiche Arbeitsschritte, wie beispielsweise die Kontrolle des Zustands der Tiere. (...) Probleme ergeben sich auch bei der Futterversorgung der Tiere durch teil- oder vollautomatisierte Misch- und Förderanlagen. Die Bereitstellung und Verteilung der benötigten Futtermengen kann manuell nicht geleistet werden. (...) Ein weiteres Problem ist die Versorgung der Tiere mit Trinkwasser, insbesondere aus den öffentlichen Leitungsnetzen. Dort, wo die Pumpen ausgefallen sind und nicht mehr in Betrieb genommen werden, versiegt die Zufuhr. (...) Mit zunehmender Dauer des Stromausfalls wird die Versorgung der Herden problematisch und kann teilweise nicht mehr geleistet werden. Durch die Leitungen der öffentlichen Wasserversorgung wird fast überall kein Wasser mehr geführt. Die Futtermittelbestände werden vielfach durch Schimmelbildung unbrauchbar. Sich ausbreitende Erkrankungen, z. B. der Atemwege, gefährden den Bestand ganzer Betriebe. Insgesamt ist − insbesondere in den Großbetrieben der Schweine- und Geflügelzucht − mit einem Massensterben des Viehs zu rechnen.« 

Und was geschieht parallel im Lebensmittelhandel? Die Fachleute des Deutschen Bundestags halten folgendes Szenario für realistisch (Bundestagsdrucksache 17/5672 vom 27. April 2011): »In den Verteilzentren, deren Notstromversorgung nicht alle Funktionen aufrechterhalten kann, sinkt die Leistung im Warenumschlag stark ab. Darüber hinaus entstehen aufgrund der Verkehrssituation Verzögerungen im Vertrieb. Im Zeitraum von zwei bis acht Stunden wird die Möglichkeit eines mehrtägigen Stromausfalls in Betracht gezogen. Deshalb nehmen Filialen ohne Notstromaggregat (NSA) einen provisorischen Betrieb auf. Dazu sind zunächst eine Umstellung auf Handkassen sowie später manuelle Bestandsführung und Nachbestellung erforderlich. Außerdem wird aufgrund der ausgefallenen Beleuchtung der Kassenbereich mit Taschenlampen oder Ähnlichem beleuchtet und als Verkaufstheke benutzt, an der das Personal Waren an die Kunden ausgibt. Zudem werden je nach der verbleibenden Ladenöffnungszeit Sonderangebote auf Tiefkühlwaren erwogen, da diese über Nacht verkaufsunfähig würden.« 

Und was passiert, wenn der Stromausfall länger als acht Stunden dauert? »Zwischen acht und 24 Stunden verkürzen die Filialen des Lebensmittelhandels ihre Öffnungszeiten in Abhängigkeit vom Tageslicht. In weiteren Lagern fällt die Notstromversorgung aus. Die für eine derartige Situation vorgesehenen Notfallpläne der Unternehmen sind nicht für großflächige Krisen konzipiert. Sie sind zumeist auf den Ausfall einiger Lager innerhalb einer Region oder auf den Ausfall eines einzigen Lagers zugeschnitten. Die hierzu vorgesehenen Maßnahmen, wie Schichtarbeit im Zwei- oder Dreischichtbetrieb an verbleibenden Standorten oder Genehmigung für Sonntagsarbeit und -fahrten für Lkw, können aufgrund der ausgefallenen Kommunikation und der allgemeinen Beeinträchtigung in weiteren Sektoren nur eingeschränkt realisiert werden. Im Verlauf der ersten Woche verändert sich das Kaufverhalten zunehmend, da der Stromausfall die normalen strombasierten Kochgewohnheiten einschränkt. Eine Zubereitung von warmen Mahlzeiten ist nur noch mit Campingkochern, Gasherden, Grills oder Kaminen möglich. Daher werden vor allem verzehrfertige Nahrungsmittel, wie Brot und Backwaren, Wurstwaren, Cerealien und Obst sowie Konserven, Grundnahrungsmittel wie Milch, Öl, Zucker und Wasser, aber auch Artikel wie Decken, Taschenlampen, Batterien und Kerzen gekauft. Aufgrund der gesteigerten Nachfrage, die spätestens nach Bekanntwerden der Stromausfalldauer durch intensive Vorratskäufe verstärkt wird, sind diese Produkte vielerorts ausverkauft. Die wenigsten Geschäfte des Lebensmittelhandels verfügen über nennenswerte Lagerkapazitäten. Eine Nachlieferung erfolgt nur vereinzelt, da der Umschlag in den Lagern eingeschränkt ist und der Treibstoff der Lieferfahrzeuge knapp wird. Deshalb leeren sich die Regale innerhalb von zwei bis fünf Tagen. Vereinzelt werden Lebensmittel trotz unterbrochener Kühlkette abgegeben oder gelangen durch Diebstähle oder später durch Freigabe in Umlauf. Hiermit sind erhöhte gesundheitliche Risiken verbunden. Ohne eine weitere Belieferung der Region ist davon auszugehen, dass am Ende der ersten Woche die Vorräte in den Geschäften und Haushalten aufgebraucht sind. (...) Der Lebensmittelhandel erweist sich angesichts der erhöhten Nachfrage als das ›schwächste Glied‹ in der Versorgungskette.

Durch ausgefallene Datenleitungen und EDV ist eine Kommunikation über Vorrat und Nachfrage zwischen Zentrale, Lager und Filiale nicht möglich. Aufgrund der defizitären Versorgung der Bevölkerung wird von den Behörden erwogen, Lagerbestände verfügbar zu machen und für Krisen vorgehaltene Reserven zu aktivieren. Allerdings rechnen die Verantwortlichen dennoch mit drastischen Versorgungsengpässen bei wichtigen Grundnahrungsmitteln, aber auch bei besonderen Produktgruppen wie Babynahrung. Eintreffende Meldungen über gehäufte Todesfälle in Pflegeheimen und vereinzelt auftretende Auseinandersetzungen um Lebensmittel rücken die Möglichkeit einer Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch ausgreifende örtliche Unruhen in das Bewusstsein der Behörden. (...) Um Lebensmittellieferungen, ausgegebene Essensrationen oder knappe Lebensmittel in den wenigen noch betriebenen Filialen entbrennen Streitigkeiten und heftige, oft körperliche Auseinandersetzungen, die nicht immer von den Ordnungskräften geregelt werden können. Personen wie Alte, Kranke oder Kleinkinder, deren Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist oder die auf besondere Lebensmittel angewiesen sind, leiden besonders unter der Situation. Schließlich wird auch die Versorgung der lokalen, insbesondere aber der aus angrenzenden Regionen eingesetzten Kräfte zum Problem. Eine Stabilisierung der Versorgung mit Lebensmitteln und die Gewährleistung ihrer gerechten Verteilung unter der Bevölkerung entwickeln sich zu vorrangigen Aufgaben der Behörden. Von ihrer erfolgreichen Bewältigung hängen das Überleben zahlreicher Menschen und der Erhalt und die Sicherung der öffentlichen Ordnung ab.« 
Was Sie da gerade gelesen haben, stammt nicht aus der Feder eines Autors von Horrorbüchern, sondern vom Deutschen Bundestag. Und der beschreibt ganz nüchtern, was bei einem längeren Stromausfall beim Thema Lebensmittelsicherheit auf die Bundesbürger zukommt. Doch es geht noch weiter. Viele weitere Details finden Sie in dem aktuellen Bestseller Was Oma und Opa noch wussten. Wann befassen auch Sie sich mit dem Thema Krisenvorsorge?