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Forscher streiten über Pocken-Aufbewahrung
Forscher streiten über Pocken-Aufbewahrung

Die USA und Russland halten Pocken in Laboren am Leben. Kritiker sehen darin große Gefahren und fordern die sofortige Zerstörung der Viren.

Diese Woche verhandelt die Weltgesundheitsversammlung in Genf darüber, ob die letzten erhaltenen Bestände der Pocken-Viren vernichtet werden sollen. Die Erreger der als ausgerottet geltenden Krankheit lagern nur noch an zwei Orten auf der Welt: Im US-amerikanischen Atlanta und im russischen Koltsowo.

Um das von den gelagerten Pocken-Viren ausgehende Restrisiko zu beseitigen, wollen die Vertreter der Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf der Versammlung in Genf eine Einigung darüber erzielen, wann die zwei noch vorhandenen Sammlungen der tödlichen Erreger unschädlich gemacht werden. Die Krankheit an sich gilt seit über 30 Jahren als ausgerottet, doch in amerikanischen und russischen Hochsicherheitslaboren werden bis heute letzte Muster der gefährlichen Erreger aufbewahrt.

Risiko eines erneuten Pocken-Ausbruch steigt jährlich

Die endgültige Zerstörung der Pocken-Viren würde nicht nur einen Schlussstrich unter die erfolgreiche Bekämpfung der Erreger ziehen, sondern auch ein klares Signal in Richtung von Personen und Einrichtungen setzten, die möglicherweise illegal weiterhin Pocken-Viren aufbewahren, erklärten die Experten der WHO. „Wenn das Virus zerstört ist, wäre das ein Statement, dass sich nach diesem Tag jeder Forscher, jedes Labor, jedes Land, das Pocken besitzt, an Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig macht,“ erläuterte Donald Henderson, Leiter des Pocken-Ausrottungsprogramms der WHO. Außerdem steige mit jedem Jahr der Lagerung die Gefahr, dass sich die Erreger von den tiefgekühlten Hochsicherheitslaboren in Russland und den USA aus erneut verbreiten, erläuterte der Experte. Auch Iris Hunger, Leiterin der Forschungsstelle Biowaffenkontrolle am Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung in Hamburg warnte gegenüber der Zeitschrift Focus davor, dass „mit jedem Jahr (...) die Gefahr, dass die Pocken durch einen Unfall freigesetzt werden,“ steigt. Mit der Vernichtung der letzten Pocken-Viren könnte indes ein Schlusspunkt unter die erste erfolgreiche Ausrottung einer menschlichen Krankheit gesetzt werden, betonten die Forscher.

Russland und die USA verzögern die Vernichtung der Pocken-Viren

Die Beteiligten der Weltgesundheitsversammlung in Genf gehen davon aus, dass am Ende für eine Zerstörung der Pocken-Viren entschieden wird. Doch während die US-Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius kürzlich gegenüber der New York Times bestätigte:. „Wir stimmen zu, dass diese Muster zerstört werden sollten“, erklärte der Oberste Amtsarzt Russlands, Gennadi Onischtschenko, dass eine Beseitigung verfrüht wäre. Auch die Aussage der US-Gesundheitsministerin fällt auf den zweiten Blick nicht ganz so eindeutig aus. Es sollte abgewartet werden, um noch weitere Medikamente zu entwickeln, nicht zuletzt da es „möglich“ sei, „dass versteckte und vergessene Bestände existieren“, erläuterte Sebelius. Diese könnten durch unvorsichtigen Umgang oder Terrorangriffe freigesetzt werden und sich anschließen wieder über die Welt verbreiten, befürchtete die US-Gesundheitsministerin.

Industrieländer decken sich mit Pocken-Impfstoff ein

Aktuell geht jedoch die größte Gefahr einer Freisetzung der Pocken-Viren laut Aussage der Experten von den Hochsicherheitslaboren in den USA und Russland aus. Durch einen Unfall oder Terrorangriff könnten die hoch gefährlichen, tiefgekühlten Erreger freigesetzt werden und sich anschließend weltweit verbreiten, warnen die kritische Forscher wie Iris Hunger, Leiterin der Forschungsstelle Biowaffenkontrolle am Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung. Zwar hätten sich die Industrieländer nach den Anschlägen vom 11. September umfassend mit Pocken-Impfstoff für ihre Bevölkerung eingedeckt, so dass umgehend reagiert werden könnte. Doch die Entwicklungsländer waren laut Aussage der Experten nicht dazu in der Lage, sich die Anschaffung der kostspieligen Impfdosen in dem für ihre Bevölkerung benötigten Umfang zu leisten, so dass ein Ausbruch der Pocken hier katastrophale Folgen haben könnte. Um im Notfall reagieren zu könne, hält auch die WHO 64 Millionen Impfstoffdosen vorrätig, doch für die Bevölkerung in den Entwicklungsländern wird diese Anzahl an Impfdosen im Ernstfall nicht ausreichen und die Pocken könnten erneut eine Ausbreitung erfahren wie zuletzt vor mehr als 30 Jahren.

Infektionskrankheit ausgerottet

Im vorletzten Jahrhundert verstarb noch jedes europäische Kind in Europa an der Infektionskrankheit. Wer sich ansteckt, leidet unter grippeähnlichen Beschwerden wie allgemeines Unwohlsein, Müdigkeit, Fieber und Kopfschmerzen. Einige Tage später bilden sich die bekannten Bläschen auf der Haut, die später aufplatzen und tiefe Narben bilden. Erfolgt keine schnelle ärztliche Behandlung können Folgeerkrankungen wie Lungenentzündung, Erblindung und Nervenleiden auftreten. Ohne Therapie verstirbt jeder dritte Patient an Pocken.

In einem ersten Versuch zeigte der englische Arzt Edward Jenner im 18. Jahrhundert, wie Menschen gegen den Erreger immun werden können. Hierzu rieb der Arzt einem achtjährigen Kind Kuhpocken auf eine offene Wundstelle. Zwar sind die Viren der Menschenpocken ähnlich, aber wesentlich schwächer. Nach der viralen Infektion und überstandenen Krankheit war der Junge gegen jede weitere Pocken unempfindlich, weil das Immunsystem Abwehrzellen gebildet hatte. Der martialische Menschenversuch lieferte der Schulmedizin die erste Vorlage für eine Schutzimpfung. Bis allerdings die ersten Impfungen vollzogen wurden, vergingen viele weitere Jahre. Erst 1980 verkündete die Weltgesundheitsorganisation WHO das Ende der Pockenseuche.

Noch immer wird mit Pocken-Viren geforscht

Trotz dem Ende der Pocken-Ära wird weiter mit den Viren geforscht. Nach neusten Erkenntnissen wurden bislang das Erbgut von rund 50 Pockenviren-Stämmen entschlüsselt. Dadurch wurden neuen Impfstoffe und neue Methoden der Diagnostik entwickelt. Nach Ansicht der WHO müssten nun aber keiner neuen Viren vermehrt werden. Die Wissenschaftler wiesen zudem daraufhin, dass die Vakzinproduktion mit Kuhpocken funktioniere. Nur noch um Anti-Viren Arzneien zu erforschen, sei es zulässig, Erreger zu produzieren.

Die US-Arzneimittelaufsichtsbehörde FDA prüft derzeit, welche Erregertypen hierfür noch vertretbar sind. Insgesamt drei Substanzen gelten als Aussichtsreich. Weil es aber keine Menschen mehr auf der Erde gibt, die sich mit Pocken infiziert haben, fordern die Experten eine Reihe von Tierexperimenten, um die neu entwickelten Wirkstoffe hinreichend zu prüfen. Die Forschungseinrichtungen in den USA und Russland können sich demnach nicht auf ein gemeinsames Datum einlassen, an dem alle Pockenviren endgültig vernichtet werden.

Aufbewahrung der Viren unnötig und gefährlich

Kritiker sehen in der Aufbewahrung der Viren ein gefährliches Spiel mit dem Feuer. Es sei unverständlich, warum die Stämme noch immer aufbewahrt werden, obwohl doch schon zahlreiche Impfstoffe entwickelt wurden, konstatierte deshalb auch die Forscherin Iris Hunger. Die plädiert für die sofortige Vernichtung aller Pockenviren in den Laboren. Denn die Forschung erbringt keine neuen Erkenntnisse, sondern nur mehr Gefahren. Das sehen auch die afrikanischen Staaten so. Sie wären im Falle einer Freisetzung am wenigsten vor einer Epidemie geschützt, weil sie keine Impfdosen vorrätig hätten und die medizinische Versorgung in den Entwicklungsländern miserabel ist. Seit Jahrzehnten wird daher immer wieder die Zerstörung gefordert. Doch immer wieder setzen sich die Pharmalobbys durch. Ob es dieses mal wieder der Fall sein wird, wird sich diese Woche zeigen. (fp,sb)