© Alessandro Valli
Muss man ein Arschloch sein, wenn man nicht ausgenutzt und abhängt werden will? Manchmal scheint’s, als hätte sich die Welt darauf geeinigt.

Aber: Die Welt hat Unrecht, wenn sie so denkt.

Nett ist nicht die kleine Schwester von Scheiße. Sondern die große Schwester von Glück und Zufriedenheit.

Nett zu sein verändert unser Gehirn, wie Studien zeigen. Es hilft auch dem Helfer. Besonders wirksam sind sogenannte Random Acts of Kindess, „zufällige Akte der Freundlichkeit“. Kleine gute Taten, oft an Wildfremde gerichtet. Ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Zum Beispiel: im Starbucks mal den 12-Euro-Kaffee des nächsten Kunden mitbezahlen. Einfach so. Oder beim Kinderwagen vor der Treppe anpacken (vorher vielleicht kurz fragen).

Die Random Acts of Kindness Foundation hat beeindruckende Studienergebnisse zusammengetragen.

Freundlichkeit füllt uns mit Energie und macht selbstbewusster

In einer Studie an der Berkeley University berichtete der Großteil der Teilnehmer, mehr Energie zu haben, nachdem sie einem anderen geholfen hatten. Sie fühlten sich optimistischer, stärker und selbstbewusster und verspürten deutlich mehr Gelassenheit.

Freundliches Handeln lässt nämlich den Neurotransmitter Serotonin ausschütten und uns die Welt und uns selbst mit anderen Augen sehen. Dr. Sonja Lyubomirsky von der University of California hat über 20 Jahre lang zum Thema Glück geforscht. Sie sagt:
„Wenn wir gut zu anderen Menschen sind, fühlen wir uns gut - als gute Menschen, optimistischer, positiver und moralischer.“
Gutes zu tun verbessert unser Selbstbild, lässt es mehr strahlen.

Freundlichkeit macht glücklich und reduziert Leiden

Eine Harvard-Studie zeigte, dass Menschen, die Gutes tun - zum Beispiel Geld spendeten - glücklicher sind als andere.

Und Forscher konnten noch viele weitere sehr positive Effekte nachweisen, wenn wir unsere Freundlichkeit bewusst kultivieren:
  • Weniger Schmerzen und Bluthochdruck
  • Weniger Ängste, Sorgen und Panikattacken
  • Weniger Depressionen
So sollten zum Beispiel Menschen mit starken sozialen Ängsten in einem Experiment der University of British Columbia einmal täglich an sechs Tagen in der Woche eine Kleinigkeit für andere tun. Die Tür aufhalten, den Abwasch machen, obwohl ein anderer dran wäre, ein paar Euro spenden, das Essen eines Freundes bezahlen. Die Teilnehmer waren schon nach vier Wochen in drastisch positiver Stimmung und viel zufriedener mit ihren Beziehungen - und ihr soziales Vermeidungsverhalten baute sich ab.

Neben Serotonin wird auch mehr vom Bindungshormon Oxytocin im Gehirn freigesetzt, das auch beim Kuscheln sowie nach dem Sex ausgeschüttet wird. Und das Stresshormon Cortisol verringert sich um 23 Prozent.

Die Freundlichkeit ist also sehr freundlich zu uns.

Je regelmäßiger wir sie praktizieren, desto mehr baut sich unser Gehirn entsprechend um, der lebenslangen Veränderbarkeit der Nervenbahnen (Neuroplastizität) sei Dank. Jeder von uns kann Güte nachweislich wie einen Muskel trainieren.

Die körperlichen und seelischen Auswirkungen verlängern sogar unser Leben. Christine Carter schreibt in ihrem Buch „Raising Hapiness“:
„Menschen über 55, die sich freiwillig in Organisationen einbringen, haben eine um 44 Prozent verringerte Wahrscheinlichkeit, verfrüht zu sterben. Und zwar nachdem sämtliche anderen Faktoren wie Gesundheit, Geschlecht, oder Gewohnheiten wie Rauchen ausgeschlossen wurden. Dieser Effekt ist stärker, als viermal in der Woche Sport zu treiben.“
Nebenbei: Freundlichkeit kann zur Kettenreaktion werden

Freundlichkeit und gerade auch die Random Acts of Kindness können neben Deinem Gehirn auch die Welt verändern.

Sie machen schließlich nicht nur uns selbst glücklich, sondern auch der anderen Person. Ihre Freude führt oft dazu, dass sie selbst freundlicher handelt. Aus einer einzigen guten Tat kann also eine weitere werden, und dann noch eine. Es ist, wie wenn wir einen kleinen Stein ins Wasser werfen ... die Wellen breiten sich aus.

Dr. David R Hamilton schreibt in seinem Buch The Five Side Effects of Random Kindness von einem besonders großen Act of Kindness, an dem sich dieser Domino-Effekt zeigt. Ein 28-Jähriger ging in eine Klinik und spendete anonym eine Niere. Viele der Familienmitglieder des Mannes, der dank dieser Organspende überleben konnte, spendeten ebenfalls eine Niere - so konnten, wie es im New England Journal of Medicine dokumentiert ist, in kurzer Zeit zehn Patienten in ganz Amerika eine neue Niere erhalten. Alles die Folge dieses einen ersten Spenders.

Ein paar Ideen

Natürlich müssen wir nicht gleich eine Niere spenden oder ein Bein. Schon die kleinsten Dinge zählen. Etwa diese hier:
  • Ein ehrlich gemeintes Kompliment machen in einem Kommentar bei Facebook oder Instagram
  • Jemanden an der Supermarktkasse vorlassen
  • Die Tür aufhalten
  • Etwas Nettes über jemanden sagen, während alle anderen gerade über ihn lästern
  • Einem Obdachlosen was vom Einkauf abgeben
  • Einem alten Lehrer schreiben, der unser etwas Wertvolles mit auf den Weg gegeben hat
  • Ein besonders großes Trinkgeld geben (v.a. wenn der Kellner besonders nett war)
  • Jemandem Danke sagen, der das viel zu selten hört (Postbote, Müllmann, Polizist, ...)
  • Jemanden anlächeln auf der Straße
  • Jemandem ein Buch schenken, das ihm gefallen könnte
  • Die Oma oder den Opa anrufen (nicht nur: „Könnte ich echt mal wieder machen ...“)
  • Mit dem Typen sprechen, der auf der Party allein in der Ecke rumsteht und sich an seinem Glas festhält (könnte ich sein!)
  • Einem anderen die Parklücke überlassen
  • Jemanden aufmuntern mit einem Witz (wie wär’s mit dem: „Was ist das Weiße in Vogelkacke? Auch Vogelkacke.“)
  • Dem Partner einen Kaffee ans Bett bringen
  • Jemandem anonym Blumen schicken
  • Ein wirklich offenes Ohr haben für einen anderen
  • Dem Partner einen Zettel schreiben mit allem, was man an ihm toll findet
  • Zwei Regenschirme mit ins Büro nehmen - und einen verleihen, wenn ein Kollege sonst ohne ins Unwetter müsste
  • Einen Sitzplatz freimachen für einen anderen (auch, wenn er noch nicht 100 ist - sondern z.B. ein Anfang-30-jähriger Blogger)
Ist also gar nicht so schwer ... und macht das Leben leichter und schöner.

Mehr unter Sprich achtsam: Wie Deine Worte nachhaltig Dein Gehirn verändern und unter Wie Jammern Dein Gehirn verändert (und Dich immer negativer macht).

Photo: Alessandro Valli