
Dann aber, seit Beginn der 2000er Jahre, tauchten immer mehr Indizien auf, die eine frühere Besiedlung des amerikanischen Kontinents nahelegten - und das "Clovis-Zuerst"-Modell ad acta. Allmählich nahm eine neue Lehrmeinung Gestalt an: Homo sapiens kam per Boot entlang der Westküste vor mindestens 15 000 Jahren.

Die nun fragliche Fundstelle in Kalifornien wird schon seit den 1990er Jahren ausgegraben. Man stieß damals bei Straßenbauarbeiten für die Staatstraße 54 im San-Diego-County darauf. Die Forscher sammelten aus verschiedenen Bodenschichten Knochen von allerlei Eiszeit-Spezies; Steven Holm vom San Diego Natural History Museum und seine Kollegen konzentrierten sich für die aktuelle Studie nun aber auf die Knochen des vor Ort gefundenen männlichen Mastodons, dessen genaue Fundstelle nach dem Erstentdecker Richard Cerutti benannt worden war, einem Mitarbeiter des gleichen Museums.

Tatsächlich wäre das für sich allein keine Sensation: Weltweit dokumentieren archäologischen Spuren solche Vorgehensweisen. Der Fundort und das vermeintliche Alter sind allerdings mehr als bemerkenswert: Die Mastodon-Knochen sind einer Uran-Datierung des Teams zufolge 130 000 plus/minus 9000 Jahre alt - und somit mehr als 100 000 Jahre älter als die ältesten allgemein anerkannten archäologischen Stätten in Amerika.
San Diego, 110 000 v. Chr.

Wenn denn wirklich stimmt, was Holen und seine Kollegen vermuten, zwingen sie die Forschergemeinde, alles zu überdenken, was sie bisher über die Besiedlung der neuen Welt gedacht hat - inklusive der Tatsache, ein Homo sapiens sei der erste Kolonialist gewesen. Die meisten Forscher waren sich einig, dass die Menschen aus Nordostasien nach Amerika kamen; Holen und Co. argumentieren nun aber, dass vor 130 000 Jahren H. sapiens, H. erectus, die Neandertaler und die Denisovaner (die man bisher nur anhand einer in der Höhle von Denisova in Sibirien gewonnenen DNA-Spur postuliert) schon in Amerika gewesen sein könnten. Sie hätten Beringia vor 135 000 Jahren zu Fuß überqueren können, als der Meeresspiegel hinreichend niedrig war; oder mit dem Boot entlang der Küsten von Asien, Beringia und Nordamerika gereist sein, um schließlich den Lebensraum des Cerutti-Mastodons zu erreichen.
Der Fund, meinte Holen auf einer Telefon-Pressekonferenz, sollte andere Archäologen ermutigen, in ähnlich alten Bodenschichten und Fundorten auf Spurensuche zu gehen - denn das sei bisher vor allem deshalb nicht geschehen, weil sich niemand vorstellen konnte, dass Amerika derart früh besiedelt worden ist.

Das Mastodonskelett im Schema: So wird deutlich, wo die Knochen und Zähne des Tiers am Fundort lagen. Eine vollständige Rekonstruktion der Lage ist allerdings nicht gelungen - Anlass für Kritiker, die Schlussfolgerungen in Frage zu stellen.
Der Mangel an taphonomischen Beweisen - also an Informationen darüber, was mit den Funden zwischen dem Zeitpunkt ihrer Ablagerung im Boden und ihrer Entdeckung geschah - legt den Finger auf "Unterschiede zwischen einer paläontologischen und einer archäologischen Ausgrabung", erklärt der Archäologe Andy Hemmings von der Florida Atlantic University: Diese verschiedenen Ansätze nutzen Wissenschaftler, um einerseits Fossilien und andererseits Hinterlassenschaften einer Kultur und von menschlichem Einfluss aufzudecken, die eine deutlich sorgfältigeren Herkunftsnachweis im Detail erfordern. "Sie haben nicht jedes darstellbare Objekt der Fundstelle abgebildet und deren Beziehungen nicht beachtet. Lagen die Stücke 15 Meter oder 15 Zentimeter auseinander?", fragt er. Diese Informationen sind entscheidend für die Rekonstruktion des Geschehens, also der Entstehung der Frakturen oder des möglichen Kontakts von Knochen und Steinwerkzeug - wenn es diesen denn überhaupt gegeben hat.
Denn es ist den Forschern zwar gelungen, die Spuren an den Überresten experimentell zu reproduzieren, als sie frische Knochen mit Steinwerkzeugen bearbeiteten - irgendeine alternative Ursache aber hat das Team gar nicht erst angesprochen, monieren die Kritiker. "Es ist eine Sache, wie Holen und seine Kollegen zu zeigen, dass gebrochene Knochen und Schlagsteine von menschlicher Hand entstehen können. Etwas ganz anderes ist aber der Nachweis, dass Menschen - und nur Menschen! - dafür verantwortlich sind. Diesen Nachweis haben Holen [und Co] sicher nicht geführt - und so ist ihre Behauptung eben auch problemlos zurückweisbar", der Archäologe Donald Grayson von der University of Washington. Andere Kommentatoren meinen, das Team sollte noch viele weitere fossile Ansammlungen großer Säugetierknochen analysieren, um zu erkennen, ob die am Cerutti-Mastodon aufgefallenen Bruchmuster auch natürliche Ursachen haben könnten.
Zu primitiv für das Alter?

Auch dass es archaische Menschen überhaupt in die Neue Welt geschafft haben sollen, ist für manche Kritiker schwer zu schlucken. Denn die Beringstraße versank vor 130 000 Jahren im Meer, bemerkt Jon Erlandson von der University of Oregon, ein prominenter Befürworter des Küstenwegmodells. "Es gibt einige Beweise dafür, dass Homo erectus in der Lage war, ein paar kleine Gewässer zu überqueren, aber keinerlei Beleg dafür, dass er oder der Neandertaler eine weite Bootsreise machen konnte oder dass sie über ähnliche anspruchsvolle Fahrzeuge verfügt hätten wie etwa modernen Menschen, die zuerst Australien kolonisierten."
Legt man solche Zweifel an einer Kolonialisten-Spezies einmal beiseite und akzeptiert, dass sie wirklich so früh einwanderte, wie Holen postuliert - so bleibt doch die Frage, warum eine derart gähnende Lücke fehlender archäologischer Belege zwischen den Cerutti-Mastodon-Resten und den ältesten anerkannten menschlichen Siedlungsspuren in Amerika klafft. "Wenn es vor 130 000 Jahren Leute in San Diego gab, sollte man erklären können, warum sie dann plötzlich 115 000 Jahre lang wieder überall verschwunden waren", findet Erlandson. Er stört sich an der Vermutung der Autoren, man hätte bisher einfach nicht gut genug in alten Schichten gesucht: Im Gegenteil hätten er und andere Archäologen seit einiger Zeit ebendas getan, wenn sie etwa zu ganz ähnlichen Bauvorhaben gerufen wurden wie dem, bei dem das Cerutti-Mastodon damals aufgetaucht ist. "Ich habe in der Gegend von Santa Barbara durchaus etwas Erfahrung bei Bauüberwachungen, und wir haben sorgfältig Ausgrabungen bis hin zu Sedimenten im gleichen Alter durchgeführt und nach Artefakten gesucht. Gefunden haben wir nichts", sagt er. "Es will mir nicht in den Kopf, dass über Jahrzehnte geologischer Überwachung niemand irgendetwas gefunden hat." Erlandson erinnert an die lange Tradition von später sämtlich widerlegten angeblichen Spuren der frühen menschlichen Besiedlung Amerikas - etwa an Fundstellen wie den Calico Hills in Kalifornien, die der berühmte kenianische Paläoanthropologe Louis Leakey für womöglich 200 000 Jahre alt gehalten hat.

Bei archäologischen Datierungsexperten sorgte die Studie im Übrigen für gemischte Reaktionen: "Ich denke, die zeitliche Einordnung passt schon", meint zum Beispiel der Geochronologe Rainer Grün von der Griffith University in Australien. Die Geochemikerin Bonnie Blackwell vom Williams College ist dagegen der Meinung, das Team könnte seine Argumentation noch stärker unterfüttern. Schließlich könne schwammiges Knochengewebe Uran aufnehmen oder auch schneller auswaschen, was die Genauigkeit der Datierung beeinflussen dürfte. Blackwell hätte die Mastodon-Stoßzähne vom Fundort eher mit Elektronenspinresonanz (ESR) untersucht, eine Technik, die das Alter anhand der Elektronen im Zahnschmelz abschätzt. Mit einer Kombination aus Uran-Datierung und ESR hatte Blackwell bereits erfolgreich Mastodon-Überreste datiert, die am Fundort Hopwood Farm in Illinois ausgegraben wurden.

Das findet auch Hemmings. "Ich bin grundsätzlich Fan der Idee von Hominiden in Amerika vor 130 000 Jahren - nicht allerdings auf der Basis der vorliegenden Beweise. Die reichen noch nicht, um den Champagner zu köpfen."
Der Artikel ist im Original unter dem Titel "Ancient Bones Spark Fresh Debate over First Humans in the Americas" in "Scientific American" erschienen.



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