© San Diego Natural History Museum
Zertrümmerte Mastodon-Knochen und Steine in einer Höhle nahe San Diego deuten US-Archäologen als das Werk früher Menschen, die Amerika demnach schon vor 130.000 Jahren bewohnt haben.
San Diego (USA) - Funde in einer Höhle in Kalifornien legen nahe, dass der Homo sapiens nicht die erste Menschenart war, die Amerika erreicht und besiedelt hatte. Die Wissenschaftler datieren die Funde auf ein Alter von 130.000 Jahren, was die Ankunft von Menschen bzw. Frühmenschen im Gegensatz zur bisherig wissenschaftlich akzeptierten Vorstellung um sage und schreibe 100.000 Jahre vordatiert.

Wie das Team um Tom Deméré vom San Diego Natural History Museum, Kathleen und Steven Holen vom Center for American Paleolithic Research aktuell im Fachjournal Nature (DOI: 10.1038/nature22065) berichtet, beruht die schier unglaublich klingende Datierung auf zerbrochenen Mastodon-Knochen und Steinen, die im Innern einer Höhle nahe San Diego in Kalifornien gefunden und datiert werden konnten.

Zugleich stellt die Schlussfolgerung der Studie aber nicht nur die Chronologie der Besiedlung Amerikas durch Menschen massiv in Frage, sondern auch die Vorstellung darüber, durch wen, bzw. welche Art, der Kontinent erstmals besiedelt wurde.

Die bisherige Lehrmeinung geht davon aus, dass Nordamerika frühestens vor weniger als vor 20.000 Jahren von modernen Menschen über die Beringstraße nach Alaska besiedelt wurde. Vor 14-15.000 Jahren sollen Menschen dann Südamerika erreicht haben. Jetzt scheint es so, als seien dem Homo sapiens andere Arten wie etwa Neandertaler oder Denisova-Menschen aus Asien bereits zuvor gekommen.

Tatsächlich ist die Theorie über eine deutlich frühre Besiedlung Amerikas aber nicht neu und wurde von den Holens schon vor Jahren durch auf ein Alter von mindestens 40.000 Jahre datierte Funde untermauert. Eine erste Datierung der Funde von San Diego ließ sogar auf ein Alter von bis zu 300.000 Jahren schließen - Ergebnisse, die die Forscher aber selbst aufgrund damals noch ungenauer Methoden in Zweifel zogen.


Die neue Datierung (auf das besagte Alter von rund 130.000 Jahre) basiert nun aufgrund eines mangelnden Kohlenstoffgehalts der Mastodonknochen, nicht auf einer Radiokarbondatierung (C14), sondern auf der Bestimmung radioaktiven Uraniums und Thoriums in den Knochen.

Wie zu erwarten, stößt die Studie unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung nicht nur auf Interesse, sondern auch auf scharfe Kritik. Zum einen bezeiht sich diese auf die angewandte Datierungsmethode, die sich aufgrund eines mangelhaften Kohlenstoffgehalts nicht auf die herkömmliche Radiokarbondatierung (C14) der Mastodonknochen, sondern eine Bestimmung radioaktiven Uraniums und Thoriums in den Knochen stützt. Diese Methode, so zitieren die Nature News den Archäologen Alistair Pike von der University of Southampton, basiere zwar nur auf vereinfachten Modellen darüber, wie Uranium aus dem Grundwasser in Knochen gelangt. In der Datierung selbst habe er jedoch keine Fehler finden können und attestiert: „Diese Ergebnisse sind so gut, wie sie nur sein können.“

David Meltzer von der Southern Methodist University in Dallas fordert hingegen eindeutigere Beweise dafür, dass die Steine und Knochen tatsächlich von Menschen - du nicht von einer andren Naturkraft - zerschlagen wurden: „Wenn man die Menschheitsgeschichte mit einem Ruck derart weit vordatieren möchte, dann sollte man dies mit besseren archäologischen Argumenten tun, wie hier geschehen.“ Dieser Kritik schließt sich auch John McNab von der University Southampton an und hebt hervor, dass bislang in der Höhle keine weiteren menschlichen Funde gemacht wurden.

Dennoch zeigt sich auch McNab von den angewandten Methoden und Ergebnissen fasziniert. Ebenso Erella Hovers, die die Studie für Nature begutachtet hat: „Als ich das Manuskript bekam, zog ich sogleich die Augenbrauen hoch und ich dachte zunächst ‚ach wirklich?‘. Dann habe ich die Arbeit aber gelesen und geprüft und finde das Ergebnis verblüffend: „Schließlich eröffnet es so viele Fragen, da wir bislang eigentlich noch gar nichts über diese Menschen von damals wissen.“


+ + + GreWi-Kommentar

Eine Datierung von Funden mit einer Abweichung von 100.000 Jahren zur bisherigen Lehrmeinung und dies auch noch mit „Nature“ in einer Fachpublikation in einem der anerkanntesten wissenschaftlichen Journale - das kommt tatsächlich nicht alle Tage vor.

Neben der Frage, wer genau diese Früh-Menschen waren und woher sie wie kamen, stellt das Ergebnis die Forschung auch vor die Frage, was diese Menschen in den 100.000 Jahren bis zur Ankunft des Homo sapiens in Amerika gemacht haben? Wo sind ihre fossilen Überreste? Wie und wodurch sind sie ausgestorben?

Aus Sicht der Grenzwissenschaft hören die Fragen - und Spekulationen - hier aber noch nicht auf: Sind diese Frühmenschen überhaupt ausgestorben, oder haben einige Populationen bis heute überlebt und bilden den Grundstein nicht nur zahlreicher Indianerlegenden von Waldmenschen, Wilden und Riesen, sondern auch der modernen Mythen rund um Sasquatch und den Bigfoot?