Die Lebenserwartung von HIV-Positiven ist deutlich gestiegen
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HIV-Patienten in Behandlung haben heute in einigen Teilen der Welt eine fast ebenso hohe Lebenserwartung wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Dies hat eine aktuelle Studie internationaler Forscher ergeben. Demnach könne ein junger HIV-positiver Mensch, der ab 2008 seine Therapie begann, rund zehn Jahre älter werden als ein Patient, der ab Mitte der 1990er Jahre behandelt wurde.

Forscher untersuchen Auswirkungen der modernen HIV-Therapien

Die Lebenserwartung von jungen HIV-Infizierten in den USA und Europa ist heute bei entsprechender Behandlung deutlich höher als noch vor 20 Jahren. Dies geht aus dem Bericht eines internationalen Forscherteams hervor, welcher im Fachmagazin The Lancet HIV veröffentlicht wurde. Das Team um Studienleiter Adam Trickey von der Universität von Bristol hatte sich in dem groß angelegten Projekt mit der Frage beschäftigt, wie sich die verbesserte medizinische Versorgung von HIV-Positiven in den letzten Jahrzehnten ausgewirkt hat.

Kombination mehrerer Wirkstoffe

Die Wissenschaftler werteten für ihre Studie Daten von insgesamt 88.504 Menschen mit HIV aus 18 europäischen und nordamerikanischen Untersuchungen aus, so die Mitteilung der Universität von Bristol. Die Patienten waren dabei alle älter als 16 Jahre und hatten zwischen 1996 und 2010 eine sogenannte antiretrovirale Therapie (ART) begonnen. Bei dieser werden mehrere Wirkstoffe kombiniert, um die Vermehrung des HI-Virus eindämmen. Die modernen Kombinationstherapien können die Erkrankung zwar nicht heilen, aber die Viruslast erheblich senken.

Um abschätzen zu können, wie sich die ART auf die Lebenserwartung auswirkt, untersuchten die Wissenschaftler, wie viele der Probanden während der ersten drei Jahre ihrer Behandlung starben und dokumentierten jeweils die Todesursache, die HIV-Viruslast, die Anzahl der CD4-Helferzellen des Immunsystems und ob die Verstorbenen durch eine Injektion von Medikamenten infiziert worden waren.

Patienten können bis zu 78 Jahre alt werden

Es zeigte sich, dass junge HIV-Positive heute bei einem positiven Therapieverlauf nahezu das gleiche Alter erreichen können wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Demnach könne ein 20-jähriger Patient, der nach 2008 mit einer HIV-Behandlung begann und nach einem Jahr eine niedrige Viruslast aufwies, bis zu 78 Jahre alt werden. Damit besteht kaum ein Unterschied zu Nicht-Infizierten, denn laut der Sterbetafel 2013/2015 des Statistischen Bundesamtes werden hierzulande heute 30-jährige Männer im Schnitt 79 Jahre alt, 30-jährige Frauen haben eine Lebenserwartung von knapp 84 Jahren.

Die Auswertung ergab, dass sich die Lebenserwartung 20-Jähriger Patienten bei antiretroviraler Therapie zwischen 1996 und 2010 um neun (Frauen) bzw. zehn (Männer) Jahre erhöht habe. Das gilt allerdings nicht für alle Menschen mit HIV, die sich in Behandlung befinden. Durchschnittlich betrage die Lebenserwartung, wenn die Betroffenen das erste Jahr der Therapie überlebten, bei den Männern 73 Jahre und bei den Frauen 76 Jahre. Bei denjenigen, die durch die Injektion von Drogen mit dem HI-Virus infiziert wurden, war die Zunahme der Lebenserwartung nicht so hoch wie in anderen Gruppen, schreiben die Forscher.

Verbesserte Behandlungsoptionen und weniger Nebenwirkungen

Generell seien die Verbesserungen vermutlich auf den Übergang zu einer Therapie mit weniger Nebenwirkungen zurückzuführen, zudem gebe es heute mehr Behandlungsoptionen für Menschen, die mit einem medikamentenresistenten HIV-Stamm infiziert sind. Weiterhin sei z.B. die Behandlung von gleichzeitig auftretenden gesundheitlichen Problemen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs verbessert worden, so die Mitteilung.

„Unsere Forschung veranschaulicht eine Erfolgsgeschichte dahingehend, wie verbesserte HIV-Behandlungen, gekoppelt mit Screenings, Prävention und der Behandlung von gesundheitlichen Problemen im Zusammenhang mit einer HIV-Infektion, die Lebensdauer von Menschen mit HIV verlängern können“, sagte Studienleiter Trickey von der „School of Social and Community Medicine“ an der University of Bristol.

„[...] Die neueren Medikamente haben weniger Nebenwirkungen, beinhalten eine geringere Tabletten-Einnahme, verhindern besser die Virusreplikation und erschweren die Entstehung von Resistenzen“, so Trickey. Dem Experten nach seien allerdings weitere Anstrengungen erforderlich, um die Lebenserwartung Betroffener an die allgemeine Bevölkerung anzupassen.

Hoffnung auf bessere Chancen für HIV-Positive

Die Autoren der Studie hoffen nun, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen, dass Risikopersonen zukünftig weniger Scheu vor HIV-Tests haben und Betroffene direkt nach der Diagnose eine antiretrovirale Therapie beginnen. Weiterhin sei es wünschenswert, dass dadurch die Stigmatisierung von HIV-Positiven reduziert und Betroffenen geholfen werden könne, leichter eine Arbeit zu finden, schreiben die Wissenschaftler.

(nr)