
Doch seinen Anfang nahm das Reich der Khmer woanders: in der auf einem heiligen Berg erbauten Stadt Mahendraparvata. Dort soll, so berichten es Inschriften, der erste König der Khmer das Reich begründet haben. Wo diese Stadt jedoch lag, blieb Jahrhunderte lang unbekannt. Erst vor einigen Jahren spürten Archäologen die verlorene Hauptstadt der Khmer wieder auf - mit Hilfe von modernster Lasertechnologie.
Der heilige Berg - Phnom Kulens bewegte Geschichte
Wohl kaum irgendwo in Kambodscha liegen Himmel und Hölle so nahe beieinander wie in Phnom Kulen. Denn dieses Hügelgebiet beherbergte in seiner Vergangenheit sowohl Massenmörder als auch Gottkönige. Und nicht nur das: Erst vor Kurzem entpuppte sich Phnom Kulen als die sagenumwobene Geburtsstätte des Khmerreiches.

Bastion der Massenmörder
Genau diese Unwegsamkeit machte Phnom Kulen im Jahr 1979 zu einem idealen Rückzugsort für eine der brutalsten Guerillabewegungen Asiens: die Roten Khmer. Diese kommunistisch-nationale Gruppierung ergriff in den Nachwehen des Vietnamkrieges die Macht in Kambodscha. Unter ihrem Anführer Pol Pot führten die Roten Khmer jahrelang mörderische Säuberungsaktionen in der Bevölkerung durch und vertrieben die Menschen mit Gewalt aus den Städten. Schätzungen nach könnten dabei bis zu zwei Millionen Menschen gestorben sein.

Die lange Besatzung von Phnom Kulen durch die Roten Khmer hinterließ eine traumatisierte Bevölkerung und ein wahres Minenfeld an Sprengfallen. Das Dschungelplateau blieb daher zunächst kaum besucht und erforscht.
...und Ort der Götter
Doch Phnom Kulen hat auch eine andere Seite: Schon seit Jahrhunderten gilt diese Bergregion für Hindus und Buddhisten als heilig. Am und im Fluss Kbal Spean zeugen davon hunderte in den Stein gemeißelte Reliefs. Sie zeigen hinduistische Götterfiguren, Tiere und religiöse Symbole, aber auch Inschriften treten bei Niedrigwasser zutage. Skulpturen der Hindugötter Vishnu und Shiva stehen entlang der Flussufer.

Noch viel wichtiger und geheimnisvoller aber ist Phnom Kulens Verbindung zu den Wurzeln des alten Khmerreiches...
Die Entdeckung - Laser-Fahndung im Regenwald
Den Überlieferungen der Khmer nach hat Phnom Kulen, das heute eher unwegsame Dschungelplateau, eine glorreiche Vergangenheit. Denn in dieser Bergregion soll der Gründer des Khmerreiches, König Jayavarman II, einst seine erste Hauptstadt erbaut haben - Mahendraparvata. Im Jahr 802, so berichten es Inschriften auf Tempeln in Angkor, weihte der König die Stadt in einem feierlichen Ritual ein und wurde gleichzeitig zum gottgleichen "Herrscher der Welt".
Existiert Mahendraparvata?

Doch ob das sagenumwobene Mahendraparvata tatsächlich in Phnom Kulen lag - und ob es sie überhaupt gegeben hat, blieb bis vor Kurzem ein Rätsel. Zwar hatten Archäologen bereits in den 1960er Jahren einige Tempelruinen im Regenwald entdeckt. Aber konnte sich dabei wirklich um die Überreste der prachtvollen Khmerhauptstadt handeln? Mit der Besetzung des Plateaus durch die Roten Khmer wurden weitere Untersuchungen unmöglich, so dass die Frage unbeantwortet blieb.
Lidar durchleuchtet den Dschungel
Bis zum Jahr 2012. Zum ersten Mal nutzte ein Archäologenteam eine neue Methode, um nach Ruinen in unwegsamen Gelände zu suchen: Light detection and ranging, kurz Lidar. Bei dieser Methode wird die Landschaft vom Helikopter oder Flugzeug aus mit einem Laser abgetastet. Die reflektierten Strahlen werden eingefangen und ergeben ähnlich wie ein Sonar ein Abbild des Terrains und seiner Erhebungen. Der große Vorteil: Selbst Waldgebiete kann das Lidar durchleuchten, weil dem Laserstrahl selbst kleinste Lücken im Laubdach reichen.
"In Mittelamerika haben Lidar-Messungen die Archäologie revolutioniert und bereits ausgedehnte Siedlungsstrukturen auch zwischen den bekannten Tempelstädten der Maya aufgedeckt", erklärt Projektleiter Damien Evans von der University of Sydney. In Asien allerdings wurde das Lidar zuvor noch nicht eingesetzt - die Forscher betraten hier echtes Neuland.
"Geisterhafte Stadtlandschaft"

Damit war klar: Auf dem Phnom Kulen lag einst eine ganze Stadt. "Wir haben zwar vermutet und gehofft, dass sich unter dem Wald eine Stadt verbergen könnte", sagt Evans. "Aber dann die gesamte Struktur mit solcher Klarheit und Präzision enthüllt zu sehen, war einfach erstaunlich."
Und noch etwas enthüllten die Lidar-Aufnahmen: Die Gebäude und Straßen konzentrierten sich um eine besonders große Struktur: ein gewaltiges Areal, das von einem ganzen Netzwerk von Erddämmen umgeben war. Die Form und Größe dieser der Anlage ließ die die Archäologen nur einen Schluss zu: Es musste sich um Mahendraparvata handeln, die so lange verschollene erste Hauptstadt des Khmerreiches.
Masterplan für Angkor - Die Baukunst von Mahendraparvata
Inzwischen ist klar: Die sagenumwobene Hauptstadt des großen Khmerreiches lag auf dem Phnom Kulen. Schon rund 300 Jahre vor der Gründung Angkors legten die Khmer hier die Grundlagen für die Baukunst und Technologien, die später die Tempelstädte in der Ebene so berühmt machen sollten. Wie Mahendraparvata im 9. Jahrhundert aussah und welches Ausmaß diese Stadt erreichte, haben Archäologen erst im Laufe der letzten Jahre nach und nach aufgedeckt.

Eine "hydraulische Stadt"
Die Laserscans zeigen auch, wie fortgeschritten schon damals die Infrastruktur und vor allem die Wasserbaukunst der Khmer war: Schon in Mahendraparvata konstruierten sie ein raffiniertes System von Dämmen, Zisternen und Kanälen, durch die das Wasser in der gesamten Stadt verteilt wurde. Die in der Regenzeit gefüllten Wasserspeicher sorgten dafür, dass Stadt und umliegende Felder mit einem konstanten Wasserstrom versorgt wurden.
Die Archäologen sehen in Mahendraparvata eine echte "hydraulische Stadt" - und einen Masterplan, der später in Angkor eine zweite Blüte erlebte. "Sowohl im nordöstlich gelegenen Koh Ker als auch in Phnom Kulen gibt es Hinweise darauf, dass es dort schon hydraulische Bauwerke im Umfang und Stil von Angkor gab", berichten Evans und seine Kollegen. Das zeige, dass nicht nur die späteren Khmer-Großstädte im Flachland von der Bewässerungstechnologie abhängig waren, sondern auch schon ihre erste Hauptstadt im Hochland.
Dämme und Mega-Steinbrüche

Bis heute sichtbar sind zudem die großen Steinbrüche, die sich um den gesamten Rand des Phnom Kulen ziehen. Der hier abgebaute Sandstein lieferte vermutlich nicht nur Baumaterial für Mahendraparvata, sondern vor allem für die später errichtete Megacity im Tiefland - Angkor. "Unsere Daten zeigen, dass das gesamte Gebiet zwischen Beng Mealea und Phnom Kulen ein einziger großer Steinbruch von rund 500 Hektar Größe war", berichtet Evans. "Es scheint klar, dass dies die Hauptquelle für das Baumaterial der Tempel von Angkor war."
Viele Rätsel bleiben - Spiralen, Dome und der Niedergang

Hinzu kommt, dass auf Phnom Kulen - ähnlich wie in Angkor auch - nur Bauwerke aus Erde oder Stein noch als Ruinen sichtbar sind. Die große Mehrheit der Stadtbewohner lebte damals jedoch in Häusern aus Holz, Lehm und Stroh. Von diesen vergänglichen Bauten sind heute nicht einmal mehr Spuren erhalten geblieben. Wie die einfache Bevölkerung im Khmerreich lebte und wie ihr Alltag aussah, liegt daher noch im Dunkeln.
Mysteriöse Dome und Spiralen
Ebenfalls rätselhaft sind auch einige 'Strukturen, die die Archäologen bei ihren Lidar-Scans entdeckten. Immer wieder enthüllten die Aufnahmen regelmäßige Reihen von runden Erhebungen, die sich wie ein großes Gitternetz durch Phnom Kulen ziehen. Auch aus Angkor sind solche "Dome fields" bekannt, wie Evans berichtet.
Doch welchem Zweck diese Bauten einst dienten, ist unbekannt. Gräber scheinen es nicht zu sein, denn Ausgrabungen in einigen dieser Erhebungen förderten keine menschlichen Relikte oder sonstige menschengemachten Objekte zutage. "Diese Gebilde gehören daher noch immer zu den rätselhaftesten Eigenheiten der Khmer-Archäologie", sagt der Archäologe.
Ähnlich mysteriös sind geometrische Muster aus Erdwällen, die die Archäologen sowohl in Angkor als auch in Phnom Kulen entdeckten. "Sie werden manchmal auch als Spiralen, Geoglyphen oder Gärten beschrieben", berichtet Evans. "Und sie scheinen häufig nahe an Teichen oder Reservoiren zu liegen." Doch auch bei ihnen ist unklar, wozu sie einst dienten und welche Bedeutung sie für die Khmer hatten.
Das Ende der alten Königsstadt

Die Forscher vermuten daher, dass die Khmer-Hauptstadt ihre Bevölkerung spätesten Ende des elften Jahrhunderts nicht mehr ausreichend mit Nahrung und Wasser versorgen konnte. Immer mehr Menschen wanderten ab, bis schließlich auch die Khmer-Herrscher die Stadt aufgaben - nach immerhin gut 250 Jahren. Sie zogen in die neue Stadtlandschaft in der Ebene um - nach Angkor.




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