© Universität Basel, LHTT; Foto: Matjaž Kačičnik
"Bestens mit der menschlichen Physiognomie vertraut" war der Hersteller dieser Prothese. Die Tochter eines Priesters konnte so wohl tatsächlich ihren verlorenen Zeh ersetzen.

Basler Ägyptologen haben die wohl älteste bekannte Prothese der Welt untersucht: eine Kunstzehe aus dem alten Ägypten, die fast 3000 Jahre alt ist. Nun attestieren die Forscher dem Hersteller der Prothese hohen Sachverstand. Spuren, die das Team des Projekts "Life History of the Theban Tombs" mit Mikroskopen, Computertomografie und Röntgengeräten analysierten, zeigen, dass die Prothese getragen und mehrfach angepasst wurde. Ihre Trägerin, eine Frau mit Namen Tabaketenmut, könnte ihren Zeh durch Diabetes verloren haben, spekulierten Forscher um den Münchner Pathologen Andreas Nerlich schon im Jahr 2000.

Die künstliche Zehe offenbart einen raffinierten, dreigliedrigen Aufbau: Durch ein Gelenk konnte man sie beim Gehen mit den erhaltenen Zehen abknicken. An der Beweglichkeit des Prothesenaufsatzes und an der robusten Struktur des Gurtbandes könne man das damalige technische Knowhow gut erkennen, schreiben die Forscher in einer Mitteilung. Dass die Prothese derart aufwändig und sorgfältig angefertigt wurde, lasse darauf schließen, dass die Besitzerin Wert auf natürliches Aussehen, Ästhetik und Tragekomfort legte - und dass sie dabei auf hoch qualifizierte Fachkräfte zählen konnte.

Das Grab der Tochter eines Priesters, in dem die Prothese samt noch erhaltenem, mumifizierten Fuß gefunden wurde, liegt in Scheich 'Abd el-Qurna westlich von Luxor, dem früheren Theben. Das geplünderte Schachtgrab datieren die Wissenschaftler ins frühe 1. Jahrtausend v. Chr. Die umliegenden, in den Fels gehauenen Monumentalgräber dieses Friedhofs sind jedoch mehrere hundert Jahre älter. Den altägyptischen Elitefriedhof des einstigen Thebens untersuchen die Basler Forscher seit Ende 2015.