Auf der A100 rammte ein Attentäter absichtlich Motorradfahrer. Am Donnerstag äußerten sich die Staatsanwaltschaft und Innensenator Geisel zu dem Fall.
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© REUTERS/Fabrizio Bensch
Der mutmaßliche Attentäter hatte an drei Stellen der Autobahn mit Absicht Fahrzeuge gerammt und besonders Jagd auf Motorräder...
Bei dem Angreifer von der Berliner Stadtautobahn gehen die Ermittler von einem "bizarren, religiösen Wahn" aus. Dies habe eine psychiatrische Begutachtung des 30-Jährigen Irakers ergeben, sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Donnerstag.

Wegen der psychischen Erkrankung sei eine Schuldunfähigkeit nicht auszuschließen. Der Mann sei im Maßregelvollzug, dem Haftkrankenhaus, untergebracht. Zu dem Anschlag mit einem Auto am Dienstagabend habe er sich bislang nicht geäußert.

Die Ermittler gehen bei den gezielten Kollisionen von einer islamistischen Tat aus. Deshalb führt die Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen.


Kommentar: Wenn er im Wahn war, ist diese Theorie eher fragwürdig.


Der 30-jährige Iraker Sarmad A. hatte demnach an drei Stellen der Stadtautobahn mit Absicht Fahrzeuge gerammt und besonders Jagd auf Motorräder gemacht. Sechs Menschen waren verletzt worden, drei davon schwer. Ermittelt wird wegen versuchten Mordes in mindestens drei Fällen.

Geisel: "Berlin steht nach wie vor im Fokus von Terroristen"

Zu dem mutmaßlich islamistischen Anschlag am Dienstagabend hat sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Donnerstagvormittag im Abgeordnetenhaus geäußert. Er erklärte, es gebe keine neuen Erkenntnisse zu dem Anschlag. Man gehe bisher davon aus, dass es sich um einen Anschlag mit islamistischer Haltung handele, sagte Geisel in der Aktuellen Stunde.

Der mutmaßliche Täter sei als Bekannter eines Gefährders in Berlin vom Staatsschutz registriert worden. Die beiden hätten zusammen in einer Gemeinschaftsunterkunft gewohnt.

"Berlin steht nach wie vor im Fokus von Terroristen", so Geisel. Es sei wichtig gewesen, ein Antiterrorzentrum einzurichten. "Aber ein Anschlag wie auf der Autobahn ist nicht zu verhindern gewesen." Der mutmaßliche Täter wäre nicht in den Kreis derer aufgenommen worden, die Fußfesseln tragen müssten. Dafür hätten keine Erkenntnisse vorgelegen.

Geisel betonte, dass der gebürtige Iraker nicht hätte abgeschoben werden können, da derzeit nicht in den Irak abgeschoben wird. Dies sei eine bundesweite Entscheidung.

Der Mann sei nach Ablehnung seines Asylantrages 2017 nicht abgeschoben worden, weil Deutschland seit Jahren keine Menschen in das Bürgerkriegsland zurückschicke, so Geisel.

Tatverdächtiger kam 2016 über Finnland nach Deutschland

Es gebe zwar Ausnahmen, etwa bei Menschen, die schwerste Straftaten begangen haben. Die vor dem Anschlag vorliegenden Erkenntnisse über den 30-Jährigen seien dafür indes nicht ausreichend gewesen.

Geisel zufolge kam Sarmad A. 2016 über Finnland nach Deutschland. Strafrechtlich sei er wegen Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in Erscheinung getreten. "Der Staatsschutz hat ihn zwar als einen Bekannten eines Gefährders hier in Berlin registriert", so der Senator weiter. Sie hätten gemeinsam in einem Wohnheim gelebt. Das sei aber "schon eine ganze Weile her".

"Wir handeln rechtsstaatlich und haben das auch in diesem Fall getan", versicherte Geisel. "Ich bedauere zutiefst, dass es zu diesem Gewaltakt gekommen ist." Hätte die Polizei das verhindern können, dann hätte sie das auch getan, zeigte sich der Senator überzeugt.

Ermittlungsgruppe Motorrad beleuchtet das Umfeld des Irakers

Laut Staatsanwatschaftssprecher Steltner werde jetzt nach den Kontakten gesucht. Nähere Angaben machte er nicht. Bei der Polizei beleuchte die extra eingerichtete Ermittlungsgruppe "Motorrad" das Umfeld des Irakers, sagte eine Sprecherin.

Die Unterbringung sei eine erste Momentaufnahme und bedeute nicht automatisch, dass der Angreifer schuldunfähig ist, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur aus Ermittlerkreisen. Der Iraker werde weiter begutachtet und befragt. Nach seiner Festnahme soll er sich aggressiv verhalten haben. Generalstaatsanwältin Margarete Koppers hatte am Mittwoch gesagt, trotz psychischer Auffälligkeiten sei ein gezieltes Verhalten möglich.

Der Berliner CDU-Vorsitzende Kai Wegner forderte Aufklärung, ob der polizeibekannte Gefährder den psychisch labilen Angreifer radikalisierte oder ihn anstiftete. Der Schutz der Berlinerinnen und Berliner müsse ganz oben auf die Agenda stehen. In der Hauptstadt seien etliche gefährliche Islamisten bekannt, jedoch stehe der Gefährdergewahrsam leer.

Feuerwehrmann nach A100-Anschlag weiter auf Intensivstation

Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag auf der Stadtautobahn wird ein schwer verletzter Feuerwehrmann weiter auf einer Intensivstation behandelt. "Sein Zustand ist ernst, wir sind in Gedanken bei ihm und hoffen das Beste", sagte ein Feuerwehrsprecher am Donnerstag. Die Behörde sei auch im engen Kontakt mit der Familie des Kollegen.

Der Tatverdächtige Sarmad A. sitzt nun vorerst in einer psychiatrischen Einrichtung, dem Haftkrankenhaus. Dies hatte ein Haftrichter wegen psychischer Auffälligkeiten am Mittwochabend entschieden. Gegen den Angreifer werde wegen versuchten Mordes ermittelt. Der Mann, der in Deutschland geduldet ist, habe sich bislang nicht geäußert, hieß es.

Der Angreifer war zuvor nicht im Blick der Sicherheitsbehörden in Berlin. Es habe keine Staatsschutzerkenntnisse zu ihm und keine Anzeichen für eine Radikalisierung gegeben, sagte ein Sprecher der Innenverwaltung am Donnerstag. "Er war nicht auf dem Radar." Aufgefallen sei der Mann in der Vergangenheit aber mit Delikten wie Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

mit dpa