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Psychologen haben das berühmte Milgram-Experiment in Polen durchgeführt, welches die Forscher als Ex-Totalitarismus-Land werteten, und keine Unterschiede zu den Resultaten aus dem demokratischen Amerika feststellen können. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Social Psychological and Personality Science“ (SPPS) dargelegt.

„Wenn Menschen von dem Milgram-Experimenten erfahren, sagen sie stets, ‚ich hätte nie so gehandelt‘. Unsere Studie hat jedoch ein übriges Mal demonstriert, wie stark eine Situation das Verhalten eines Menschen beeinflusst, und wie leicht er zustimmt, das zu tun, was er sonst als schmachvoll und unangenehm betrachtet“, erzählt Tomasz Grzyb von der polnischen Universität für Geistes- und Sozialwissenschaften in Wrocław.

In der Folgezeit hätten viele Menschen, wie der Forscher in dem Beitrag berichtet, gemeint, dass ein „Totalitarismus-Test“ in Ländern, die nie totalitär gewesen seien, und in Staaten, wo noch unlängst der Totalitarismus geherrscht habe, zu unterschiedlichen Ergebnissen führen könne. Zur erstgenannten Ländergruppe würden traditionell die USA gerechnet, zur zweiten die osteuropäischen Länder und die Staaten der ehemalige UdSSR.

Um zu prüfen, ob dem so wirklich sei, hatten Grzyb und seine Kollegen 80 Freiwillige ausgewählt, darunter junge Polen, die den Totalitarismus nicht kennen, und Ältere zwischen 60 und 69 Jahren, die ihn miterlebt hatten und deshalb wussten, wozu Ungehorsam führen könne.

Die Beobachtungen sollen dann gezeigt haben, dass die jungen und älteren Probanden ebenso wie ihre amerikanischen Vorgänger, die in den Zeiten des Kalten Krieges lebten, bereit gewesen waren, zur „Verbesserung des Gedächtnisses“ bei anderen Probanden eine maximale Spannung einzuschalten. Die Anzahl der „Befehlswilligen“ habe 90 Prozent erreicht, was dem Ergebnis entspreche, das Milgram vor über 50 Jahren erzielt habe.

Interessant sei allerdings die Tatsache, dass, wenn in der Rolle der „Schüler“ bei dem Experiment junge Frauen auftraten, die Anzahl der „Befehlswilligen“ um neun bis zehn Prozent gesunken sei. Bislang haben die Forscher keine Erklärung hierfür, denn es seien viel zu wenig Probanden gewesen, um die Gründe für eine solche Barmherzigkeit exakt ermitteln zu können.

Das Experiment
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Der amerikanische Psychologe Stanley Milgram hatte in den 1960er Jahren an der Yale University mehrere Experimente durchgeführt, in dessen Rahmen sich die Studenten in der Rolle des „Lehrers“ befanden und einen Freiwilligen, der in der Rolle des „Schülers“ auftrat, lehren sollten, sich Wortpaare besser zu merken.

Die „Lehrer“ sollten den „Schülern“ unter Kontrolle des Versuchsleiters für jede falsche Antwort einen elektrischen Schlag versetzen, wobei die Spannung nach jedem Fehler um 15 Volt erhöht wurde. In Wirklichkeit aber habe es natürlich keinen elektrischen Schlag gegeben. Die Rolle des „Schülers“ habe ein Schauspieler gespielt, der im Zuge des Experiments immer wieder darum gefleht habe, aufzuhören, wobei der Versuchsleiter aber ein Weitermachen „um jeden Preis“ verlangt habe.

Diese Experimente sollten ursprünglich die eigenartige Emulation nazistischer Konzentrationslager zeigen, um sozialpsychologisch zu erklären, ob die Mitarbeiter dieser Todesfabriken, wie seinerzeit der Nationalsozialist und ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichman während des 1961 in Jerusalem gegen ihn geführten Prozesses erklärte, „einfach einen Befehl ausgeführt“ oder aber freiwillig und bewusst an der Organisation des Holocausts teilgenommen hatten.

Das Experiment und seine Ergebnisse soll der Fachzeitschrift SPPS zufolge die totale Bereitschaft der meisten Menschen gezeigt haben, auf Befehl eines Vorgesetzten unschuldigen Mitbürgern Schmerz zuzufügen. Zahllose Wissenschaftler und auch die Öffentlichkeit kritisierten es bereits. Manche Forscher sollen sogar an Milgrams Berufskompetenz gezweifelt und ihm eine Manipulation der Daten vorgeworfen haben. Zudem meinten sie, er hätte den Probanden den eigentlichen Sinns dieser Versuche vorenthalten. Manche Berufskollegen sollen Stanley Milgram damals gedroht haben, ihn vor Gericht zu bringen.