Auf den Spuren der Justinianischen Pest: Forscher untersuchten frühmittelalterliche Gräberfelder

Tanz der Gerippe, Holzschnitt von Michael Wolgemut in Hartmann Schedels Weltchronik von 1493 (Pest, Totentanz)
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Tanz der Gerippe,
Holzschnitt von Michael Wolgemut in Hartmann Schedels Weltchronik von 1493
Unser Bild von den Pestwellen, die Europa im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende immer wieder heimgesucht haben, konkretisiert sich stetig. Schon vor dem berühmt-berüchtigten Schwarzen Tod des 14. Jahrhunderts gab es Pandemien, die historisch als "Pest" bezeichnet werden, deren Auslöser aber zweifelhaft ist. So wird die sogenannte Antoninische Pest des 2. Jahrhunderts heute von Forschern mehrheitlich einem anderen Erreger als dem Pestbakterium Yersinia pestis zugeschrieben.

Die Justinianische Pest

Anders sieht es inzwischen mit der sogenannten Justinianischen Pest aus, die im Frühmittelalter umgezählte Todesopfer forderte. Diese Pandemie begann im Jahr 541 im Byzantinischen Reich, benannt ist sie nach dem damals regierenden Kaiser Justinian I. Die Krankheit suchte für nahezu 200 Jahre in mehreren Wellen Europa und den Mittelmeerraum heim, wie die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns berichten.

Zeitzeugen hinterließen Berichte über das Ausmaß der Pandemie, die Schätzungen zufolge bis zu 25 Prozent der Bevölkerung des Mittelmeerraumes auslöschte. Auch zu dieser Pandemie waren verschiedene Hypothesen im Umlauf - bis hin zu einem hämorrhagischen Fieber ähnlich Ebola. Paläogenetische Studien an bajuwarischen Gräbern aus Aschheim und Altenerding in Bayern konnten in den letzten Jahren aber nachweisen, dass tatsächlich Yersinia pestis für die Pandemie verantwortlich war.

Bisher war nur diese eine Variante des Pestbakteriums aus dem frühmittelalterlichen Bayern bekannt, doch nun konnten weitere, bisher unbekannte Peststämme identifiziert werden, die vom 6. bis ins 8. Jahrhundert Europa heimsuchten. Die Untersuchung ihrer Verwandtschaft gibt Aufschluss über die Ausbreitung der Pest.

Neue Untersuchung

Diese Schädel stammen aus einem frühmittelalterlichen Gräberfeld im schwäbischen Unterthürheim.
© M. Schweissing, SNSB - Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München
Diese Schädel stammen aus einem frühmittelalterlichen Gräberfeld im schwäbischen Unterthürheim.
Ein internationales Forschungsteam unter Führung von Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte untersuchte menschliche Überreste aus Mehrfachbestattungen von 21 archäologischen Fundorten in fünf Ländern. Unter anderem wurden systematisch frühmittelalterliche Mehrfachbestattungen aus Bayern auf den Pesterreger hin untersucht. Die DNA des Pesterregers Yersinia pestis wurde in zwölf Individuen nachgewiesen, die in frühmittelalterlichen Gräberfeldern im Raum Bayern bestattet worden waren.

Dem Team gelang es zum ersten Mal, frühmittelalterliche Yersinia-pestis-Genome von außerhalb Bayerns - nämlich aus Großbritannien, Frankreich und Spanien - zu sequenzieren. Während historische Berichte eindeutig von Epidemien in den Mittelmeerländern wie Frankreich und Spanien berichten, galt es bislang als fraglich, ob es die Justinianische Pest auch bis nach Großbritannien geschafft hatte. Mit dem nun vorliegenden Nachweis des Pesterregers in einem angelsächsischen Gräberfeld in England (Edix Hill) dürften die langjährigen Spekulationen laut den Forschern beendet sein.

Ein Ursprung, mehrere Wellen

Die acht im Rahmen der Studie neu rekonstruierten Genome offenbarten eine bislang unbekannte Vielfalt von Pesterreger-Stämmen im Europa des 6. bis 8. Jahrhunderts. "Trotz der Vielfalt haben die Genome allerdings nur eine einzige gemeinsame Abstammungslinie. Dies deutet darauf hin, dass die Pest wohl nur einmal in den Mittelmeerraum bzw. nach Europa eingetragen wurde", sagt Studienautor Marcel Keller. "Sie hatte sich vermutlich in Nagetierpopulationen in Europa oder dem Nahen Osten festgesetzt und wurde von dort auch immer wieder auf den Menschen übertragen, wodurch es wiederholt zu Epidemien kam."
Abstract
PNAS: "Ancient Yersinia pestis genomes from across Western Europe reveal early diversification during the First Pandemic (541-750)"