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Das episodische Gedächtnis beginnt erst, wenn ein Kind vier oder fünf Jahre alt ist. Das hat verschiedene Gründe.

Der erste Grund ist: Man muss erst lernen, was die konstanten Merkmale in der Welt sind, wie Bezugspersonen, Tagesroutinen, Regeln und konzeptuelles Wissen. Erst mit dem Hintergrund dieser schematischen und abstrakten Wissensstrukturen kann man sich auch einzelne Erlebnisse, also Episoden, merken. Diese Struktur muss das Gehirn erst einmal aufbauen.

Der zweite Grund ist: Das episodische Gedächtnis hat mit Sprache und Kommunikationsfähigkeiten zu tun. In den ersten Lebensjahren wird alles visuell oder taktil kodiert. Wenn ein Kind, zwei, drei, vier Jahre alt ist, wird das zu Speichernde zunehmend sprachlich kodiert. Es gibt ein sehr bezeichnendes Experiment:

In einem Kindergarten gab es einen Feueralarm und alle mussten aus dem Gebäude. Am nächsten Tag wurden die Kinder befragt. Sie sollten erzählen, was passiert ist. Die Kinder waren zwischen drei und fünf Jahre alt. Die älteren Kinder erzählten recht kohärent, was passiert ist; die jüngeren Kinder hingegen konnten nur einzelne Fragmente erzählen, und diese waren auch nicht geordnet. Zwei Jahre später wurden die Kinder erneut befragt: Da konnten sich die jüngeren gar nicht mehr an das Ereignis erinnern. Die Erinnerung bedarf also einer verbalen Struktur. Man fragt ja auch mit Worten nach dem Erlebnis.

Der dritte Grund ist: Um sich an Erlebnisse zu erinnern, braucht man ein sogenanntes Selbstkonzept, eine Vorstellung vom Ich. Das entwickelt sich erst im Alter von etwa zwei Jahren und lässt sich mit dem Spiegel-Test nachweisen (Erkenne dich selbst - im Spiegel). Da wird einem Kind unbemerkt ein Punkt auf die Stirn gemalt und dann soll es in einen Spiegel schauen. Tippt das Kind auf den Spiegel oder fasst es sich an die Stirn? Zu dieser Zeit entsteht auch das, was wir Theory of Mind nennen: Man erkennt, dass andere Menschen etwas anderes fühlen, wissen und denken können als ich selbst. Nur damit kann ich meine Erlebnisse mit mir als Bezugspunkt abspeichern. Deswegen ist das der Ursprung des autobiografischen Gedächtnisses. Den größten Einfluss auf die Bildung dieses autobiografischen Gedächtnisses hat aber wohl die Sprachfähigkeit.

Es gibt noch einen vierten Grund, warum man sich nicht an Baby-Erlebnisse erinnern kann. Dieser Grund bildet gewissermaßen einen Rahmen für die drei zuvor genannten Gründe: Das Gehirn muss erst reifen. Ein Wissensgerüst zu haben, mit Sprache kommunizieren zu können, ein Selbstkonzept zu entwickeln: Das sind Fähigkeiten, die davon abhängen, wie reif das Gehirn ist.

Manche Menschen meinen, sich an Erlebnisse zu erinnern, bei denen sie gerade mal ein, zwei Jahre alt waren. Aber wenn man genauer nachfragt, stellt sich doch heraus: Das ist keine eigene Erinnerung, sondern sie kennen das Erlebnis von einem Video, einem Foto - also nur aus zweiter Hand.

Quelle: Rüdiger Pohl, Professor für Entwicklungspsychologie, Universität Mannheim