Ein Grundriss geht um die Welt
Ein in den Rasen geschnittenes oder ein mit Steinen gesetztes Labyrinthmuster im Außenbereich, das allseits gleich aussieht, ist praktisch überall auf der ganzen Welt zu finden. Diese Symbolik wiederholt sich auch auf Artefakten, Wandmalereien oder Bauwerken, wie wir später noch sehen werden.

Wie kommt es, dass uns an unterschiedlichsten Orten - vielleicht sogar bis in die Frühgeschichte hinein - „typische“ Labyrinth-Symbole begegnen, die auch noch fast überall gleich aussehen?

Symbole nacheinander von oben: a) klassisches Labyrinthsymbol (gehört mit zu den ältesten Überlieferungen); b) kretische oder trojanische Form (runde Ausführung); c) kretische oder trojanische Form in eckiger Ausführung; d) kretische oder trojanische Form in halbrunder Ausführung; e) Labyrinth in 3fach-Spiralen-Ausführung; f) das "römische" Labyrinth, das den Weg von Quadrat zu Quadrat beschreiten lässt.

Die typische Grund-Symbolik (ich nenne sie runde "Einbahnstraßen"-Lösung - entspricht dem Muster a)), die nahezu überall auftaucht, bleibt bis heute ein Geheimnis. Manche Forscher glauben, dass es etwas mit einem gängigen Ritual zu tun hat oder dass es religiöse oder mystische Züge trägt. Andere behaupten, es hätte etwas mit dem menschlichen Gehirn zu tun. Belegen kann hier jedoch noch niemand etwas mit letzter Gewissheit.

Ein weiteres Geheimnis, das niemand zu entschlüsseln vermag: Wie kann es sein, dass sich dieses Rund-Symbol in Zeichen, Bauwerken und künstlerischen Ausprägungen überall auf der Welt wiederholt, obwohl ja nach herkömmlicher wissenschaftlicher Erkenntnis die antiken Völker (oder gar Urvölker) relativ isoliert voneinander lebten? Finden wir hier ähnliche Fragwürdigkeiten wie bei den Pyramiden, die - in jeweils abgewandelter Form - an immer zahlreicheren Plätzen der Welt für Aufmerksamkeit sorgen?

Steinlabyrinthe oder Trojaburgen in Skandinavien

Bereits bei Wikipedia kann man nachlesen, dass es sich bei skandinavischen Steinsetzungen (schwedisch: Trojeborg) - von denen es dort zahlreiche gibt - um labyrinthische Strukturen in schlingenartiger Form handelt. Zitat Wikipedia:
„Die kurvilineare Figur ist unabhängig voneinander in verschiedenen Kulturen entstanden und taucht in vielen Varianten nicht nur in Europa auf, sondern auch in der Neuen Welt, so in der Nazca-Kultur in Peru und bei den nordamerikanischen Hopi-Indianern“.
Bleiben wir aber erst einmal bei diesen schwedischen Labyrinth-Steinkreisen: Hiervon soll es alleine 300 Stück in diesem einen skandinavischen Land geben. Regional klingt das schon recht bedeutungsvoll, aber wir wollen mal schauen: von Land zu Land häuft sich dieses Phänomen und die Summe ist beachtlich ...

© Riksantikvarieämbetet / Bengt A Lundberg, CC-BY, Wikimedia Commons
Bild einer archäologischen Stätte oder eines Kulturdenkmals in Schweden mit der Nummer Visby:25:1 in der RAÄ-Fornsök-Datenbank.
Die Steinlabyrinthe oder Trojaburgen in Nachbarländern wie Finnland sind ebenso spektakulär: Das Land liegt mit 200 gezählten Labyrinthen in der nordischen Region auf Platz 2. Von dieser Sorte gibt es noch zahlreiche weitere ...

Die Webseite >> labyrinthos verrät uns, dass diese Form der Steinlabyrinthe überall in Nordeuropa jenseits des Polarkreises vertreten ist. Vor allem rund um die Küsten der Ostsee verwendete man Steine und Geröll, um die Wände des Labyrinths abzustecken. Man hat etwa 500 Steinkreis-Labyrinthe in dieser nordeuropäischen Region gezählt. Selbst im abgelegenen Island, dem arktischen Russland und in Estland wurden diese Kunstwerke entdeckt.

Das russische Odinadtsatikruzhny Labyrinth befindet sich am westlichen Rand des mythologischen Waldparks „Smaragd-Tal" (s. nachstehende Abbildung) - Die Autorenschaft wurde nicht in einer maschinell lesbaren Form angegeben.

Das russische Odinadtsatikruzhny Labyrinth
Steine gelegt und fertig - Was ist das Besondere?

Während Labyrinthe im dargestellten Grundriss eher rund angeordnet sind, fallen sogenannte Irrgärten eher eckig oder kantig aus. Letztere könnten auch als „Ableger“ der runden Steinlabyrinthe hervorgegangen sein. Sicher ist das allerdings nicht.

Man kann nun davon ausgehen, dass der Versuch einer Altersbestimmung solcher Steinkreise eher albern bis unsinnig ist, da hier die Steine ja jederzeit platziert worden sein können. Was wir aus den bisherigen Erläuterungen ableiten können, ist lediglich der Umstand, dass diese Steinkreise von Island bis Russland seit jeher sehr beliebt waren. Immerhin werden sie auch heute noch weiter gelegt und bilden teilweise künstlerische Höhepunkte in Erlebnisparks.

Begibt man sich aber weiter auf die Spur des Musters, wird man allmählich stutzig, wie weit das Labyrinth-„Logo“ in grauer Vorzeit schon verbreitet war.

Betreten ausdrücklich erwünscht

Die Anzahl begehbarer Labyrinthe ist riesig. Begehbare Labyrinthe sind selbstverständlich nicht nur in Nordeuropa vertreten, sondern tauchen überall auf der Welt auf. Über die Webkarte >> Begehbare Labyrinthe sieht man, welche größeren Konstruktionen alleine in Deutschland existieren. Ein Teil davon ist älteren Datums. Das "Labyrinth"-Motiv scheint demnach als Evergreen sehr beliebt. Auf der Karte kann man sie sich sogar mit Vorschaubildern ansehen.

Labyrinthe auf festem Grund

Labyrinth-Petroglyphen sind neben der Auslegung ebenfalls sehr verbreitet. Zwei davon befinden sich in Cornwall (Südwestengland - die sogenannten Rocky Valley Labyrinths), wurden aber nie ernsthaft von Wissenschaftlern untersucht. Erwähnung finden sie erstmals 1954 in einer Zeitschrift. Es gibt Vermutungen, dass diese im 18. Jahrhundert dort eingeritzt wurden. Beweise dafür hat man allerdings keine - ihre Entstehung könnte genausogut auch bis in die Bronzezeit zurück reichen.
© SiGarb - basierend auf den Rechteinhaber-Angaben via Wikimedia Commons
Die Labyrinth-Petroglyphen von Nigran (Spanien)
In den Bergen der Pfarrei Priegue…
© José Antonio Gil Martínez via Wikimedia Commons
Weitere Petroglyphen in Felsen von Galizien

© Javier Pais via Wikimedia Commons
© Froaringus via Wikimedia Commons
Andrew Collins findet auf seiner Reise 2002 Labyrinth-Petroglyphen bei Petra in Jordanien (geschätzt auf 2. Jhd. vor Chr. / bis 1. Jhd. nach Chr.) im Felsgestein, nachdem er einen Beduinen vorher um Auskunft bat, wo Felsen-Schnitzereien zu finden seien. (s. Abbildung).

Die Pansaimol Felsgravuren: - Schätzungen des Alters: Zwischen 8000 und 9000 Jahre


De Steingravuren auf Goa, die während der Regenzeit regelmäßig unter Wasser sind, sollen aus der Zeit stammen, als die Inder in Goa noch ausschließlich Jäger waren. Während die meisten der indischen Felskünste in Sandstein oder Granit gemeißelt wurden, ist in Pansaimol die Schnitzereikunst auf sehr harter Laterit-Oberfläche verewigt worden. Über 100 Figuren auf dem freigelegten Teil des Geländes zeigen die Darstellung der Symbole der Fruchtbarkeit, religiöse Kosmologie sowie Szenen von verwundeten Bisons und Tieren auf der Jagd, Tiermischungen, durchsichtige Tieransichten uvm. Das Labyrinth an dieser Stelle gilt derzeit als frühester Beweise für die Existenz von Labyrinthen in Asien. Das Alter dieses Labyrinth ist zwar bis heute ein Streitthema unter "Experten" für indische Felsenkunst, aber eine Datierung bis zum Neolithikum ist nicht ausgeschlossen.

Labyrinth-Petroglyphen auf „heiligem“ Boden

In nordischen Kirchen sind Wand- oder Deckenmalereien häufiger vertreten. Einige davon wurden als Graffities in Wände gekratzt, - möglicherweise ohne Erlaubnis - andere, z. B. Fresken an den Wänden oder der Deckengewölbe - wurden mitunter von seinerzeit bekannten oder zumindest geschätzten Künstlern gemalt. Bisher wurden etwa 32 Labyrinthe an 25 Standorten aufgezeichnet, darunter ein eingraviertes Labyrinth auf einer Kirchenglocke und ein anderes Motiv in einem Gedenkkreuz eines Friedhofs (heute zerstört).

>> Fundorte im europäischen Norden

Labyrinth-Strukturen tauchen bis in die Neuzeit hinein überall in Kirchen auf. Pflasterarbeiten auf Kirchhöfen wie auch Kerzenlabyrinthe erfreuen sich in der klerikalen Welt seit langem großer Beliebtheit.

© Dietrich Michael Weidmann; St. Anna church of Schindellegi, canton of Schwyz, Switzerland
© Urmelbeauftragter via Wikipedia)
Labyrinth aus 2500 brennenden Teelichtern in der Kirche des heiligen Kreuzes in Frankfurt am Main-Bornheim
Das Ganze geht allerdings im kirchlichen Bereich ohnehin zeitlich viel weiter zurück, wie am Beispiel des Labyrinths von Chartres zu sehen ist. Man geht davon aus, dass Labyrinthe als „Einweihungswege“ genutzt wurden. Das >> Labyrinth von Chartres wie auch das Bauwerk selbst trägt zudem noch weitere Geheimnisse ... z. B., dass zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr die Mandorla im mittleren Kirchenfenster (Platz der Mariafigur) exakt in die Mitte des Labyrinths projiziert wird.

Foto des Labyrinths mit hohlem Schlussstein des Gewölbes darüber (in der Kathedrale käufliche Postkarte).
Der Autor Wolfgang Creyaufmüller kommt im Rahmen seiner Chartres-Ermittlungen zu dem Schluss, dass im dortigen Labyrinth nichts dem Zufall überlassen wurde.
„Interessant wird nun, dass offenbar auch Zahlengeheimnisse nach pythagoreischem Vorbild eingebaut wurden.“ (Originalzitat).
Creyaufmüller glaubt, dass Labyrinthe seit jeher als Einweihungswege benutzt wurden. Das Prinzip soll sich bis in die Gegenwart fortsetzen. Es gebe nur einen einzigen verschlungenen Weg, was man auch ohne weiteres nachvollziehen kann.


Bodenlabyrinth der Kathedrale von Chartres aus der horizontalen Ansicht
Andere sprechen davon, dass Labyrinthe für rituelle Handlungen, als Schutzsymbole oder zur Markierung eines Erkenntniswegs eingesetzt wurden. Man ging möglicherweise davon aus, dass die einfache Weggestaltung dazu führt, die eigene innere Mitte zu finden. Der Ansatz kann demnach vollständig einem spirituellen Anspruch erwachsen. Gegenüber Irrgärten haben Labyrinthe eben immer nur einen Weg zur Mitte, wohingegen Irrgärten mit Sackgassen aufwarten. Bei letzteren handelt es sich also um vollständige Irrwege.

Interessant, dass sich die christliche Kirche diese Symbolik zueigen gemacht hat, obwohl es das Symbol lange Zeit zuvor schon gab.

Mit einfachen Irrgärten zum Amusement der Besucher oder einfachen Dekorationen haben diese labyrinthischen "Einbahnstraßen" nach Meinung vieler Experten jedenfalls nichts zu tun.

Die Chartres-Kathedrale wurde 1260 geweiht. Seitdem findet man dort dieses beeindruckende Bodenlabyrinth.

In der Kathedrale von Amiens gibt es ebenfalls ein Labyrinth, das in der Form dem klassischen Prinzip entspricht, jedoch den gleichen Labyrinthweg achteckig auslegt.

In weiteren (häufig französischen) Kathedralen/Kirchen finden sich ähnliche oder identische Labyrinthe (hier ein Auszug):

- Bayeux
- Chalons sur Marne
- Reims
- Sens
- St. Quentin
- Ravenna
- Pavia


Labyrinthe vor den Zeiten der Bibel

Tatsache ist, dass sich bereits Babylonier 2.000 vor Christus mit Labyrinthen beschäftigt haben - wenngleich hier in diesem Beispiel die eckige Variante die Nase vorn hatte. Das Thema dürfte also bereits länger bekannt sein, als wir es uns auf Anhieb vorstellen wollen oder können.

In alten mexikanischen Ausgrabungsstätten trifft man ebenfalls auf uralte Labyrinthstrukturen, die bei der Interpretation der Architekturen für Verwirrung sorgen.

Im alten Pompeji befindet sich das (Wohn-)Haus des Labyrinths (

Casa del Labirinto Pompeji
Casa del Labirinto), in dem über Mosaikstrukturen auch das „Jagdgebiet“ des Minotaurus über eine Labyrinthstruktur nachgebildet wurde.

Labyrinthe und Geomantie - Lernerfolg statt Verirrung?

Prinzipiell wird der Ansatz vertreten, dass Labyrinthe spirituelle Orte sind, die die Reise des Selbst zu sich in die eigene Mitte und wieder von sich weg nach außen beschreiben (auf dem Rückweg aus der Mitte). Der sprichwörtlich "gewundene" Pfad symbolisiert dabei die zeitweilige Orientierungslosigkeit des Wanderers auf seinem Lebensweg, während er dabei Irritationen unterworfen ist, weil der Weg sich (scheinbar) laufend ändert.

Es gibt offenbar einige Untersuchungen darüber, die zeigen, dass die geometrische Form eines Labyrinths ein Energiefeld erzeugt, das körperliches und geistiges Leiden lindert oder gar heilt. Im Zusammenhang mit der Labyrinth-Struktur sollen die Gedanken des Besuchers abgeschaltet werden, damit die Intuition des inneren Wissens „übernehmen kann“.

Tatsache ist, dass die geomantische Ausrichtung begehbarer Labyrinthe eine wesentliche Rolle spielt(e). Steinlabyrinthe in Skandinavien scheinen sich vorzugsweise in Wassernähe zu befinden, wobei der Eingang stets der Wasserseite zugewandt ist.

Die Christen haben die Ausrichtung des Labyrinth-Eingangs nach Westen gelegt und die Mitte nach radiästhetischen Strukturen der Erdstrahlen fixiert, um das Labyrinth als Kraftort zu nutzen. Die Klerikalen haben - wie auch bei der Standortfestlegung ihrer Kirchen - bevorzugt geomantische Zonen (Leylinienkreuzungen, Wasseradern) für ihre Bauten gesucht. So hielten sie es auch mit ihren Labyrinthstrukturen.

Seit der Bronzezeit internationalisiert

Gigantisch aus der Höhe zu bewundern: Die Nazca-Linien aus Peru halten auch eine riesige Geoglyphen bereit, die das Labyrinthmuster darstellt und die man leider nur aus der Luft als solche erkennt. Ob auf Münzen und Vasen ... das Symbol war bereits lange vor der christlichen Tradition auf der ganzen Welt vertreten. Man darf sich schon die Frage stellen, wie es zu dieser Verbreitung kam?

© Elcomercio
Neue Nazca-Linien
Das Labyrinth im Felsen von Naquane (Italien)

Die bekannten Nazca Linien in Peru - Geoglyphen von Labyrinthstrukturen (finden erstmals in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Erwähnung) als Luftaufnahme:
© Luca Giarelli (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons)
Das Labyrinth im Felsen von Naquane (Italien)

Nazca Linien in Peru – Geoglyphen von Labyrinthstrukturen