Hand auf’s Herz: Wie oft hast du heute schon in den Spiegel gesehen? Wie oft warst du zufrieden mit dem, was du gesehen hast? Man könnte meinen, mit nichts seien wir Menschen kritischer als mit unserem eigenen Körper. Doch ich wage eines zu behaupten: Mit dem Körper eines anderen Menschen gehen wir noch härter ins Gericht. Body Shaming ist nämlich nicht nur ein Begriff, der sich auf viele Werbekampagnen anwenden lässt. Nein, Body Shaming findet täglich und überall statt - in Familien, zwischen Freunden und Kollegen, völlig Fremden gegenüber und vor allem in den sozialen Medien.

Dreiste Ansage nach dem Sex

Kürzlich hat eine anonyme Gastautorin bei uns darüber berichtet, wie ihr jemand nach dem Sex sagte, sie sei zu dick. Ich war schockiert. So sehr, dass ich den Artikel zwei Mal lesen musste, um völlig zu verstehen, was genau dort passiert war. Dann wurde ich wütend. Unendlich wütend. Wie krank ist unsere Gesellschaft eigentlich mittlerweile, dass sich jemand mit den Maßen der Autorin als dick bezeichnen lassen muss? Sie gab 72kg auf 170cm an. Wie krank ist unser Körperideal, dass der Typ noch nicht einmal peilte, dass er zu weit gegangen war? Stattdessen rechnete er ihr vor, wie viel sie monatlich abnehmen müsse, damit sie das perfekte Paar seien.

Body Shaming ist gesellschaftlicher Standard

Als ich die Kommentare unter dem Artikel las, wurde ich allerdings noch wütender. Statt dass klar benannt wurde, was für ein charakterloses Ar***loch dieser Kerl war, wurden der Autorin Vorhaltungen gemacht. Beziehungsweise es wurde aufgezeigt, wie sie hätte konstruktiver mit der Situation umgehen können. Da wurde mangelnde Reflexion festgestellt. Es wurde ganz genau auf den Punkt gebracht, dass das Selbstbild der Autorin scheinbar eklatante Risse habe und sie demnach auch gewisse Reaktionen bei ihrem Umfeld provozieren würde.

Was stimmt nicht mit uns?

Ich frage euch: WAS STIMMT DENN NICHT MIT UNS? Das, was der Sexualpartner der Autorin dort betrieben hat, war nicht nur rückgratlos und unhöflich, sondern akutes Body Shaming. Er hat eine Frau aufgrund ihres Körper niedergemacht und gedemütigt. Warum zur Hölle nennt denn hier keiner das Kind beim Namen? Stattdessen machen wir Frauen den Fehler, den wir so häufig machen: Es wird zur Selbstoptimierung geraten statt den Standard zu bekämpfen. Ein gesünderes Selbstbild bräuchte die Autorin. Sie müsse mit sich selbst ins Reine kommen, dann würde ihr auch niemand so blöd kommen.

Ja, das, was ich ausstrahle, bekomme ich zurück. Wirke ich bereits angegriffen und verletzlich, ist die Chance wesentlich größer, dass jemand die Wunde nutzt und mich weiter verletzt. Aber das Problem hier ist doch ein völlig anderes. Das geht viel tiefer als dass es sich nur auf den Einzelfall der Autorin beschränken würde. Das Problem hier ist, dass unsere Gesellschaft Body Shaming zum Standard gemacht hat und kaum einer die Notwendigkeit sieht, das zu verändern.

Wo Body Shaming anfängt

Was genau ist Body Shaming denn per Definition? Das Urban Dictionary definiert Body Shaming folgendermaßen: „Shaming someone for their body type.” Body Shaming fängt also im Grunde schon da an, wo wir kritisch bemerken, dass die Kollegin keinen superflachen Bauch hat und das Kleid, das sie heute trägt, dies auch zeigt. Schnell sind wir im Bürogespräch dabei, das Kleid als „unvorteilhaft“ zu betiteln. Aber was bedeutet denn unvorteilhaft? Dass das Kleid eng genug ist, um den Körper unserer Kollegin so abzubilden wie er ist, statt eine schmale Illusion zu erzeugen?

Die Macht der Medien

Die Medien und sozialen Netzwerke haben uns förmlich darauf abgerichtet, nur wirklich schlanke und trainierte Körper als „normal“ zu empfinden. Wer einen höheren Körperfettanteil hat, vielleicht sogar übergewichtig ist, gilt nicht mehr als „normal“. Diese Person muss sich einem strengen Ernährungs- und Bewegungsdiktat unterwerfen, um sich nicht gemeinschaftlicher Kritik auszuliefern. Dieses strenge Ernährungs- und Bewegungsdiktat, dieser Schlankheitswahnsinn macht sogar vor Schwangeren nicht Halt. Da wird grammgenau notiert, wie viel man in welcher Schwangerschaftswoche zugenommen hat. Jede Gewichtszunahme in der Schwangerschaft wird skeptisch durch die Frauenärztin beäugt und von beinahe jedem kritisch hinterfragt. Wehe dir, du hattest vorher nicht Idealgewicht!

Die Frage ist doch: Läuft in unseren Köpfen nicht gewaltig etwas schief, wenn wir sogar bei einer Schwangerschaft glauben, unseren Körper durch Diäten und übermäßige Bewegung knechten zu müssen? Nur damit wir einem gewissen Idealbild entsprechen? Läuft in unseren Köpfen nicht gewaltig etwas schief, wenn unsere erste Reaktion auf Body Shaming Scham, schlechtes Gewissen und selbstzerstörerische Verhaltensweisen sind statt lauter Protest?

Wer sich zu dick fühlt, wird nicht laut

Sendungen wie Germany’s Next Topmodel drillen bereits Teenagermädchen auf eine möglichst schmale Figur. Neben den Kurven der Models verschwinden interessanterweise im Laufe der Zeit auch die Mädchen mit Ecken und Kanten, also starke Charaktere. Auch in vielen Frauenzeitschriften wird wesentlich mehr Wert darauf gelegt, den Frauen zu zeigen, wie sie ihren Körper in eine möglichst schmale Silhouette verwandeln, als ihnen ein gesundes Selbstwertgefühl zu vermitteln. Nach wie vor scheint man uns Frauen viel lieber vermitteln zu wollen, wie wichtig es ist, dass wir hübsch aussehen. Was hinter der schönen Fassade steckt ist dabei zweitrangig. Ich wage zu behaupten: Man spekuliert darauf, dass wir Frauen uns so sehr mit unserem Aussehen beschäftigen, dass uns die Zeit zum Denken fehlt. Wer sich permanent zu dick und ungenügend fühlt, macht auch nicht den Mund auf und wird unbequem. Demnach ist der Kampf gegen Body Shaming für mich auch ein feministisches Anliegen. Solange es gesellschaftlich anerkannt ist, jemanden aufgrund seines Körpers zu verurteilen, solange werden wir auch dagegen kämpfen müssen, dass Frauen bei der Besetzung von Führungspositionen übergangen werden. Denn solange wir jemanden, der ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hat, als undiszipliniert verurteilen, werden wir Frauen es auch schwer haben, Entscheider davon zu überzeugen, dass wir ebenso kluge und rationale Entscheidungen treffen können wie unsere männliche Konkurrenz.

Wehrt euch gegen Body Shaming!

Ja, eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung sind wichtig. Sie sind wichtig, damit unser Gehirn arbeiten kann, unsere Organe ihren Dienst tun und unser Skelett uns tragen kann. Aber dort, wo wir jemandem vorhalten, sich ungesund zu ernähren und faul zu sein, nur weil er nicht einem gesellschaftlich etablierten Körperideal entspricht, machen wir einen großen Fehler. Wir müssen anfangen, uns gegen diese Art von Diskriminierung und Abwertung zu wehren.Wir müssen damit beginnen, eine Gesellschaft zu bauen, die sich von solchen Illusionen löst. Diese Idealbilder, Illusionen und dieser Druck sind nämlich nur dazu da, um uns klein zu halten. Sie sollen uns verunsichern und uns zu willigen Käufern machen. Ganze Industriezweige verdienen Geld damit, dass wir uns zu dick, zu untrainiert, zu ungenügend fühlen. Wenn wir nicht riskieren wollen, dass wir zu lenkbaren Puppen eines ausbeuterischen Systems werden, müssen wir uns wehren. Ein schönes Beispiel hat der neue Londoner Bürgermeister gesetzt, als er Werbung, die unrealistische Körperideale zeigt, in der Londoner U-Bahn verbot.

Wollen wir verhindern, dass immer mehr Menschen jeden Alters an Magersucht, Bulimie und selbstverletzendem Verhalten zugrunde gehen, müssen wir diese eingefahrenen, gefährlichen Körperideale demontieren. Wenn du dir selbst etwas bedeutest, wehre dich! Wenn du deine beste Freundin, deine Geschwister, deinen Partner und eventuell zukünftige Kinder liebst, dann hilf mit, eine Gesellschaft zu bauen, in der die inneren Werte zählen. Denn nach dem Sex, nach etwas so Wunderbarem, sollten Eiscreme, ein Glas Wein oder die Zigarette danach warten. Niemand sollte sich nach dem Sex fragen lassen müssen, ob er jemals dünn war.