Notwendigkeit Schlaf
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Mindestens siebeneinhalb Stunden Schlaf sind nötig.
Wann genau Frank Winter aufgehört hat, seinen eigenen Rhythmus zu spüren, weiß er heute nicht mehr. Vielleicht war es in diesem Projekt, das für seine Firma so wichtig war und für das er nächtelang durcharbeitete, um es zu einem guten Abschluss zu bringen. Aber das war ja nur eine kurze Phase. Vielleicht war es auch erst, als er mit seiner Freundin in die neue Wohnung zog. Seine eigene Wohnung, die er sich mit Mitte 40 doch noch leistete, obwohl der Kredit dafür größer ausfiel als geplant. Am Anfang hatte er deswegen ein paar schlaflose Nächte. Aber ist das nicht normal? Ganz sicher ist er aus dem Takt geraten, als er merkte, dass es zwischen ihm und seiner Freundin nicht mehr richtig läuft, auch, weil er so viel arbeitet. Seitdem liegt er oft nachts wach. Und grübelt.

Dann führt er Zwiegespräche mit sich selbst und fragt sich, wie er all das besser machen könnte. Oder warum es nicht reicht, obwohl er sich doch anstrengt. Und er versucht sich zu beruhigen: Schlaf doch endlich ein! Doch je öfter er sich das sagt, desto länger liegt er da und wälzt sich herum. Hört die Uhr im Kopf laut ticken, bis es drei Uhr morgens ist. Oder vier. Der Schlaf kommt selbst dann noch nicht. Wenn er endlich einschläft, klingelt bald schon wieder der Wecker. Winter vermisst nicht nur den Rhythmus aus Schlafen und Wachsein, den anscheinend alle anderen außer ihm haben. Er spürt auch, dass sein Körper allmählich aus dem Tritt gerät. Er hat Schmerzen. Und Angst, dass die durchwachten Nächte nicht mehr aufhören.

Seine Angst ist nicht unberechtigt. Denn wer derart in die Grübelspirale geraten ist, der schläft nicht nur ein paar Nächte lang schlecht. Der hat vielmehr eine Schlafstörung ausgebildet, die oft das ganze Leben beeinflusst. Bei Frank Winter ist das so. Er heißt im richtigen Leben anders, möchte aber nicht, dass alle Welt weiß, wie mürbe ihn die Schlaflosigkeit macht. Das ist verständlich. Dabei ist er, anders als er selbst vermutet, längst nicht der einzige Schlechtschläfer unter lauter Gesunden. Im Gegenteil. Jeder dritte bis vierte Bundesbürger leidet zumindest gelegentlich unter Schlafproblemen, verraten die Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Bei 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung sind die Störungen so stark, dass sie unbedingt behandelt gehören, warnen die Schlafforscher, weil sie sich sonst nach spätestens vier Wochen verselbständigen und chronisch werden können.

Angst vor Schlaflosigkeit

Die Umfragen zum Thema sind eindeutig: Jeder Vierte klagt laut Robert-Koch-Institut, das Schlafen falle ihm schwer. Immerhin jeder Zweite schläft mindestens einmal im Monat schlecht, jeder Neunte sogar dreimal pro Woche. Und mehr als 40 Prozent der Bevölkerung sagen: Ich habe Angst vor Schlaflosigkeit.

Man muss sich nur einmal im eigenen Bekanntenkreis umhören: Junge Eltern schlafen kaum noch durch, weil ihre Kinder schreien oder schlecht träumen. Ältere wachen morgens um vier oder fünf auf und liegen dann wach. Es gibt die Gestressten, denen der Gedanke an ihre vielen Aufgaben den Schlaf raubt. Die Ärzte in Schichtarbeit, die aus dem Takt geraten. Frisch Getrennte, die nachts in ihre Kissen weinen. Viele nehmen die Sorgen vom Arbeitsplatz mit ins Bett, den Ärger mit dem Chef oder finanzielle Ängste. Anderen lassen Krankheiten auch nachts keine Ruhe. Die Deutschen, könnte man meinen, sind ein Volk der Schlecht- und Wenigschläfer.

Junge Eltern schlafen kaum noch durch

Tatsächlich geht es anderen Nationen nicht viel besser. Die Schlafforschung nimmt an, dass etwa 20 bis 30 Prozent aller Menschen in den westlichen Industrieländern Schlafstörungen haben. Rund 15 Prozent schlafen demnach so wenig, dass sie tagsüber häufig müde und nur eingeschränkt leistungsfähig sind. Zwischen siebeneinhalb und achteinhalb Stunden liegt das natürliche Schlafbedürfnis des Menschen, sagen Somnologen. Mancher Organismus braucht mehr, mancher weniger. Doch ein Großteil der Weltbevölkerung bringt es nur knapp auf sieben Stunden, belegen Statistiken. Rund 40 Prozent der Amerikaner und jeder dritte Deutsche schläft noch weniger. Die Japaner sind die Ultrakurzschläfer, sie schlafen im Schnitt nicht einmal sechs Stunden, Mittagsschläfchen und U-Bahn-Nickerchen inklusive. „Wir sind eine chronisch unausgeschlafene Gesellschaft“, sagt Hans-Günther Weeß deshalb, der Leiter des Schlafzentrums der DGSM.

Ursachen Schlafmangel
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Kein Wunder, finden Schlafforscher und Soziologen, es gibt ja auch immer mehr Dinge, die den Menschen in unserer nimmermüden Gesellschaft vom Schlafen abhalten. Vor allem, seit wir im „Always on“-Zeitalter leben, in dem jeder 24 Stunden am Tag erreichbar ist, sieben Tage die Woche, permanent von Medien berieselt und mit Informationen beschossen. Wir können rund um die Uhr einkaufen, Konferenzen abhalten, unsere Freizeit organisieren und Freunde kontaktieren - und viele von uns tun das auch. Statt öfter mal abzuschalten, nehmen wir Handys und Laptops sogar noch mit ins Bett. Dazu kommt, dass wir uns immer ungesünder ernähren und immer weniger bewegen, was sich den Studien zufolge ebenfalls schlafverkürzend auswirkt. Langes Pendeln zur Arbeit, unregelmäßige Termine, ständige Sorgen und Stress rauben uns einen weiteren Teil der Nachtruhe. Alle diese Faktoren haben dazu geführt, dass viele schlicht verlernt haben zu schlafen. Vor allem: gut zu schlafen.

Einige Schlafstudien sagen, die durchschnittliche Nachtruhe sei zudem deutlich kürzer geworden als früher. Noch vor zehn Jahren schliefen wir angeblich eine halbe Stunde länger als heute, vor rund 30 Jahren noch eine Stunde und vor 50 Jahren sogar zwei Stunden. Das deckt sich mit einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, in der die Hälfte der Befragten angab, sie schlafe heute weniger als vor zehn Jahren. Nur 25 Prozent schlafen wohl länger. Objektiv belegt ist die kürzere Schlafzeit allerdings nicht, weil vor 50 Jahren noch niemand großflächig Schlafzeiten aufzeichnete, anders, als Fitnessarmbänder es heute tun.

90 verschiedene Schlafstörungen kennt die Wissenschaft

Fraglich ist auch, ob heute tatsächlich mehr Menschen unter Schlafstörungen leiden als früher und wir dadurch ein „kollektives Gesundheitsproblem“ haben, wie Kritiker glauben. Schon im 19.Jahrhundert klagten Zeitgenossen schließlich über zu viel Stress, über die Durchtaktung der Welt durch Uhren und Maschinen - und über zu wenig Schlaf. Doch medizinische Schlaflabore machen es erst seit den 1970er Jahren möglich, mit ausgefeilten Apparaturen die Qualität des Schlafs zu messen - über Hirnströme, Sauerstoffsättigung und Herztätigkeit. Erst sie haben dazu geführt, dass Schlafstörungen überhaupt medizinisch diagnostiziert werden können.

90 verschiedene Schlafstörungen kennt die Medizin inzwischen. Und wie bei anderen Krankheitsbildern: Je ausgefeilter die Diagnosetechnik, desto größer wird die Zahl der Betroffenen. Thomas Penzel vom schlafmedizinischen Zentrum der Charité in Berlin differenziert daher: „Einige Schlafstörungen haben sicherlich zugenommen, etwa durch die Erkrankungen unserer westlichen Gesellschaft, durch Übergewicht und anderes. Aber besonders die Störungen des Durchschlafens haben nicht zugenommen, sondern sind ein Phänomen der erhöhten Aufmerksamkeit dafür.“

Durschnitt Nachtschlaf
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Tut es uns überhaupt gut, dass der Schlaf und seine Bedeutung immer mehr ins Bewusstsein rücken? „Wir bewegen uns von einer schlafignorienden zu einer schlafbewussten Gesellschaft“, sagt Daniela Tenger, eine Forscherin des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in der Schweiz. „Die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen setzen das Schlafverhalten unter Druck und machen es dadurch zum Thema.“ Das Paradoxe ist: Obwohl wir noch nie so komfortabel schliefen wie heute in unseren überbreiten Betten, schlafen wir doch so schlecht. Und indem wir den Schlaf wissenschaftlich vermessen, hoffen wir, dass unsere Nächte wieder besser werden.

Schlafdienstleistungen und Hilfsmittel

Daran arbeitet inzwischen eine ganze Industrie, die Schlafdienstleistungen und Hilfsmittel anbietet. Es beginnt bei den Matratzen, führt über thermoregulierende Pyjamas über Schlafbrillen und Lichtwecker zu Klangsystemen für ein paar hundert Euro. Es reicht von schlaffördernden Nahrungsmitteln, pflanzlichen Komm-runter-Pillen und herkömmlichen Schlaftabletten bis zu Apps auf dem Smartphone, die kontinuierlich unsere Vitalfunktionen aufzeichnen. Und es endet bei teuren Schlaftrainings, Hirnstrommessgeräten für zu Hause und dem Besuch im Schlaflabor.

Häufigkeit Schlafstörungen Deutschland
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Die Vielfalt suggeriert: Jeder kann heute etwas gegen Schlaflosigkeit unternehmen, Technologiefanatiker genauso wie Naturliebhaber oder Pharma-Fans. Allein die jährlichen Ausgaben für Schlaftabletten werden sich von 2014 bis 2019 weltweit um ein Drittel auf 77 Milliarden Dollar erhöhen, schätzt das Marktforschungsinstitut BCC Research. Die Zahl der Schlafkliniken in Amerika hat sich demnach seit 2005 schon verdoppelt. Hierzulande ist die Entwicklung nicht ganz so rasant, seit 2003 ist ein Anstieg von 17 Prozent zu verzeichnen. Es gibt inzwischen 314 Schlaflabore in der Republik. Wer sich untersuchen lassen möchte, muss zum Teil mehrere Monate auf einen Platz warten.

Die Erwartungen sind hoch

Mit jedem neuen Angebot wächst die Erwartung - vor allem die der Schlaflosen an sich selbst: Mit dem passenden Mittelchen müsse es doch gelingen, wieder besser zu schlafen. Der Trend zur Selbstoptimierung hat das Denken so gepolt: Alles ist möglich, wenn man nur hart genug daran arbeitet. In diesem Fall bewirkt das aber genau das Gegenteil. Es schafft noch mehr Druck und Stress - und weniger Schlaf.
schlafmangel kosten
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Aber ist das wirtschaftlich gesehen überhaupt ein Problem? Schließlich huldigen viele Erfolgreiche doch dem „Ich brauche nicht viel Schlaf, ich habe das im Griff“-Kult. Manche Politiker und Manager brüsten sich damit, mit sechs Stunden Schlaf täglich auszukommen. Manche sagen sogar: Könnten sie das nicht, hätten sie sich gar nicht erst für höhere Posten qualifiziert. Angela Merkel gönnt sich angeblich vier Stunden, Donald Trump nur drei Stunden Schlaf in der Nacht. Wer länger in den Federn liegt, gilt als unproduktive Schlafmütze.

Dabei weiß die Forschung längst, dass das Gegenteil der Fall ist: Wenigschläfer gewöhnen sich zwar schon nach vier Tagen daran, dauernd übermüdet zu sein. Aber wer nur vier Stunden in der Nacht schläft, schränkt sich beträchtlich ein: Die Reaktionszeit wird länger, die Konzentration schwächer, die Neigung zu riskanterem Verhalten wird größer. Ungefähr so wie mit 0,5 Promille Alkohol im Blut. Lkw-Fahrer mit Schlafstörungen werden deshalb neuerdings aus dem Verkehr gezogen. Kurzschlafen begünstigt überdies unethisches Verhalten am Arbeitsplatz: Wer 7,5 Stunden schläft, ist laut Studien 50 Prozent häufiger bereit, seinen Arbeitgeber zu betrügen, als ein Acht-Stunden-Schläfer. Bei nur 5,5 Stunden Schlaf in der Nacht steigt die Bereitschaft auf das 2,5-Fache.

Enorme Kosten für die Wirtschaft

Schlaflosigkeit produziert nicht nur deshalb enorme Kosten. Rund 56 Milliarden Euro oder 200.000 Arbeitstage im Jahr entgehen allein der deutschen Wirtschaft, weil ihre Belegschaft chronisch unausgeschlafen ist, hat gerade der Thinktank Rand Europe ausgerechnet. Auch jeder Einzelne zahlt einen hohen Preis - mit seiner Gesundheit: Wenig Schlaf schwächt das Immunsystem, macht anfällig für Diabetes und Depressionen, Darm- und Brustkrebs, erhöht das Schlaganfallrisko, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt ebenfalls. Und schon nach einer Woche mit weniger als sechs Stunden Schlaf täglich verändern sich Gene, die unter anderem für den Stoffwechsel, Entzündungshemmung und Stressverarbeitung zuständig sind. So viel ist erwiesen.

Wie aber finden all die Geplagten und Gestressten wieder zu einem gesunden, tiefen Schlummer? Am besten wäre es, sagen die Schlafforscher, wir würden uns nicht mehr so viele Gedanken über das Schlafen machen, sondern wahrnehmen, wie viel Spaß es macht. Dafür dürften wir den Schlaf weder als lästige Pflicht ansehen, die sich mit genügend Willensanstrengung so verkürzen lässt, dass mehr vom Tag übrig bleibt, noch als das große Ziel, für das wir Unsummen ausgeben. Viele Profisportler haben verstanden, wie das geht. Der Tennisspieler Roger Federer zum Beispiel, der gerade das Grand-Slam-Turnier in Australien gewonnen hat, zählt seit vielen Jahren nicht nur im Sport zur Weltspitze, sondern auch beim Schlafen, mit 12 Stunden je Nacht. Ganz ohne teuren Thermo-Pyjama.

Quelle: F.A.S.