Der Einfall der Hunnen ließ das spätrömische Reich erzittern. Ihre Begegnung mit der Bevölkerung der Grenzregionen war aber nicht nur von Gewalt geprägt

© Susanne Hakenbeck
Die aktuellen Ausgrabungen in Ungarn zeigen, dass die lokale bäuerliche Bevölkerung die Tradition des Köpfeformens teilweise übernommen hat.
Cambridge/Wien - Die Hunnen genießen in der Geschichtsschreibung nicht unbedingt den besten Ruf - vermutlich auch nicht ganz zu Unrecht. Die hunnischen Reiterscharen aus Zentralasien, eine uneinheitliche Mischung nomadischer und halbnomadischer Stämme, drangen im vierten und fünften Jahrhundert plündernd und brandschatzend in das spätrömische Reich ein.

Der Völkersturm löste in Europa nicht nur eine Kettenreaktion an Wanderbewegungen aus, sondern erschütterte letztlich auch die Grundfesten des Weströmischen Imperiums. Will man römischen Chronisten Glauben schenken, dann trugen die Hunnen ausschließlich Schrecken und Gewalt in die eroberten Gebiete.

Hunnen einmal anders

Aktuelle britische Ausgrabungen zeichnen dagegen ein etwas differenzierteres Bild vom Einfluss dieser Völker aus dem Osten: Gebeine aus Gräbern in Ungarn, der damaligen Grenzprovinz Pannonien, vermitteln erstmals einen detaillierten Eindruck davon, wie die Begegnung zwischen der Bevölkerung der römischen Peripherie und den Hunnen im fünften Jahrhundert ausgesehen haben könnte. Das Aufeinandertreffen war demnach offenbar nicht unbedingt ausschließlich gewalttätiger Natur - im Gegenteil.

© erzsébet fóthi, natural history museum budapest
Sogenannte Turmschädel werden von Bandagen während der Kindheit geformt. Diese Praxis gelangte mit den Hunnen nach Europa
Ein Archäologenteam um Susanne Hakenbeck von der University of Cambridge konnte auf Basis biochemischer Untersuchungen von Zähnen und Knochen nachweisen, dass zumindest einige Bauern aus den Grenzregionen ihre Farmen verließen, um sich den Hunnen anzuschließen. Im Gegenzug gaben viele Hunnen ihr Nomadenleben auf, siedelten sich an und erfreuten sich an den kulinarischen Segnungen der Landwirtschaft.

Das schlossen die Wissenschafter aus der Isotopenanalyse von Skeletten aus insgesamt fünf pannonischen Friedhöfen aus dem fünften Jahrhundert, sowie aus römischen Gräbern in Deutschland und Funden aus Sibirien und der Mongolei, der ursprünglichen Heimat der Steppenvölker. Die Unterschiede gaben Aufschlüsse über die vorherrschende Ernährung und damit auch die jeweilige Lebensform.

Unterschiedliche Speisepläne

So zeigte sich etwa, dass die Nahrung der sesshaften Bauern pflanzlich dominiert war und hauptsächlich aus Getreide, Gemüse und Hülsenfrüchten bestand. Fleisch kam kaum auf den Tisch, Fisch noch viel seltener. Die Hunnendiät zeichnete sich dagegen durch einen hohen Anteil tierischer Proteine aus, ergänzt von Fisch und großen Mengen an Hirse.

Besonders spannend war, dass die untersuchten Friedhöfe in Ungarn nicht nur Beispiele für beide Lebensstile beherbergten. Zahlreiche Knochen und Zähne beweisen darüber hinaus, dass einige Menschen im Laufe ihres Lebens einen Wandel in die eine oder andere Richtung vollzogen.

"Die Hunnen dürften einen Lebensstil mitgebracht haben, der so manchem Bauern aus Gegenden am Rande des Reiches zusagte. Gleichzeitig fanden sie selbst Gefallen an der Sesshaftigkeit", meint Hakenbeck. "Es war eine turbulente Epoche, in der Abkommen zwischen den Römern und verschiedenen Stämmen geschlossen und wieder gebrochen wurden. Diese fortdauernde Unsicherheit könnte sich im Lebensstilwechsel widerspiegeln."

Wahlfreiheit als Chance

Dies ging sogar so weit, dass Angehörige der lokalen Bevölkerung hunnische Bräuche aufgriffen. Wie die Forscher im Fachjournal "Plos One" berichten, besaßen einige pannonische Bauern einen künstlich verlängerten Schädelknochen, eine Praxis, die unter zentralasiatischen Reiterstämmen weit verbreitet war.

"Während römische Schriften fast ausschließlich Konfrontationen mit den Hunnen schildern, zeigen unsere Funde, dass es in Grenzgebieten offenbar bis zu einem gewissen Grad auch zur Koexistenz und Kooperation gekommen sein muss", so Hakenbeck. In den dunklen Zeiten am Rande des Untergangs dürften viele Menschen die plötzliche Wahlfreiheit zwischen zwei Lebensstilen als neue Chance angesehen haben.