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Heute habe ich mal ein Thema auf dem Tisch, das eigentlich eher in der esoterischen Ecke verortet wird. Dass unsere Psyche unseren Körper krank machen kann, genießt in unserer naturwissenschaftlichen Weltsicht nicht allzu viel Anerkennung. Viel zu häufig suchen wir in der stofflich begreifbaren Welt nach Lösungen und vergessen dabei, dass selbst unsere Gedanken, deren Existenz wir derzeit überhaupt noch nicht gut erklären können, einen greifbaren biochemischen Prozess auslösen.

Diejenigen unter euch, die es selbst erlebt haben, wissen wovon ich rede. Aber ich komme auch immer wieder mit Menschen in Kontakt, für die der psychische Aspekt unserer Gesundheit nicht greifbar ist. Menschen, bei denen auch der 195. Abnehmversuch nicht mit Erfolg gekrönt ist. Oder solche, die ihr Essen bis auf das letzte Molekül kontrollieren, aber trotzdem krank sind. Wie soll mein Glauben, Denken und Fühlen denn meine Probleme erklären? Mein Übergewicht, meine Neurodermitis, meine Migräne, meine was-weiß-ich-was-Entzündung - wie soll das gehen?

Eine Klientin sagte neulich zu mir, dass es so schön einfach ist, sich auf die Ernährung zu konzentrieren. Ein bisschen weniger dies und ein bisschen mehr das müsste das Problem doch endlich lösen. Ja, da muss ich mir ganz klar auch an die eigene Nase fassen, denn ich habe das auch etwas zu lange geglaubt. Meine Ernährung war für mich lange Zeit die einzig sinnvolle Stellschraube, schließlich lassen sich damit alle möglichen biochemischen Prozesse in unserem Körper beeinflussen und steuern.

Leider ist das nicht so einfach, denn unser Körper ist komplex und wir begreifen immer nur einen Ausschnitt, selten aber das Ganze.

Der Körper, d.h. unsere Biochemie, beeinflusst unser Denken und Fühlen. Daran habe ich keinen Zweifel. Zu viele Füllstoffe und zu viel Sondermüll in dem, was wir heute Lebensmittel nennen. Aber dieser Mechanismus ist keine Einbahnstraße. Denn: unser Denken und Fühlen beeinflusst auch unsere Biochemie und damit unseren Körper. Ein Teufelskreis? Keinesfalls. Das Geheimnis hinter der großen Frage nach der eigenen Gesundheit ist, zu erkennen, was denn nun das persönliche Problem ist. Und das klappt nicht immer im stillen Kämmerlein - egal wie gut es mit dem Internet und damit dem Wissen der Welt verbunden ist.

Unsere Welt ist heute so schnell und unterliegt so vielen Veränderungen, dass man den eigenen Stress manchmal überhaupt nicht sieht. Und wenn man ihn sieht, dann verdrängt man ihn, kommt schon irgendwie klar, hält ihn aber viel zu selten für die Quelle seiner gesundheitlichen Beschwerden.

Da sind Ängste um den Verlust von Arbeit, Aufträgen, Ansehen, Einkommen; Sorgen um die Kinder, älter werdende und sterbende Eltern, das Gefühl der Einsamkeit in einer immer rücksichtsloseren Gesellschaft und vieles, vieles mehr. Für unsere Sorgen, Ängste und emotionalen Verletzungen bleibt da keine Zeit. Für Reflektionen des eigenen Handelns, Denkens und Fühlens gleich dreimal nicht. Aber kann uns das wirklich krank machen? Können uns runtergeschluckte Trauer und Schmerzen auf körperlicher Ebene verändern? Meine Erfahrung sagt ja. Ist das nachweisbar? Absolut!

Psychologischer Stress und Verdauungsbeschwerden
„Auch das Herzeleid dringt irgendwann bis zu den Därmen hinunter.“ Martin Gerhard Reisenberg, Diplom-Bibliothekar und Autor (*1949)
Dass unsere Emotionen Auswirkungen auf unseren Magen-Darm-Trakt haben, hat wohl jeder von uns schon einmal erlebt. Die Schmetterlinge im Bauch, wenn wir verliebt sind, lassen kaum „Platz“ für Nahrung; wenn wir nervös sind, bekommen wir schonmal Durchfall und wenn wir etwas nicht loslassen können oder Angst haben, plagen uns schon mal Verstopfungen.

Auch auf schwerwiegendere Magen-Darm-Beschwerden hat psychologischer Stress Auswirkungen. Beim Reizdarm-Syndrom, was sich durch chronische oder wiederkehrende Verdauungsbeschwerden jeglicher Art auszeichnet, steht beispielsweise in enger Verbindung zu psychologischem Stress. Auch wenn das Reizdarm-Syndrom eine Reihe verschiedener Ursachen haben kann, steht fest, dass es sich hierbei um eine stressige Angelegenheit für die Betroffenen handelt. Einerseits kann davon ausgegangen werden, dass die Beschwerden Stress verursachen, andererseits mehren sich Hinweise, dass psychologischer Stress auch zum Ausbrechen oder zur Verschlimmerung von Reizdarm-Symptomatiken beitragen kann. Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2013 kam zu der Erkenntnis, dass maßgebliche Lebensereignisse, wie eine Trennung, Scheidung oder das Ausziehen eines Familienmitglieds aus dem gemeinsamen Haus, ein häufiger Umstand war, der unmittelbar vor dem Ausbrechen der Symptome von den Betroffenen erlebt wurde [1]. Eine andere Studie zeigt, dass auch die Erlebnisse unserer Kindheit nicht folgenlos bleiben. Um eine Auswirkung auf die Expression unserer Gene zu haben, braucht es keinen schweren Missbrauch, sondern selbst ein schwieriges emotionales Verhältnis zwischen Eltern und Kind können schon ausreichen, um im Erwachsenenalter Beschwerden zu begünstigen [2].

Die Angriffspunkte, die psychologischer Stress in unserem Körper hat, sind dabei sehr vielfältig. Eine Reihe von klinischen und experimentellen Studien konnte in den letzten Jahren zeigen, dass unsere Psyche Auswirkungen auf die Darmperistaltik, die Sekretion von Verdauungssäften, die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut (Stichwort: Leaky Gut) und damit auch auf Immunprozesse in der Schleimhaut, Veränderungen im zentralen Nervensystem und selbst auf unser Mikrobiom im Magen-Darm-Trakt hat [1]. Es hängt eben alles zusammen.

Distress, Entzündungen und unser Immunsystem

Nach dem Magen-Darm-Trakt ist unser Immunsystem einer der wichtigen Körpersysteme, dass auch negativen Stress psychologischen Ursprungs wesentlich beeinflusst wird. Diejenigen, die unter Migräne oder Neurodermitis leiden, können ein Lied davon singen, denn sie sind oft dann von ihren gesundheitlichen Problemen geplagt, wenn sie mit sich und der Welt nicht im reinen sind. Ich gehöre dazu und kann an der Haut meiner Armbeugen ablesen, wann es Zeit ist inne zu halten und zu schauen, was gerade in mir los ist und was mich stresst.

Eine Vielzahl von experimentellen Untersuchungen an Menschen und Tieren konnte mittlerweile bestätigen, dass psychologischer Stress akute Entzündungsprozesse in unserem Körper auslöst [3]. Der wichtigste Entzündungsmediator ist dabei Interleukin-6, ein Zytokin, das die Entzündungsreaktion des Organismus reguliert. Gleichzeitig wird die Ausschüttung entzündungshemmender Mediatoren wie Interleukin-10 und Interleukin-4 gehemmt [4]. Dass das Prozesse sind, die unser Überleben unter allen Umständen sichern sollen, zeigt auch die Erkenntnis, dass es sich bei der Immunantwort auf psychologischem Stress überwiegend um eine Antwort des angeborenen Immunsystems handelt [5]. Stehen Depressionen und psychologischer Stress also im Zusammenhang zu Entzündungen? Die Wissenschaft bewegt sich jedenfalls immer weiter in diese Richtung. Können wir das durch den Verzehr entzündungshemmender Lebensmittel hemmen? Bedingt. Auf grundlegender Ebene ja. Im fortgeschrittenen Stadium stellt sich aber die Frage, wieviel Kurkuma du essen willst, um das Trauma deiner Kindheit zu heilen, das heute noch jeden Schritt beeinflusst, den du machst?

Und die Folgen psychologischen Stresses reichen noch viel weiter.

Eine kleine schwedische Studie mit 58 Fünfjährigen fand heraus, dass die Kinder aus Familien, in denen es seit der Geburt stressige Erlebnisse wie den Tod von Angehörigen, schwere Krankheiten u.ä. gab, eine generelle Veränderung des Immunsystems festzustellen war. Diese führt nicht nur zu einer Unterdrückung der Immunfunktion durch die erhöhten Cortisol-Spiegel, sondern auch zu einer Dysbalance bei Markern, die zu einer Autoimmunreaktion gegen Betazellen und in weiterer Folge zu Diabetes Typ 1 führen können [6]. Auf einen solche Zusammenhang wies auch eine großangelegte retrospektive Studie in Kalifornien hin. Dort wurde ein statistischer Zusammenhang zwischen stressigen Erlebnissen in der Kindheit und dem Auftreten von Autoimmunerkrankungen im Erwachsenenalter festgestellt. Je häufiger das Erleben von Trauma, desto größer die Wahrscheinlichkeit im Erwachsenenalter mit einer Autoimmunerkrankung konfrontiert zu werden, resümieren die Forscher [7].

Fazit

Ja, deine Ernährung hat eine wichtige Funktion für deine Gesundheit. Ich kann nicht oft genug unterstreichen, dass Zucker und Fertiglebensmittel das Potential haben uns krank zu machen und unseren Körper in Höchststress zu versetzen und Entzündungen zu begünstigen. Es ist aber nicht alles.

Gesundheit hängt an so vielen anderen Faktoren, wovon unsere Psyche einer ist. Das Empfinden von negativen Gefühlen, Angst, Trauer, Schmerzen und vor allem das Unterdrücken dieser Gefühle kann handfeste körperliche Beschwerden auslösen.

Nicht immer ist eine Psychotherapie nötig, um diesen Teufelskreis aufzulösen. Manchmal reicht es, sich einfach ein bisschen Zeit für sich selbst zu nehmen und mal zu fühlen, was man da eigentlich fühlt. Viele Gefühle, die Stress auslösen, gehen weg, wenn man sie zulässt und durchlebt. Manche basieren auf Annahmen, die der subjektiven Realität zu einem bestimmten Zeitpunkt entsprachen und bei erneuter Beschäftigung damit überhaupt keine Berechtigung mehr finden. Andere kann man einfach ablegen, indem man sich entscheidet kein Opfer irgendwelcher Umstände mehr sein zu wollen und sein Leben selbstverantwortlich zu leben.

Und wieder andere Gefühle sind gut in einer psychologischen Therapie aufgehoben. Eine Pauschalantwort gibt es nicht. Es gibt noch nicht einmal die eine „richtige“ Methode. Das Schöne ist aber, dass das Lösen dieses Knotens eine massive Verbesserung körperlicher Beschwerden bedingen kann.

Und nicht nur das: Losgelöst von Schmerz, Trauer und Angst wird das Leben auch in allen anderen Bereichen viel angenehmer und leichter.




Referenzen

[1] Surdea-Blaga, T., Băban, A., & Dumitrascu, D. L. (2012). Psychosocial determinants of irritable bowel syndrome. World Journal of Gastroenterology, 18(7), 616. https://doi.org/10.3748/wjg.v18.i7.616

[2] Chang, L. (2011). The Role of Stress on Physiologic Responses and Clinical Symptoms in Irritable Bowel Syndrome. Gastroenterology, 140(3), 761 - 765.e5. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2011.01.032

[3] Maes, M., & Editorial Board. (2001). Psychological stress and the inflammatory response system. Clinical Science (London, England : 1979), 101(2), 193 - 4. Retrieved from http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11473495

[4] Maes, M., Song, C., Lin, A., De Jongh, R., Van Gastel, A., Kenis, G., ... Smith, R. S. (1998). The effects of psychological stress on humans: increased production of pro-inflammatory cytokines and a Th1-like response in stress-induced anxiety. Cytokine, 10(4), 313 - 8. Retrieved from http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9617578

[5] Paik, I., Toh, K., Lee, C., Kim, J., & Lee, S. (2000). Psychological Stress May Induce Increased Humoral and Decreased Cellular Immunity. Behavioral Medicine, 26(3), 139 - 141. https://doi.org/10.1080/08964280009595761

[6] Carlsson, E., Frostell, A., Ludvigsson, J., & Faresjo, M. (2014). Psychological Stress in Children May Alter the Immune Response. The Journal of Immunology, 192(5), 2071 - 2081. https://doi.org/10.4049/jimmunol.1301713

[7] Dube, S. R., Fairweather, D., Pearson, W. S., Felitti, V. J., Anda, R. F., & Croft, J. B. (2009). Cumulative Childhood Stress and Autoimmune Diseases in Adults. Psychosomatic Medicine, 71(2), 243 - 250. https://doi.org/10.1097/PSY.0b013e3181907888