Britische Abgeordnete sprechen von der "größten Vertuschung", die sie "je erlebt haben": Vor dem Parlament hatten Rupert und James Murdoch noch abgestritten, von den dubiosen Abhörmethoden beim Boulevardblatt News of the World gewusst zu haben. Doch nun enthüllt ein Brief des in den Skandal verwickelten Journalisten Clive Goodman Erstaunliches.
Tom Watson
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Clive Goodmans Brief ist "eine der größten Vertuschungen, die ich je erlebt habe", so Labour-Abgeordneter Tom Watson.

Neue Korruptionsvorwürfe im britischen Abhörskandal: Nach einem Bericht des Guardian soll das Anzapfen von Telefonen von ranghohen Mitarbeitern der inzwischen eingestellten britischen Boulevardzeitung News of the World ausdrücklich befürwortet worden sein.

Das geht aus einem Brief des früheren News-of-the-World-Reporters Clive Goodman hervor, der dem Guardian vorliegt. Die Zeitung berichtet, Goodman habe den Brief vor vier Jahren verfasst, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war. In dem Schreiben heißt es demnach, das illegale Abhören sei in "voller Kenntnis und mit voller Unterstützung" der News-of-the-World-Führung erfolgt.

Das sind harte Vorwürfe, die auch die Mutterfirma News International treffen. Bis zuletzt hieß es, Goodman sei der einzige Reporter, der in die Abhöraktionen involviert gewesen sei. Goodman schreibt hingegen, auch andere Mitarbeiter hätten Telefone angezapft. Diese Praxis sei in den Redaktionssitzungen breit diskutiert worden, bis diese eindeutigen Bezüge vom Chefredakteur untersagt worden seien. Der Brief gehört zu den Unterlagen, die der Kultur- und Medienausschuss des Parlaments veröffentlichte.

Britische Abgeordnete erwägen bereits, James Murdoch noch einmal vorzuladen, den Sohn von News-Corp-Chef Rupert Murdoch, der für das Europageschäft seines Vaters und damit auch für News of the World verantwortlich war. Murdoch war im vergangenen Monat von britischen Parlamentariern verhört worden.

Seiner Aussage, er habe von der Abhöraktion nichts gewusst, hatten der frühere Chefredakteur Colin Myler und Ex-Firmenanwalt Tom Crone widersprochen. Beide wollten vermutlich im nächsten Monat vor dem Ausschuss aussagen.

Nun also der Brief von Clive Goodman. Mit dem Schreiben vom 2. März 2007 hatte sich der ehemalige Hofberichterstatter gegen die Entscheidung des damaligen Vorsitzenden von News International, Les Hinton, gewandt, ihn zu feuern, nachdem er drei Mitglieder des Königshauses abgehört hatte.

Sein Schweigen soll sich die Chefetage danach dem Guardian zufolge mit einem Jobversprechen erkauft haben. So schreibt Goodman: "Tom Crone und der Herausgeber versprachen mir mehrmals einen Job, wenn ich weder News of the World noch irgendeinen Mitarbeiter in meiner Verteidigungsrede erwähne. Nun erwarte ich, dass die Zeitung ihr Versprechen einlöst."

Statt auf Goodmans Forderung einzugehen, sollte die Anwaltsfirma Harbottle and Lewis den E-Mail-Verkehr führender News-of-the-World-Mitarbeiter analysieren. Mit dem Ergebnis: "Wir haben in diesen E-Mails keinen Hinweis darauf gefunden, dass Andy Coulson etwas von Clive Goodmans Methoden gewusst oder sie unterstützt hat."

Auf dieses Schreiben, das ebenfalls vor vier Jahren verfasst worden war, beriefen sich Rupert und James Murdoch noch im vergangenen Monat vor dem Parlamentsausschuss, um ihre Unschuld zu beweisen. Doch nach Polizeiangaben enthalten die E-Mails Hinweise auf "mutmaßliche Zahlungen korrupter Journalisten an korrupte Polizisten".

Hat James Murdoch die Abgeordneten also bewusst getäuscht? Wie viel wussten die Verantwortlichen bei News of the World wirklich von den Abhörmethoden? "Clive Goodmans Brief beseitigt News Internationals Verteidigung vollständig. Das ist eine der größten Vertuschungen, die ich je erlebt habe", so der Labour-Abgeordnete Tom Watson. Der Brief sei "absolut verheerend".

News International äußerte sich nur sehr zurückhaltend zu den neuen Entwicklungen: Man arbeite mit der Polizei in vollem Umfang zusammen, betonte das Unternehmen am Dienstag.