© Michael Pladeck / Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: Pladeck 15/7
Berliner feiern am Brandenburger Tor den Fall der Mauer
Jahr für Jahr blickt die interessierte Öffentlichkeit auf einen Tag von ganz besonderer Bedeutung für die deutsche Geschichte: auf den 9. November. Häufig ist dann vom "Schicksalstag der Deutschen" die Rede. Und in der Tat, viele zentrale Ereignisse der deutschen Geschichte sind untrennbar mit dem 9. November verbunden. Aber kann man deshalb vom 9. November als von einem "Schicksalstag" sprechen? Impliziert das Wort "Schicksalstag" nicht, dass dieser Tag dem rationalen Handeln von Menschen - und somit auch ihrer Verantwortung - entzogen ist? Kann es überhaupt sein, dass eine gleichsam höhere Instanz - wie eben das "Schicksal" - die Fäden unserer Geschichte knüpft? Zum Guten wie zum Schlechten?

© Carl Constantin Heinrich Steffeck (1848/49) / Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: Kg 78/5
Erschießung Robert Blums am 9. November 1848 auf der Brigittenau bei Wien
Wenn man etwas weiter zurück schaut in die europäische Geschichte, dann zeigt sich, dass der 9. November keinesfalls nur mit der deutschen Geschichte in enger Verbindung steht: Der nach dem französischen Revolutionskalender als 18. Brumaire bekannte Tag, an dem 1799 die Alleinherrschaft Napoleons begann, fiel auf den 9. November. Rund 50 Jahre später, 1848, wurde in Wien das Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum von Angehörigen konterrevolutionärer Truppen unter dem Kommando des Fürsten Windisch-Graetz am 9. November erschossen. Zehn Jahre nach der Erschießung Blums wurde in über 400 deutschen und vielen nicht-deutschen Städten vom 8. bis zum 10. November 1859 der 100. Geburtstag des "Freiheitsdichters" Friedrich Schiller gefeiert. Die Schillerfeiern vom November 1859 markieren zugleich das Ende der Reaktionszeit, die der Revolution von 1848/49 folgte. Auch das Ende der "Oktoberrevolution" 1917 fiel nach dem Gregorianischen Kalender auf den 9. November: An diesem Tag bildeten die bolschewistischen Revolutionäre unter Lenin die Regierung der Volkskommissare. Dem radikalen Umsturz von Staat und Gesellschaft in Russland war die Niederlage des Zarenreichs im Krieg gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten voraus gegangen.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin
Menschenmenge vor dem Reichstagsgebäude:
Am 9. November 1918 um 14.00 Uhr proklamierte Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstagsgebäudes aus die demokratische Republik. Die Aufnahme entstand in den Mittagsstunden des Tages.
Im folgenden Jahr, 1918, ging auch in Deutschland dem Zusammenbruch der Hohenzollernmonarchie eine Niederlage im Krieg voraus. Die Kriegsmüdigkeit von Matrosen und Soldaten in militärisch hoffnungsloser Lage war Anfang November 1918 auf weite Teile der Bevölkerung übergesprungen. Als die revolutionäre Bewegung die Reichshauptstadt Berlin erfasste, verkündete Reichskanzler Prinz Max von Baden am 9. November eigenmächtig die Abdankung des Kaisers; das Amt des Reichskanzlers übertrug er dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Am frühen Nachmittag proklamierte dann Philipp Scheidemann die demokratische Republik, wenig später verkündete Karl Liebknecht die sozialistische Republik. "Schicksalhaft" war der Zusammenbruch der Hohenzollernmonarchie aber ebenso wenig wie das Ende des Zarenreichs im Jahr zuvor: Kriegsniederlagen und die damit einhergehende Unzufriedenheit der Bevölkerung sind Nährboden für revolutionäre Umbrüche. Dass aber die revolutionäre Bewegung ausgerechnet am 9. November 1918 Berlin erreichte, war reiner Zufall. Es hätte auch ein Tag früher oder später sein können. Anders sieht es mit dem "Hitler-Putsch" 1923, der Pogromnacht 1938 und dem Attentatsversuch von Georg Elser 1939 aus: Diese Ereignisse stehen in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem 9. November 1918.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: Ph 96/242.74
Bürgerbräu-Keller: Das Hakenkreuz an der Decke markiert die Einschussstelle des Pistolenschusses, mit dem sich Adolf Hitler am 8. November 1923 Gehör verschaffte
Ein "Schicksalstag" war aber auch der 9. November 1923 keineswegs, denn er war geprägt von den Akteuren auf der politischen Bühne. Deren Kulisse bildete eine von rechtsgerichteten Kreisen um den bayerischen Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr einberufene Protestversammlung im Münchner Bürgerbräukeller, auf der am Vorabend des fünften Jahrestags der "marxistischen Novemberrevolution" mit der Berliner Reichsregierung "abgerechnet" werden sollte. Hitler, der sich kurz zuvor von den Planungen der politischen Elite in Bayern zum Staatsstreich gegen die Republik ausgebootet sah, wollte die Veranstaltung im Bürgerbräu nutzen, um sich handstreichartig wieder ins politische Spiel zu bringen. Mit einer Pistole schoss er mehrmals in die Decke des Bürgerbräukellers, verschaffte sich damit Gehör und verkündete eine "nationale Revolution", die allerdings schon am nächsten Morgen im Feuerhagel der Landespolizei vor der Münchner Feldherrnhalle ihr schnelles Ende fand. Was sollte am Geschehen vom 9. November "schicksalhaft" gewesen sein? Auch dass Hitler danach als Festungshäftling in Landsberg mit allen möglichen Privilegien überschüttet wurde und geradezu ideale Voraussetzungen für die weitere Umsetzung seiner politischen Ziele vorfand, hatte er nicht dem "Schicksal", sondern ganz wesentlich dem Leiter der Landsberger Haftanstalt und den bayerischen Justizbehörden zu verdanken.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: P 2000/358
Deutsches Propagandaplakat aus Anlass des 20. Jahrestages des Hitler-Putsches mit Durchhalteparole
Hitlers Auftritt im Bürgerbräukeller am Abend des 8. November 1923 und der Marsch zur Feldherrnhalle tags darauf waren die zentralen Bezugspunkte nationalsozialistischer Mythen- und Traditionsbildung. Sie wurden von der NS-Propaganda verklärt und Jahr für Jahr mit inszenierten Erinnerungsfeiern zelebriert. Zum 15. Jahrestag des Marsches auf die Feldherrnhalle hatte Hitler sich mit den "alten Kämpfern" am Abend des 9. November 1938 im Alten Rathaus in München zu einem "Kameradschaftsabend" versammelt. Gegen 21 Uhr übermittelte ihm ein Bote, dass der zwei Tage zuvor von einem 17-jährigen Juden in der deutschen Botschaft in Paris angeschossene Ernst vom Rath seinen Verletzungen erlegen sei. Schon unmittelbar nach bekannt werden des Attentats war es vereinzelt zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Im Verlauf des 8. November nahmen die Ausschreitungen an Heftigkeit zu, bevor sich dann in der
© Alte Synagoge Essen
Brennende Synagoge in Essen
Nacht vom 9. zum 10. November der in Deutschland seit Jahren aufgeladene Hass gegen die jüdische Bevölkerung mit äußerster Brutalität entlud. Doch der Novemberpogrom war keineswegs Ausdruck des "spontanen Volkszorns", wie Reichspropagandaminister Joseph Goebbels glauben machen wollte. Die Ausschreitungen wurden von ihm selbst - nach Absprache mit Hitler - angestiftet und vor allem von Mitgliedern der SA und SS nur allzu bereitwillig ausgeführt. Die Polizei war gehalten, keine Juden oder deren Läden zu schützen, die Feuer der in Brand gesteckten Synagogen oder Gebetsstuben durften nicht gelöscht werden. Hunderte jüdischer Männer und Frauen wurden ermordet bzw. in den Selbstmord getrieben, rund 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager gesperrt. Im "angeschlossenen" Österreich begann der Pogrom einen Tag später als im "Altreich". Dort aber gingen die Nationalsozialisten mit einem fast noch mörderischerem Hass gegen die Juden vor. Das Pariser Attentat war auch ihnen nur ein allzu gern gefundener Vorwand.

Erst lange nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft rückte das Attentat von Johann Georg Elser auf Hitler in das kollektive Gedächtnis der Deutschen: Elser, ein aus dem Württembergischen stammender Schreiner, war seit dem Münchener Abkommen vom Herbst 1938 entschlossen, Hitler, Göring und Goebbels zu töten, um den für ihn absehbaren Krieg zu verhindern. Über Wochen ließ er sich ab Spätsommer 1939 nachts im Münchner Bürgerbräu einschließen, um im Keller unmittelbar hinter dem Rednerpult eine Säule als Versteck für eine Bombe zu präparieren. Während der traditionellen Ansprache Hitlers am Vorabend des 9. November im Keller des Bürgerbräus sollte der Sprengsatz durch einen Zeitzünder zur Explosion gebracht werden. Die Bombe explodierte auch zum vorgesehenen Zeitpunkt, da aber Hitler aufgrund des schlechten
© Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: Do2 2002/937
Titelseite der NS-Tageszeitung "Völkischer Beobachter" zum Attentat auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller
Wetters nicht nach Berlin zurück fliegen konnte, sondern den Zug nehmen musste, verkürzte er seine Ansprache und verließ wenige Minuten vor der Explosion den Bürgerbräukeller. Durch die Wucht der Explosion wurden acht Teilnehmer der Veranstaltung getötet und über 60 verletzt. Die nationalsozialistischen Ermittler betrachteten Elser nicht als Einzeltäter, sondern als ein ausführendes Werkzeug in der Hand des britischen Geheimdienstes. Es passte nicht in ihr Weltbild, dass es einem einzelnen Menschen beinahe gelungen wäre, den "Führer" zu liquidieren. Und da nicht sein konnte, was nicht sein durfte, hatte man auch hier schnell eine griffige Erklärung zur Hand: Die "Vorsehung" habe Hitler gerettet, hieß es ein ums andere Mal in der NS-Presse. Der wahnhafte Glaube an die "Vorsehung Hitlers" ging bis zum bitteren Ende einher mit dem zum Dogma erhobenen Credo vom "Endsieg" und das immer verzweifeltere Hoffen auf die "Wunderwaffen des Führers". Diese Grundfesten nationalsozialistischer Ideologie erhielten durch die Bomben der Alliierten auf deutsche Städte erste Risse. Aber erst als große Teile des Landes in Schutt und Asche lagen und Deutschland am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, waren die Träume vom "Tausendjährigen Reich" verflogen.

Unter alliierter Besatzung durchtrennte dann ein "Eiserner Vorhang" das Land, die "Mauer" wurde zum Symbol der deutschen Teilung. Unversöhnlich standen sich die politischen Blöcke der beiden Weltmächte gegenüber. Das Freiheitsstreben in Osteuropa, namentlich in Polen und Ungarn, erreichte 1989 auch die DDR. Was nach dem Mauerbau vom August 1961 über Jahrzehnte nur wie eine in ferner Zukunft liegende Utopie erschein, wurde am 9. November 1989 ganz unverhofft zur Realität: der Fall der Mauer.

© Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: 1991/2791
Montagsdemonstration Oktober 1989
Ermöglicht hatten diesen Glückstag der deutschen Geschichte vor allem Bürger der DDR. Seit Anfang September 1989 demonstrierte jeden Montag eine zunächst nur kleine Gruppe von Männern und Frauen in Leipzig unter der Parole "Wir sind das Volk" gegen die Parteiherrschaft der SED. Innerhalb weniger Wochen wurde der Ruf der Bürgerbewegung nach freien Wahlen und Reisefreiheit in der gesamten DDR unüberhörbar. Die SED lenkte ein, zu der von den Bürgerrechtlern immer wieder befürchteten Eskalation nach chinesischem Muster kam es nicht. Am Abend des 9. November verlas ein SED-Funktionär auf einer Pressekonferenz vor laufenden Kameras eher beiläufig einen kurz zuvor erhaltenen Beschluss des amtierenden Ministerrats: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen ... beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt". Auf Nachfrage eines Journalisten erklärte er, dass diese Regelung nach seiner Kenntnis "sofort, unverzüglich" in Kraft treten solle. Daraufhin zogen Tausende von Ost-Berlinern an die Grenzübergänge zu West-Berlin. Angesichts des wachsenden Drucks der Menge öffneten DDR-Grenzer kurz vor Mitternacht die ersten Schlagbäume. Damit hatte die Mauer ihre Funktion verloren, das Tor zur deutschen Einheit war weit geöffnet. Der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow hatte die Rahmenbedingungen für revolutionäre Veränderungen im Ostblock toleriert, und Millionen von Menschen haben sie genutzt.

Der 9. November war und ist kein Tag, an dem das "Schicksal" es gut oder schlecht mit den Deutschen meint. Wie an jedem anderen Tag auch, sind die Menschen für ihr Handeln verantwortlich - aber ebenso auch dafür, was sie unterlassen.