Münster. Im Zweiten Weltkrieg war er ein todbringender Gehilfe der Nazis, danach arbeitete er in der Medizinischen Fakultät der Uni Münster. Der ehemalige Chefarzt der Nervenklinik, Dr. Friedrich Mauz, soll als Euthanasie-Gutachter zehntausende Morde ärztlich legitimiert haben. Er war nicht der einzige Arzt an der Uniklinik, der die Nazis unterstützt hat.
Dr. Friedrich Mauz, Nazi-Arzt
© Unbekannt
Der ehemalige Leiter der Nevenklinik der Uni Münster, Dr. Friedrich Mauz, verlieh als Euthanasie-Gutachter dem Mord an zehntausenden Psychiatrie-Patienten ärztliche Legitimation.

War die Medizinische Fakultät der Uni Münster nach 1945 ein Sammelbecken von Ärzten, die dem Rassenwahn der Nazis verfallen waren? Dieser Verdacht erhärtet sich. Den neuesten Hinweis liefert jetzt die Deutsche Gesellschaft für Psychologie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), die dem münsterschen Psychiater Friedrich Mauz die Ehrenmitgliedschaft posthum aberkannt hat.

Die DGPPN macht öffentlich, was bislang nur wenige Fachleute wussten: Der Psychiater Friedrich Mauz, von 1953 bis zu seiner Emeritierung 1968 Leiter der Uni-Nervenklinik Münster, trug während der NS-Zeit zum Massenmord an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen bei. Das ist das Ergebnis einer Untersuchungskommission zur Geschichte der rund 6500 Mitglieder zählenden Fachgesellschaft. Mauz, der 1956/57 auch Dekan der Medizinischen Fakultät war, habe schweres Unrecht begangen.

Worte dieser Klarheit gab es von der Uni Münster bisher nicht - obwohl der hiesige Medizinhistoriker Hans-Peter Kröner den Fall kennt. Kröner informierte schon vor Jahren das Dekanat. Seither gilt Mauz als „Verfechter des NS-Regimes“, wie auf der Internetseite der Uni nachzulesen ist.

Euthanasie-Gutachter

Die ganze Wahrheit ist jedoch weit schlimmer: Mauz hatte sich im Herbst 1940 als Euthanasie-Gutachter anwerben lassen. Er verlieh damit dem Mord an Zehntausenden Psychiatrie-Patienten ärztliche Legitimation. In 25 Fällen soll Mauz als Gutachter direkt beteiligt gewesen sein, heißt es in der neuen Studie.

Hinweise, dass er - wie er später behauptete - die Verfahren verschleppt und sich nur widerstrebend am Genozid beteiligt habe, hat die Kommission unter Leitung des Gießener Medizinhistorikers Volker Roelcke nicht gefunden.

Straßen-Widmung für Nationalsozialisten

Dass Mauz nach dem Zweiten Weltkrieg in Münster Fuß fassen konnte, ist möglicherweise einem Netzwerk von Medizinern geschuldet. „Er war nicht die erste Wahl. Aber wir sind mit unserer Arbeit noch zu Gange“, sagt Medizinhistoriker Kröner, der ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Fakultät leitet.

Strippenzieher bei der Personalie Mauz könnten der Hygieniker Karl-Wilhelm Jötten und Mauz’ Vorgänger Ferdinand Kehrer gewesen sein. Sie sind die einzigen Professoren der Medizinischen Fakultät, die die politischen Umbrüche von 1933 und 1945 ohne Karriereknick überstanden. Bis vor wenigen Jahren galten sie noch als unbelastet. Kehrer war erster Nachkriegsdekan, Jötten ist bis heute eine Straße in Münster gewidmet. Mittlerweile ist bewiesen, dass sich beide dem NS-Regime angedient hatten.

Seit 1937 in der NSDAP

Über den 1979 verstorbenen Mauz hingegen hätte schon zu seiner Zeit bekannt sein müssen, dass er mit den braunen Machthabern paktiert hatte. Er gehörte zu den Unterzeichnern des „Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler“. 1937 trat er in die NSDAP ein. Dennoch gelang es ihm nach 1945, sich als unpolitisch zu stilisieren und im Entnazifizierungsverfahren als „entlastet“ durchzugehen. 1972 wurde er zum Ehrenmitglied der DGPPN ernannt.

Auf die Frage, warum es gerade jetzt zur Aberkennung kommt, sagt DGPPN-Vizepräsident Frank Schneider: „Die deutsche Psychiatrie hat in Sachen Aufarbeitung 70 Jahre lang nichts gemacht.“ Das gilt auch für die Medizinische Fakultät Münster. Erst seit drei Jahren und nur dank Kröners Forschungsprojekt bringt sie jetzt systematisch Licht in ihre dunkle Vergangenheit.