Forscher haben eine neue Methode zur Bekämpfung von Alzheimer entwickelt. Mithilfe von Antikörpern wollen sie Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten reduzieren. Mit ersten Erfolgen ...
Alzheimer ist eine Erkrankung, die bisher nicht aufzuhalten war. Seit langem forschen Wissenschaftler an wirksamen Medikamenten, die den Verlust des Gedächtnisses bei Betroffenen stoppen können. Eine Studie von Forschern aus den USA und der Schweiz, die am Donnerstag (01.09.2016) im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde, macht nun Hoffnung. Dabei wurde eine Methode getestet, bei der Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten bekämpft wurden. Wir haben mit Neurowissenschaftler Roger Nitsch, der die Studie mit Forscherkollegen durchgeführt hat, über die Ergebnisse gesprochen.

WDR: Sie haben eine Methode gefunden, um Alzheimer möglicherweise zu lindern. Wie funktioniert sie?

Roger Nitsch: Es geht um einen Antikörper, der die sogenannten Amyloid-Plaque-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimerpatienten beseitigen kann. Dieser hat die Eigenschaft, sich speziell an diese Ablagerungen zu binden. Den Patienten in der Studie wurde dieser Antikörper alle vier Wochen per Infusion verabreicht. Über den Behandlungszeitraum von einem Jahr hat man eine Reduzierung der Ablagerungen gesehen. Je höher die Dosis, desto stärker war dieser Effekt. Und je länger die Behandlung dauerte, umso mehr Ablagerungen verschwanden.


Kommentar: Es wäre wichtiger die Ursachen zu erkennen, warum überhaupt Alzheimer entsteht, um die Eiweißablagerungen verhindern zu können, bevor diese überhaupt entstehen.

Amyloid-Plaque:

Zu den Hauptmerkmalen der Alzheimer-Krankheit gehört die Anhäufung amyloider Plaques zwischen den Neuronen im Gehirn. Amyloid ist nach Angaben der Alzheimer Forschung Initiative der Oberbegriff für Eiweiß-Fragmente, die der Körper produziert. Beta-Amyloid ist der Teil eines Eiweiß, das aus einem größeren Protein mit dem Namen APP (Amyloid-Vorläufer-Protein) herausgeschnitten wird. Im gesunden Gehirn werden diese Fragmente zersetzt und vernichtet. Bei der Alzheimer-Krankheit aber häufen sie sich zu harten, unauflöslichen Plaques an.
WDR: Wie sind Sie darauf gekommen, dass es diesen Antikörper gibt?

Roger Nitsch: Nach unserer langjährigen Arbeit über die Ursachen von Alzheimer wollten wir die Sichtweise umdrehen. Wenn ein Drittel der 80-Jährigen Alzheimer bekommt heißt das ja auch, dass zwei Drittel es nicht bekommen. Darum wollten wir schauen, ob es unter diesen zwei Dritteln besondere Immunreaktionen gibt, die Alzheimer verhindern können. Dabei haben wir herausgefunden, dass viele dieser Personen Antikörper gegen Amyloid bilden, aber zum Beispiel auch gegen das Tau-Protein, die zweite wichtige Ablagerung bei Alzheimer. So haben wir eine ganz neue Klasse von Medikamenten-Kandidaten herstellen können, die in der klinischen Erprobung sind.

WDR: Wie haben Sie diesen Antikörper entwickelt?

Roger Nitsch: Wir haben dazu Immunzellen von alten Menschen ohne Alzheimer isoliert. Ungefähr 80 Prozent der älteren Menschen haben nachweisbare Immunreaktionen gegen Amyloid. Bei Tausenden solcher Menschen haben wir Untersuchungen angestellt und einen Bauplan ableiten können, wie man diesen Antikörper genetisch bauen kann.
Roger Nitsch

... ist Neurowissenschaftler und Forscher am Institut für Regenerative Medizin der Universität Zürich in der Schweiz. Er ist seit mehr als 20 Jahren in der Alzheimer-Forschung tätig. Nitsch ist Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften.
WDR: Wie sehr haben Sie die Ergebnisse Ihrer Studie überrascht?

Roger Nitsch: Die Studie war zunächst geplant, um überhaupt die richtige Dosis des Antikörpers zu finden. Dass wir diese Wirkungen so wunderbar erreicht haben, war sehr interessant zu sehen. Wir haben auch erste Hinweise auf eine Stabilisierung der Hirnfunktion feststellen können. Die gesamten Ergebnisse haben uns dann sehr positiv gestimmt.

WDR: Welche Nebenwirkungen treten denn bei der Behandlung auf?

Roger Nitsch: Wir haben bei manchen Patienten vorübergehende leichte bis mittelstarke Kopfschmerzen festgestellt. Das ist ein Effekt der Amyloid-Entfernung. Dieser tritt aber nur bei ungefähr jedem zehnten Patienten auf.

WDR: Wie bewerten Sie die Chancen, Alzheimer tatsächlich irgendwann wirksam bekämpfen zu können?

Roger Nitsch: Aktuell läuft die Testung in der Phase drei, bei der 2.700 Patienten an 300 Laboren weltweit einbezogen werden. Wenn die Ergebnisse dieser Studien positiv sein sollten, bin ich davon überzeugt, dass wir ein wirksames Medikament gegen Alzheimer haben. Aber die Studie dauert 18 Monate. Das wird noch ein bisschen dauern.

Das Interview führte Benjamin Esche