Weltweit gab es seit 1970 über 156'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Berlin 2016.
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Europa wurde von 1970 bis Mitte der 90er-Jahre wiederholt von Terrorwellen heimgesucht. Aktuell gilt in einigen EU-Staaten wieder erhöhte Terrorgefahr. Doch das subjektive Gefühl täuscht, dass der Terror in Europa mehr Tote als früher fordert.
Zusammenfassung: In den 70er- bis 90er-Jahren töteten meist europäische Terrorzellen jährlich 100 bis 400 Menschen in Europa. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Attentate in Westeuropa und in der Schweiz stark ab. Von 2001 bis 2015 entfielen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Hauptsächlich aufgrund der Attentate in Paris und Nizza stieg die Opferzahl zuletzt wieder auf rund 150 Menschen pro Jahr, sprich auf das Niveau der 80er-Jahre. Weltweit nimmt der Terrorismus seit 2005 zu - rund 80 Prozent aller Opfer sind Muslime.
Dem subjektiven Gefühl, dass sich Terroranschläge in Westeuropa häufen, stehen die nackten Zahlen gegenüber, die das Gegenteil beweisen. 199 Menschen starben in der EU laut Europol bei Terrorattacken von 2006 bis 2015. Was oft vergessen geht: Bereits in den 80er-Jahren forderte der Terror in Europa jährlich über 150 Opfer. In den 70er-Jahren starben in Westeuropa teils über 400 Menschen pro Jahr bei unzähligen Attentaten.

An das letzte Attentat in der Schweiz mag sich vermutlich kaum mehr jemand erinnern. 1995 erschossen Unbekannte in Genf einen ägyptischen Diplomaten. Es ist bis heute der letzte tödliche Terroranschlag (Amoktaten ausgenommen) auf Schweizer Boden.

1. Terror in Europa von 1970 bis heute

Seit 1970 kommen in Westeuropa immer weniger Menschen durch Terroranschläge ums Leben. Seit rund 20 Jahren sind tödliche Terrorattacken in Westeuropa die traurige Ausnahme.

Bei den Anschlägen in Paris und Nizza wurden 223 Menschen getötet, Hunderte weitere teils lebensgefährlich verletzt. Allerdings gab es in der EU seit elf Jahren kein Attentat, das eine vergleichbare Opferzahl forderte. 2004 liessen bei mehreren Bombenexplosionen in einem Vorortszug in Madrid 191 Menschen ihr Leben (siehe folgende Grafik).

In jüngerer Zeit, sprich von 2001 bis 2015, beklagte Westeuropa insgesamt 584 Terroropfer, wenn auch Amokläufe einbezogen werden. Zählt man die Anschläge in diesem Jahr dazu, kommt man auf 726 Tote. In den 70er- und 80er-Jahren starben teils in einem einzigen Jahr über 400 Menschen durch Terror.
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Die meisten europäischen Terrororganisationen des letzten Jahrhunderts haben sich aufgelöst oder den bewaffneten Kampf aufgeben. Das widerspiegelt sich in den Opferzahlen, die in Europa seit den 90ern stark gesunken sind.
Die jährlichen Europol-Berichte zeigen das gleiche Bild: Vor zehn Jahren gab es fast 500 terroristische Vorfälle pro Jahr in Europa, also mehr als ein Vorfall pro Tag und mehr als 700 Verhaftungen. Die überwiegende Mehrheit davon betraf Vorfälle mit Sachbeschädigungen, die nicht auf Menschenleben abzielten. Der Europol-Bericht 2014 listet noch 152 Anschläge mit sieben Toten auf. Die allermeisten als Terrorattacken registrierten Vorfälle richten sich also nicht gegen Menschen. Der neuste Europol-Bericht 2015 verzeichnet 211 Vorfälle mit 151 Toten, davon 148 bei den Paris-Attentaten.

Terroristische Vorfälle in der Schweiz von 1970 bis 2015
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Wie in Europa nehmen auch in der Schweiz als terroristisch eingestufte Vorfälle ab. Nach einem Hoch um 1980 gibt es inzwischen null bis drei Ereignisse jährlich, die seit 1995 allesamt nicht tödlich endeten.
2. Warum der Terror Westeuropa nur noch sporadisch heimsucht

Es ist noch nicht allzu lange her, da gehörten Terroranschläge in Teilen Europas zum Alltag: Terroristische oder separatistische Organisationen wie die katholische IRA in Nordirland, die baskische ETA in Spanien, die linksextreme RAF in Deutschland, die kommunistischen Roten Brigaden und die neofaschistische Ordine Nuovo in Italien sowie weitere nichteuropäische Terrorzellen brachten in den 70er- und 80er-Jahren teils mehrere Hundert Europäer um - pro Jahr.

Der Terror verlagerte sich von Europa in den Nahen Osten
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In den 70er- und 80er-Jahren waren die Zentren des Terrors Europa, Südamerika und Südasien, in den vergangenen Jahren der Nahe und Mittlere Osten sowie Nordafrika. (Die animierte Grafik finden Sie hier)
Nordirlandkonflikt: 3500 Tote

Während des Nordirlandkonflikts der Jahre 1969 bis 1998 starben primär in Grossbritannien und Nordirland rund 3500 Menschen - viele davon nach Terroranschlägen durch die katholische Irisch-republikanische Armee (IRA), die protestantische Ulster Defence Association (UDA) und anderer krimineller Untergrundorganisationen. Insgesamt gab es in den knapp 30 Jahren des Terrors über 10'000 Bombenattentate.
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Das Stadtzentrum von Manchester nach einem Bombenanschlag der IRA 1996 (links) und nach dem Wiederaufbau im Jahr 2014 (rechts).
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1984 sprengte die katholische Terrorgruppe IRA ein Hotel im englischen Brighton in die Luft, in dem Premierministerin Margaret Thatcher weilte.
Bei Bombenanschlägen der IRA gegen die britische Armee sowie Geschäfte und Firmen kamen auch immer wieder Zivilisten zu Schaden.
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1972 tötete eine Autobombe der IRA im Stadtzentrum von Belfast sieben Menschen, 148 wurden verletzt.
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Am 8. März 1973 explodiert in Whitehall, Grossbritannien, eine Autobombe. Mit Terroranschlägen wie diesem rächte sich die Irisch-republikanische Armee (IRA) für den Bloody Sunday im nordirischen Derry, bei dem die britische Armee 14 unbewaffnete Katholiken getötet hatte.
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1987 tötete eine IRA-Bombe im nordirischen Enniskillen elf Menschen, die eine Militärparade verfolgten, 63 weitere wurden verletzt.
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Die Edward Street in Portadown, Nordirland, am 24. Februar 1998: Eine gewaltige Autobombe legte die Strasse in Trümmer. Die IRA bestritt, für die Explosion verantwortlich zu sein.
Nach dem fast drei Jahrzehnte dauernden Machtkampf zwischen den zwei Bevölkerungsgruppen haben sich die Protestanten und Katholiken Nordirlands am 10. April 1998 auf ein Friedensabkommen geeinigt. Die radikale Splittergruppe Real Irish Republican Army führt den Kampf mit Bombenanschlägen bis heute weiter.
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Beim schwersten Bombenanschlag im Nordirlandkonflikt werden am 15. August 1998 in der nordirischen Kleinstadt Omagh 29 Menschen getötet und 220 verletzt. Zum Attentat bekannte sich die Wahre IRA, eine Abspaltung der IRA, die den Friedensprozess ablehnt.
Baskenlandkonflikt: Mehr als 800 Tote

Die Euskadi Ta Askatasuna, kurz ETA, kämpft in Spanien seit 1959 als separatistische Untergrundorganisation mit Terroranschlägen für ein unabhängiges Baskenland. Bis 2009 wurden von der ETA 823 Menschen getötet.
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Eines ihrer verheerendsten Attentate verübte die ETA am 11. Dezember 1987 mit einer Autobombe auf eine Kaserne der Guardia Civil in Saragossa. Elf Menschen starben, darunter fünf Kinder
Lockerbie-Anschlag: 270 Tote

270 Menschenleben forderte 1988 der Sprengstoffanschlag auf ein Flugzeug der US-Fluglinie Pan Am über dem schottischen Lockerbie. Der frühere libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi soll das Attentat persönlich angeordnet haben.
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1988 wurde ein US-Flugzeug nach der Explosion von 340 bis 450 Gramm Plastiksprengstoff über Schottland zerstört.
Bei dem Attentat kamen alle 259 Passagiere sowie elf Bewohner Lockerbies ums Leben. Mit 189 toten US-Amerikanern galt er bis zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als verlustreichster Anschlag gegen US-Bürger.

Bombenanschlag in Bologna: 85 Tote

1980, bei einem nicht restlos geklärten Anschlag auf den Hauptbahnhof in Bologna, starben 85 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Es war bis heute einer der folgenschwersten Terroranschläge im Nachkriegseuropa. Zunächst wurden die linksextremen Roten Brigaden beschuldigt. Nach jahrelangen Ermittlung zeigte sich jedoch, dass die Tat von Neofaschisten ausgeführt wurde, die Verbindungen zum italienischen Militärgeheimdienst und der paramilitärischen Einheit Gladio pflegten. Wie eng die Kontakte zur CIA und NATO waren, ist bis heute umstritten. Italien machte stattdessen die neofaschistische Terrororganisation Ordine Nuovo, beziehungsweise deren Splittergruppe NAR verantwortlich.
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Bei einem blutigen Bombenanschlag mit 85 Toten verwüsteten Neofaschisten am 2. August 1980 den Hauptbahnhof der norditalienischen Stadt Bologna.
Arabischer Terror in der Schweiz: 47 Tote

Am 21. Februar 1970 explodierte - kurz nach dem Start in Zürich - im Frachtraum einer Swissair-Maschine ein Bombe, die von palästinensischen Terroristen gelegt wurde. Der Captain versuchte nach der Detonation nach Zürich zurückzufliegen, das Flugzeug stürzte jedoch bei Würenlingen in einem Wald ab. Die 38 Passagiere und die neun Besatzungsmitglieder kamen beim Absturz ums Leben.
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1970 forderte das Attentat auf den Swissair-Flug 330 47 Menschenleben: Das Bild zeigt die Trümmer des Flugzeuges in der Swissair-Werft in Kloten.
Die Ursache des Absturzes war ein Anschlag, der eigentlich gegen die israelische Fluggesellschaft El Al gerichtet war. Da ein Flug von München nach Tel Aviv in Israel Verspätung hatte, wurde die für diesen El-Al-Flug bestimmte Postsendung auf den Swissair-Flug umgeleitet. In diesem Paket befand sich die Bombe.

Lesetipp: Die NZZ beleuchtet in der vierteiligen Serie «Arabischer Terror in der Schweiz» drei Anschläge, die unser Land in den Jahren 1969 und 1970 erschütterten.

Rote Armee Fraktion in Deutschland: 34 Tote

Die Rote Armee Fraktion (RAF) war eine linksextreme terroristische Vereinigung in Deutschland, die in den 70er- und 80er-Jahren 34 Menschen ermordete. Bei Sprengstoffattentaten wurden zudem über 200 Menschen verletzt, viele der Opfer waren Polizisten und Soldaten sowie Führungskräfte in Politik und Wirtschaft.
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Am 5. September 1977 wurde der deutsche Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer von einem Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) entführt. Die Leichen der dabei getöteten Begleitpolizisten liegen auf der Strasse.
Olympia-Attentat in München: 17 Tote

Die palästinensische Terrorgruppe Schwarzer September begann als kleine Zelle von Fatah-Anhängern. Anfang der 1970er-Jahre verübte sie mehrere Anschläge in Europa, etwa an den Olympischen Sommerspielen in München oder am Flughafen von Athen.
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Olympia-Attentat 1972
Beim Olympia-Attentat in München von 1972 stürmten acht bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September das Wohnquartier der israelischen Mannschaft und nahmen elf Sportler als Geiseln.

Zwei Geiseln wurden bereits im Olympischen Dorf ermordet. Bei einem schlecht geplanten Befreiungsversuch auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck starben am selben Abend alle verbliebenen neun Geiseln, ein deutscher Polizist und fünf der Terroristen. Unterstützt wurden die palästinensischen Terroristen laut deutschen Behörden von Helfern aus der Neonazi-Szene.

Zusammengefasst in einer Grafik sieht die Terror-Statistik für Westeuropa für die letzten 46 Jahre wie folgt aus:

Terroropfer in Westeuropa nach Ländern von 1970 bis 2016
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*2016 starben weitere 12 Menschen bei einem Anschlag mit einem LKW in Berlin. Diese Opfer sind in der Grafik noch nicht enthalten.
3. Seit 2005 nimmt der Terror weltweit zu, zuletzt auch wieder in Westeuropa

Bei allen Terrorakten seit 2001 sind rund 155'000 Menschen getötet worden. Nur 0,3 Prozent der Anschläge fanden in Europa statt. Die folgende Grafik zeigt, wie sich die Anzahl terroristischer Vorfälle weltweit (rote Kurve) und in Europa (blaue Kurve) seit etwa 2005 auseinander bewegt.
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Hunderte Anschläge jährlich in Afghanistan, später im Irak und nun auch in Syrien und der Türkei lassen die rote Kurve (Attentate weltweit) massiv steigen. Westeuropa (blaue Kurve) verzeichnet trotz Paris, Nizza oder Berlin keine vergleichbare Zunahme.
Seit 2011 steigt die Zahl der Attentate sprunghaft an. Das liegt einerseits an schlagkräftigen Organisationen wie Boko Haram und dem sogenannten «Islamischen Staat» («IS»). Andererseits werden Terroranschläge seit 2012 mittels Computerprogrammen automatisch erfasst - und so bleiben immer weniger Attentate unbemerkt.

Die Datenbank «Global Terrorism» der Universität Maryland verzeichnet für das Jahr 2001 weltweit 1908 Anschläge (davon 771 mit Toten). Im gleichen Jahr gab es in Westeuropa 19 tödliche Anschläge. 2014 stieg die Zahl weltweit auf 16'840 Anschläge, davon 6334 mit Toten. Westeuropa verzeichnete 3 tödliche Anschläge. Die folgende Tabelle zeigt die konkreten Zahlen für die Jahre 2001 bis 2015.
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Während der Terror weltweit gesehen auf dem Vormarsch ist, bleiben Anschläge mit Toten in Westeuropa seit 2001 auf vergleichsweise tiefem Niveau.
Wer glaubt, dass wir in der oben stehenden Grafik die Balken für Westeuropa vergessen haben, ist schief gewickelt. In der EU gibt es seit 2001 so wenig Anschläge mit Toten pro Jahr, dass das Statistik-Programm schlicht keine Balken zeichnen kann.

Seit 2011 massiv mehr Terroropfer ausserhalb Europas

Mehr Terroranschläge ausserhalb Westeuropas fordern auch mehr Terroropfer. Die Zahl nimmt seit 2011 global betrachtet rasant zu. Wie erwähnt liegt dies auch daran, dass die tödlichen Anschläge seit 2012 automatisiert und somit genauer registriert werden.
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Seit 2011 sterben weltweit massiv mehr Menschen durch Terror. 2014 ist die Opferzahl auf über 30'000 gestiegen. 2015 gab es erstmals seit vier Jahren wieder weniger Terrortote.
In Westeuropa forderte der Terror in den letzten 15 Jahren oft weniger als zehn Menschenleben pro Jahr. Allerdings gibt es auch immer wieder blutige Jahre: 2004 liessen bei mehreren Bombenexplosionen in Madrid 191 Menschen ihr Leben. 2005 starben beim Anschlag auf die Metro in London 52 Menschen. 2011 tötete der Norweger Anders Behring Breivik 77 Menschen in Norwegen. 2015 und 2016 töteten Terroristen in Paris, Brüssel, Nizza und Berlin fast 300 Menschen. Diese und kleinere Anschläge zeigen, dass Terroristen in den letzten Jahren immer wieder tödlich zuschlagen konnten.

2015 und 2016 forderte der Terror auch in Westeuropa einen höheren Blutzoll als in den Jahren zuvor, verglichen mit früheren Jahrzehnten und anderen Weltregionen sind die Opferzahlen aber gering. Da das Risiko bei uns durch die Hand von Terroristen zu sterben insgesamt äusserst gering ist - vermutlich auch weil geplante Anschläge teils vereitelt werden - erscheinen einzelne Attentate als Ausreisser in der folgenden Grafik.
© watson / global terrorism database
726 Opfer forderte der Terror zwischen 2001 und 2016 in Westeuropa. Auf dem Höhepunkt des Terrors in Europa in den 70er- und 80er-Jahren starben teils in einem einzigen Jahr über 400 Menschen.
2016 (Nizza, Brüssel, Berlin) und 2015 (Paris) werden nach 2011 (Oslo), 2005 (London) sowie 2004 (Madrid) als schwarze Jahre in Europas jüngste Terror-Geschichte eingehen. An der langjährigen Tendenz, dass Westeuropa nach den Terrorwellen in den 70er- bis 90er-Jahren heute deutlich weniger Opfer zu beklagen hat, ändert dies zurzeit wenig. Dieser Fakt soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Terrorgefahr in Europa wieder erhöht ist. Es gibt in Westeuropa nicht mehr Anschläge als früher, im Gegenteil. Aber die wenigen Anschläge fordern pro Attentat mehr Opfer als früher. Europol warnt denn auch vor jihadistischem Terror durch zurückgekehrte «IS»-Kämpfer. Zudem würden nationalistische, rassistische und antisemitische Gefühle in Europa rasant zunehmen und damit zu rechtsextremen Terrorakten führen.

Die folgende Grafik zeigt im Detail, wie viele Menschen seit 2001 jährlich bei Terroranschlägen starben.
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Von 2001 bis 2015 entfallen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Von 164 Getöteten im Jahr 2015 starben rund 150 bei den Anschlägen in Paris.
Der Vergleich mag hinken, ist aber trotzdem interessant: Allein in der Schweiz starben zuletzt rund 300 Menschen jährlich im Strassenverkehr. Dem Terror zum Opfer fielen bei uns seit 1898 insgesamt 60 Menschen, seit 1995 niemand mehr - sofern Amokläufe nicht mitgezählt werden. Am 27. September 2001 erschoss Friedrich Leibacher während einer Sitzung des Zuger Kantonsrates drei Regierungsräte und elf Kantonsräte. Diese Amoktat wird in der Global Terrorism Database als letztes Terrorereignis in der Schweiz geführt. Ob eine Tat ein politisch-ideologisch motivierter Terroranschlag oder ein wahnhafter Amoklauf ist, lässt sich manchmal nur schwer sagen.

In diesen Ländern gibt es am meisten Terroropfer
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Zwischen 2001 und 2014 sind in 22 Ländern jeweils mehr Personen umgekommen als in ganz Westeuropa (420 Opfer) zusammen.
Mit Abstand am gefährlichsten lebte es sich über die letzten 15 Jahre gesehen im Irak, gefolgt von Afghanistan, Pakistan, Nigeria, Indien und Syrien. Der Irak litt mit 8797 Attacken und 42'760 Toten am meisten unter dem Terror - fast jedes dritte Opfer stammt aus dem Irak. Zum Vergleich: Europa beklagte im selben Zeitraum 420 Terroropfer (0,3 Prozent). In der oben stehenden Grafik fehlen die USA mit 3047 Opfern.
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Der grosse Kreis symbolisiert die Opfer weltweit. Der kleine Kreis die Opfer in Westeuropa.
Das sind die gefährlichsten Terrororganisationen

In den vergangenen 45 Jahren gab es mehr als 2700 aktive Terrorgruppen. Am meisten Anschläge verübt hat die Gruppe Leuchtender Pfad aus Peru, gefolgt von den Taliban in Afghanistan und der FARC in Kolumbien. In Europa haben ETA und IRA je knapp 2000 Mal zugeschlagen.
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Anzahl Terroranschläge seit 1970.
Seit 2001 haben die Taliban mit über 12'000 Ermordeten am meisten Menschen auf dem Gewissen, vor den Islamisten von Boko Haram in Nigeria, dem «IS» im Irak und Syrien sowie al-Kaida. Die einzige nicht islamistische Terrororganisation in den Top Fünf seit 2001 ist eine kommunistische Terrorgruppe in Indien.

Was im Westen oft vergessen geht: Die übergrosse Mehrheit der Menschen, die von radikalen Muslimen getötet werden, sind selbst Muslime - etwa 80 Prozent.
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Etwa 80 Prozent der Opfer islamistischer Anschläge sind Muslime, schätzen Wissenschaftler.
Islamistischer Terror in Europa fordert mehr Tote als nicht-islamistische Attentate

In Westeuropa wurden von 2001 bis 2015 insgesamt 95 Anschläge verübt, bei denen jeweils mindestens eine Person starb. Mit den Attacken in Brüssel, Nizza und Berlin von 2016 kommt man auf 726 Opfer.
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In Europa sind von 2001 bis November 2015 611 Personen bei Attentaten umgekommen. 419 davon bei Anschlägen mit islamistischem Hintergrund (rote Balken).
Zwar gab es in Europa seit 2001 überwiegend Terrorattacken ohne islamistischen Hintergrund, islamistisch motivierte Attentate forderten aber weit mehr Tote. Dieser Trend hat sich 2016 mit den Attentaten in Brüssel, Nizza und Berlin fortgesetzt.

Politisch motivierter Terror nimmt ab, religiöser zu

Der politisch motivierte Terror von Separatisten, etwa im Baskenland, auf Korsika oder i n Nordirland, bleibt zwar virulent, forderte aber in den letzten Jahren vergleichsweise wenig Opfer. In der EU und in Frankreich werden seit 2007 immer weniger Menschen wegen politisch motiviertem Terror verhaftet.
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In der EU und in Frankreich nehmen Verhaftungen von mutmasslich politisch motivierten Terroristen ab.
Umgekehrt werden insbesondere in Frankreich seit 2012 mehr Menschen wegen religiös motivierten Terrorplänen verhaftet. Einige Terrorexperten machen in diesem Kontext auf die überproportional grosse Zahl an Dschihadreisenden aus Frankreich aufmerksam - geschätzt 1500 - die für den «IS» kämpfen sollen.
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In der EU und in Frankreich nehmen Verhaftungen von mutmasslich religiös motivierten Terroristen zu.
Das Fazit

Terror-Warnkarten, wie diese einer britischen Boulevardzeitung, lassen vermuten, dass in Frankreich und Spanien hinter jeder Ecke ein Terrorist lauert und Deutschland oder Italien gefährliche Reisedestinationen sind.
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Unsinnige Terrorwarnkarte: Das Risiko auf dem Weg zum Flughafen im Auto zu sterben ist zig Mal grösser, als in einer europäischen Feriendestination durch einen Terroristen umzukommen.
Die Wahrscheinlichkeit in Europa Opfer eines Terroranschlags zu werden, liegt bei 0,002 Prozent. In der Schweiz ist das Risiko noch geringer.
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England, Frankreich, Spanien oder Australien haben laut dieser Warnkarte die gleiche Terror-Gefahrenstufe wie der Irak und Syrien. Auch so kann man Terrorangst schüren und dann nach mehr staatlicher Überwachung des Handy- und Internetverkehrs rufen.
Befragungen zeigen immer wieder, dass die statistisch gesehen minimale Terrorgefahr massiv überschätzt wird, wofür es eine plausible Theorie gibt: Da Terroranschläge - sofern sie wie in Paris oder Berlin in unserer Nähe stattfinden - die Menschen massiv mehr interessieren als «gewöhnliche» Unfälle oder Naturkatastrophen, informieren Medien ausgiebig über Attentate. Spektakuläre Ereignisse wie 9/11 oder der Germanwings-Absturz bleiben zudem länger in Erinnerung, was uns das Risiko für Attentate oder einen Flugzeugabsturz überschätzen lässt. Umgekehrt unterschätzen wir die Gefahr, im Strassenverkehr, bei einem Berufsunfall oder durch einen Wespenstich zu sterben, da über unspektakuläre Ereignisse weniger informiert wird.
Woher stammen die Daten?

Aus der Global Terrorism Database der University of Maryland (USA), die bei der Analyse von Terrorismus mit dem Heimatschutzministerium der Vereinigten Staaten zusammenarbeitet. Die Entscheidung, wer Terrorist ist, wird deshalb aus der Sicht der US-Regierung gefällt. Die Global Terrorism Database enthält umfassende Informationen zu weltweiten Terrorakten von 1970 bis 2015. Terror wird definiert als ein gewalttätiger, illegaler Akt eines nichtstaatlichen Akteurs gegen Zivilisten, Polizei, Militär, Unternehmen, religiöse Institutionen und andere Ziele. Ein Bombenanschlag oder eine Amoktat wird also ebenfalls als Terrorakt bezeichnet, selbst wenn es keine Toten gibt. Staaten sind als Akteure ausgenommen. Das heisst etwa, dass ein Angriff Assads auf die syrische Bevölkerung oder ein US-Drohnenangriff mit zivilen Opfern nicht als Terrorakt registriert wird.
Hinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 verfasst worden. Aus aktuellem Anlass haben wir ihn jetzt aktualisiert und nochmals publiziert.