Während Russland die Mechanismen des Völkerrechts und des damit verbundenen internationalen Regelwerks einfordert, offenbart der Westen nach wie vor Kreuzzugsmentalität. Vor allem die islamische Welt, wie wir sie kannten, gerät so unter die Räder.
Kul-Scharif-Moschee
© Sputnik/Nik PavlovBild: Kul-Scharif-Moschee in Kasan
Die Außenpolitik der Russischen Föderation lässt sich im Wesentlichen als pragmatische Verteidigung eigener Interessen sowie jener verbündeter Nationen beschreiben. Dabei ist Russland bemüht, all seine Entscheidungen und Veranlassungen im Rahmen des Völkerrechts zu verfolgen und das dafür vorgesehene internationale Regelwerk zu beachten.

Moskau hält die Vereinten Nationen trotz aller Mängel für das am besten geeignete Forum, innerhalb dessen solche Fragen geklärt werden. Das ist beispielsweise etwas, das Russland von den USA unterscheidet, wo die UNO vor allem als potenzielle Gefahr für die eigene Souveränität wahrgenommen wird. Entscheidungen, die den eigenen Interessen nicht als dienlich erscheinen, ziehen in den USA regelmäßig Debatten über einen Austritt oder die Verweigerung von Beiträgen nach sich.

Der kürzlich verstorbene russische UN-Botschafter Witali Tschurkin ist seinen Kollegen in den UN mit seiner Rhetorik und seinem Abstimmungsverhalten dauerhaft in Erinnerung geblieben - als ein Vertreter, der aus dem Grunde seines Herzens davon überzeugt war, dass die Vereinten Nationen die Chance bieten, die Welt zu einem besseren und friedlicheren Ort zu machen.

Dem russischen Bestreben, zum Wohle der Einheit und Durchsetzung des Völkerrechts mit allen Kräften um eine diplomatische Verständigung in der UNO zu ringen, steht eine westliche Praxis gegenüber, notfalls die eigenen Interessen auch auf eigene Faust durchzusetzen, sobald sich eine Rückendeckung auf der Ebene der Vereinten Nationen nicht bewerkstelligen lässt.

Syrien ist ein frappierendes Beispiel dafür. Ohne erkennbare völkerrechtliche Grundlage fliegt etwa Israel Luftangriffe auf Ziele in Syrien, lässt US-Präsident Donald Trump Raketen auf einen syrischen Militärflughafen abfeuern, sind US-amerikanische, türkische, saudische, katarische, britische, niederländische, deutsche Soldaten und Kampfpiloten auf syrischem Territorium präsent. Von Terroristen, die den Rückhalt westlicher Länder genießen, ganz zu schweigen. Andere Beispiele für illegale Kriege bieten etwa der Ex-Jugoslawien, der Irak und Libyen. Regelmäßig enden diese in Chaos und Bürgerkriegen.

Eroberungspolitik von Ideologie statt von Ethik getrieben

Die Politik des Westens folgt einer unrühmlichen Tradition, die sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt: dem Kreuzzug. Sie ist von dem Gedanken beseelt, dass Gewalt legitim ist, wenn es darum geht, ein Ziel zu verfolgen, das man für ausreichend würdig hält. Nicht das Gesetz oder ethische Erwägungen bestimmen dabei, wann ein Krieg gerechtfertigt ist, sondern Ideologie.


Kommentar: und zwar eine psychopatische Ideologie:


Die westliche Kirche des Mittelalters sah es als ein legitimes Ziel an, die Länder der "Ungläubigen" zu erobern und zu befrieden, um diesen anschließend ihre eigenen Vorstellungen von Heiligkeit und dem rechten Gottesdienst aufzuzwingen. Der Vierte Kreuzzug in den Jahren 1202 bis 1204 endete damit, dass sich der "heilige Krieg" unter dem Banner der Römisch-Katholischen Kirche nicht nur gegen Heiden, Muslime und Juden, sondern auch gegen Christen selbst richtete. Der Eifer der lateinischen Eroberer schwächte am Ende auch das Griechisch-Orthodoxe Byzantinische Reich in einem so starken Ausmaß, dass es den Türken nur wenige Jahrhunderte später gelang, Konstantinopel zu erobern, sondern auch Griechenland dem Osmanischen Reich zu unterwerfen.

Die Kirche hat im Westen heute als eigenständiger Machtfaktor keine Bedeutung mehr. Die Kreuzzugsmentalität, der Drang, das Gute oder was man dafür hält auch dem Rest der Welt notfalls gegen dessen Willen aufzudrängen, ist allerdings auch unter säkularen Vorzeichen erhalten geblieben. Hatte der Westen früher Religionskriege geführt, will er die Welt mit einer ähnlichen ideologischen Strategie unter weltlichen Voraussetzungen zwangsbeglücken und handelt dabei nach dem Grundsatz: Regime Change überall, zu jeder Zeit, egal ob mit oder ohne Zustimmung gesetzlich vorgesehener Autoritäten.

Einer religiösen Grundlage für diese Form der Zwangsbeglückung bedarf es spätestens seit der Französischen Revolution nicht mehr, als die Jakobiner erst die Bauern der Vendée mit Feuer und Schwert "bekehrten" und ihre Epigonen durch das späte 18. und das darauffolgende 19. Jahrhundert hindurch andere europäische Länder mit Waffengewalt dazu zwingen wollten, die vermeintlichen Segnungen des revolutionären liberalen Humanismus anzunehmen.

Regime-Change-Politik zerstört jahrhundertealte soziale Gefüge

Der weltrevolutionäre ideologische Bekehrungseifer hatte auch vor Russland nicht Halt gemacht, als der marxistische Atheist Leo Trotzki in ähnlicher Weise zu der Überzeugung gelangte, seine Ideen wären so gut, dass sie für die ganze Welt verpflichtend sein sollten. Der Trotzkismus selbst führte als solcher nach dessen Ableben eher ein Schattendasein. In trotzkistischen Gruppen und Sekten begannen aber nicht wenige Intellektuelle ihre Laufbahn, die heute als neoliberale Interventionisten und neokonservative Eiferer Krieg und Regime Change als ideale Mittel zur Umwälzung nicht genehmer Staatswesen betrachten.

Der mutwillige Sturz legitimer arabischer Regierungen unter dem Banner der säkularen Religionssurrogate wie "Demokratie", "Menschenrechte" oder "westliche Werte" hat neben Leid und Chaos vor allem etwas bewirkt, was nicht einmal die Kreuzzügler des Mittelalters zu bewerkstelligen wussten. Der westliche Interventionseifer hat Länder zerstört, in denen Christen, Muslime und Angehörige anderer Religionen über Jahrhunderte hinweg weitgehend friedlich zusammengelebt hatten.

Die westlichen Eiferer haben friedliche muslimische Nationen in blutige Kriege gestürzt, sodass diese am Ende für sunnitische Muslime, Schiiten und Christen gleichermaßen zu gefährlichen Orten geworden sind. Vor allem ist an die Stelle der oft seit Jahrhunderten dort beheimateten islamischen Gemeinden, die ihre Religion im Einklang mit gewachsenen lokalen Traditionen gepflegt hatten, ein islamisch maskierter neuer Jakobinismus gerückt.

Jakobinischer Islam tritt an die Stelle des traditionellen

Der Irak und Libyen sind zu Brutstätten für wahhabitischen und salafistischen Islam geworden, deren letzte logische Konsequenz der Terrorismus ist. Vor den westlichen Interventionen hatten solche Organisationen in diesen Ländern kaum einen Fuß auf den Boden gebracht. Auch Syrien führt seit sechs Jahren einen Abwehrkampf gegen Terroristen, die auf Verstärkung und Geld aus allen Ecken der Welt zählen können. Während der lokal verwurzelte, friedfertige Islam unter die Räder kommt, gewinnen dessen extremistische Ausformungen an Raum, die auf Grund ihrer Barbarei und ihrer Menschenverachtung die gesamte Religion in Verruf bringen.

Russland bildet keine Allianzen und außenpolitische Strategien auf der Basis religiöser Erwägungen. Paradoxerweise ist Moskau aber in den letzten Jahren zwangsläufig eine Position als Verteidiger des Glaubens zugewachsen.

Weil Moskau nicht der westlichen Strategie folgt, sich selbst unter dem Banner der Verbreitung liberal-demokratischer Werte auf militärischem Wege direkten Zugang zu den Ressourcen anderer Länder zu erzwingen, steht Russland für den Erhalt eines friedlichen Status quo in jenen Staaten der arabischen Welt, die bei allen Mängeln doch eine säkulare Ordnung aufweisen. In diesen hat jeder die Freiheit, religiösen Aktivitäten nachzugehen oder nicht nachzugehen, wie es ihm beliebt, unabhängig davon, welchem Glauben er angehört und wie stark er diesem verbunden ist.


Schon als orthodox-christliches Staatswesen früherer Jahre hatte sich Russland nie in Kreuzzugsbestrebungen hineinziehen lassen, wie sie imperiale katholische Staaten praktiziert hatten, beispielsweise Spanien mit seinen Konquistadoren, das sich rücksichtlos Ländereien und bei dieser Gelegenheit auch deren heidnische Einwohner unterwarf.

Gesellschaftsfrieden als Voraussetzung für Funktionieren eines Gemeinwesens

Nach den Jahren einer tiefgreifenden spirituellen Krise, die in den 1990er Jahren sowohl theoretisch als auch praktisch alle Lebensbereiche erfasst hatte, haben die Putin-Jahre Russland innere Stabilität und Wohlstand wiedergegeben. Auf diese Weise ist es weitgehend gelungen, den Gesellschaftsfrieden wiederherzustellen, was es Russland erlaubt hat, sich wieder seinem Erbe als größtes orthodoxes Land der Erde zuzuwenden.

Viele fordern nun, Russlands primäre Aufgabe wäre es, seine christlichen Brüder in aller Welt zu verteidigen. Der strategische Ansatz Moskaus ist jedoch ein anderer. Russland verteidigt seine Verbündeten gegen Aggressionen und nimmt auf diese Weise seine Tradition als Verteidiger des Glaubens wahr. Russland verteidigt dabei aber nicht nur den orthodoxen Glauben.

Russland verteidigt damit vor allem auch Muslime in aller Welt, in einer Zeit, da westliche Angriffskriege vor allem Länder mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung treffen und im Westen selbst Politiker wie Geert Wilders auf aggressive und pauschale Weise kollektiv den Islam und die Muslime herabwürdigen.

Es gilt jetzt für Russland, einer muslimischen Welt, die der Westen bombardiert und die von saudischer Propaganda überschwemmt wird, deutlich zu machen, dass es ein ehrlicherer Verteidiger des Islam ist als jede andere größere Macht auf der Welt. Dies kann Russland auch belegen mit dem Verweis auf seine Bilanz der Rechtschaffenheit in auswärtigen und völkerrechtlichen Belangen und mit Verweis auf eine christliche Tradition, die Europa und weithin auch Amerika bereits weitgehend über Bord geworfen haben.