Feuersbrunst, Flut und Himmelskrieger: Das "Wunderzeichenbuch" aus dem 16. Jahrhundert zeigt Szenen des Weltuntergangs. Es war jahrhundertelang verschollen und ist erst kürzlich wieder aufgetaucht. Jetzt wurde es als Druck herausgegeben. Seine Geschichte gibt Rätsel auf.

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Hagel in Dordrecht (Originaltext aus dem Buch der Wunder): 1552 nach Christus, am 17. Mai, ist ein solch grausames Unwetter mit Hagel zu Dordrecht in Holland niedergegangen, dass die Leute gedacht haben, es käme der jüngste Tag. Und es hat etwa eine halbe Stunde gedauert. Etliche der Steine haben ihre schweren Pfund und 8 Lot. Und wo sie herabgefallen sind, haben sie grausam übel gestunken.
Die Sonne verfinstert sich, ein Sturm zerreißt das Land, Feuer, Steine und Blut regnen aus schwarzem Himmel, Erdbeben verschlucken Dörfer und Städte: Der Mensch ist kreativ, wenn er an das Ende der Welt denkt. Und das früher noch mehr als heute: Das Augsburger "Book of Miracles" (deutscher Titel: "Wunderzeichenbuch") zeigt, wie sich die Menschen von der Antike bis zur Renaissance das Ende aller Dinge vorstellten. In der Regel: furchterregend. Nur wenige positive Himmelserscheinungen stehen dazwischen.

"Das Buch hat etwas Seltsames an sich", sagt der Kunsthistoriker Joshua P. Waterman. Geschaffen wurde es 1552, vermutet er. Darauf deuten die Datierungen verschiedener Zeichnungen hin, außerdem häufig erwähnte Künstler wie Hans Burgkmair der Ältere.

Derartig wertvolle Bücher habe es damals vor allem zu religiösen Themen gegeben, oder für Familien und ihre Wappen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Till-Holger Bochert hat Waterman das Faksimile herausgegeben und kommentiert. Auf 167 Seiten zeigt das Augsburger "Wunderzeichenbuch" Illustrationen dieser Ängste. Im Begleitband erzählen die Autoren die Geschichte der Wunderzeichnungen.

Und in dieser Geschichte, weiß Waterman zu berichten, gibt es noch einige Fragezeichen. Das Buch tauchte 2008 auf, das Münchner Auktionshaus Ruef verkaufte es nach London. Schlussendlich kaufte es ein amerikanischer Sammler.

Wer es einst in Auftrag gab, wer es dann malte und wo es zwischendurch war, das sind die Unbekannten in dieser Geschichte. Das Auktionshaus hält sich bislang bedeckt, und so endet die Spur des Buches in München.

Blitzeinschläge, Kometen und das Unbekannte an sich galten als Strafe Gottes, oder als Omen für schlimmeres Urteil. Schon das alte Testament lehrt dies, angefangen bei der Sintflut, später das Erdbeben bei der Kreuzigung Jesu. Die Sonne wird in Finsternis verwandelt, der Mond in Blut, so kündigt es die Bibel an. Hungersnöte, Seuchen, Heuschreckenplagen, und die Sterne fallen vom Himmel. Viele dieser Zeichnungen wurden als Flugblätter verteilt. Und viele Phänomene soll es tatsächlich gegeben haben, sagt Waterman. Das zehnköpfige Monster mit Hörnern und Krone aber wohl eher nicht.


Kommentar: In Zeiten mit vielen Kriegen in denen die herrschenden Eliten die Menschen drangsalierten, traten gehäuft Naturkatastrophen und Seuchen auf. In diesen vergangenen Zeiten verstanden die Menschen, dass der menschliche Geist und die Zustände der kollektiven menschlichen Erfahrung sowohl den Kosmos als auch Phänomene auf der Erde beeinflussen.

Viele der Phänomene, die in diesen Bilder dargestellt wurden, treten jetzt wieder gehäuft auf: Kometen, Feuerbälle, Heuschreckenschwärme, riesige Hagelkörner, Erdbeben, drei Sonnen, Sonnenhalos, Himmelserscheinungen und andere Erdveränderungen. Andere, die vermeintlich aus der Phantasie entsprungen scheinen, könnten ebenfalls auf tatsächliche geschichtliche Ereignisse hinweisen. Beispielsweise wurden Kometen, Feuerbälle oder die Pest gelegentlich als Drachen oder als außergewöhnlichen Regen wie Pestregen oder Feuerregen dargestellt. Das geschah sicherlich nicht grundlos. Wir sollten daher nicht den Fehler begehen, Überlieferungen wie diese nur als Hirngespinste oder Endzeitphantasien abzutun.


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Das Monster aus der bodenlosen Grube: Und wenn ihnen jemand Schaden tun will, so kommt Feuer aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde; und wenn ihnen jemand Schaden tun will, so muss er getötet werden. Diese haben Macht, den Himmel zu verschließen, damit es nicht regne in den Tagen ihrer Weissagung, und sie haben Macht über die Wasser, sie in Blut zu verwandeln und die Erde zu schlagen mit Plagen aller Art, sooft sie wollen. Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben, so wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt, mit ihnen kämpfen und wird sie überwinden und wird sie töten. Und ihre Leichname werden liegen auf dem Marktplatz der großen Stadt.
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Himmlischer Reiter über Böhmen: Im 1533. Jahr, im Oktober, hat man in Böhmen und dem Vogtland, auch im Ascher Ländchen fliegende Drachen gesehen, auf dem Kopf eine Krone, ein Rüssel wie ein Schwein, und auch zwei Flügel. Es dauerte dann etliche Tage an, dass jeden Tag von ihnen mehr als vierhundert miteinander geflogen sind, sowohl große als auch kleine, wie hier gemalt ist.
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Himmlischer Schwertkämpfer, Himmelsburg und Kriegsheer über Straßburg: Im 1531. Jahr ist bei Straßburg und in anderen Gegenden ein blutiges Luftbild mit einem Schwert in seiner Hand gesehen worden, zudem eine feurige Burg und gegenüber ein berittener Heereszug, wie hier gemalt ist etc.
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Komet: Im 1506. Jahr erschien etliche Nächte ein Komet und wandte den Schweif Richtung Spanien. In diesem Jahr wuchsten viele Früchte und wurden von den Raupen oder Ratten völlig zunichte gemacht. Danach folgte im achten und neunten Jahr hierzulande und in Italien ein so gewaltiges und großes Erdbeben, dass zu Konstantinopel sehr viele Gebäude und Leute zu Grunde gingen.
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Goldene Kugel: Im Land der Römer hat man 73 Jahre vor Christi Geburt eine golden Kugel am Himmel gesehen, die dann auf die Erde herabgekommen und herumgerollt und wieder hinauf in die Luft geflogen ist, in Richtung des Aufgang der Sonne, sodass sie mit ihrer Größe die Sonne verdeckt hat. Danach folgte der große Römerkrieg.
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Das Meerungeheuer und die Bestie mit zwei Hörnern wie ein Lamm: Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier, und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?
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1520, am fünften Tag des Monats Januar, hat man früh, als die Sonne aufgegangen ist, zu Wien die drei Sonnen gesehen, die da "Paraphog" genannt werden.
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Im 1007. Jahr nach der Geburt Christi erschien ein wunderbarer Komet. Der gab Feuer und Flammen in alle Richtungen von sich. Dass er auf die Erde fiel, ist in Deutschland und Italien gesehen worden.
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170 [tatsächlich 570]
Im 570. Jahr nach Christi kam aus einem Berg in Gallien ein großer Lärm und Geschrei, als ob viele Leute darin verschüttet wären. Auch gab es eine lange Zeit starken Hagel.
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Im 367. Jahr nach Christi im zweiten Jahr nach Kaiser Valentinian hat sich ein Erdbeben auf der ganzen Welt ereignet. Und der Tempel zu Jerusalem stürzte ein. Und am nächsten Tag ist das Feuer vom Himmel darauf herabgefallen und hat Eisen und Stein zerstört. Und das Meer hat die Stadt Nicäa völlig überflutet, und viele Leute wurden vom Hagel erschlagen und ertränkt. Und es hat sich über die Provinz Asia erstreckt.
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1531 – Wal und Erdbeben in Lissabon
Im 1531. Jahr, am sechs- und achtundzwanzigsten Januar, sind in Portugal zu Lissabon am sechsundzwanzigsten Tag nachts am Himmel blutige und feurige Zeichen gesehen worden und ist am achtundzwanzigsten zudem ein großer Walfisch am Himmel gesehen worden. Darauf folgten große Erdbeben, sodass etwa zweihundert Häuser eingefallen sind und mehr als tausend Menschen erschlagen wurden.
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Drei Sonnen
Am anderen Tag nach dem Tod des Kaisers Julius sind drei Sonnen am Himmel in der Morgenfrühe im Osten erschienen und danach zusammengezogen, sodass daraus nur eine geworden ist. Auch hat zu der Zeit ein Ochse in der Vorstadt bei Rom einen Ackerbauern gefragt, warum er so heftig arbeite. Denn es würde über kurze Zeit mehr Mangel an Leuten geben als an Getreide.
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Brennende Fackel: Im 1009. Jahr nach der Geburt Christi wurde die Sonne verfinstert und der Mond ganz blutig gesehen und es geschah ein großes Erdbeben und es fiel eine brennende Fackel wie eine Säule oder ein Turm mit lautem Lärm und Getöse vom Himmel. Darauf folgte ein großes Sterben und eine Teuerung in Deutschland und Italien. Es starben mehr Leute, als am Leben blieben.
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Tibermonster: 1496 nach Christi Geburt, im Monat Januar, zu der Zeit, als der Tiber hoch und weit bei Rom über die Ufer getreten ist: welch Wundertier zeigte sich tot aufgefunden dort, wo das Wüten und die Kraft des Wassers des Tiber nachgelassen hatte, und ist in dieser Gestalt und Form gewesen, wie es da gemalt ist.
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Im 1527. Jahr hat ein grausamer Wind aus der Türkei große Scharen von Heuschrecken in das Königreich Polen getragen, die dann den Menschen und dem Vieh großen Schaden zugefügt haben. Die Heuschrecken sind grau und goldfarben gewesen, wie hier gemalt ist.
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Im 1531. Jahr haben vier Kometen einander gegenüber am Himmel gestanden, dass man sie in den Niederlanden an manchen Orten gesehen hat, wie sie gemalt sind.
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Im 1542. Jahr ist hier zu Augsburg ein Feuer am Himmel gesehen worden, das wie eine große Feuerpfanne in den Wolken um 12 Uhr in der Nacht brannte, was viele glaubwürdige Leute eine lange Zeit gesehen haben.
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Im 1542. Jahr sind so grauenerregende Heuschrecken im September und Oktober in Polen und Schlesien, auch in Mailand und Dietrichs Verona eingefallen, dass danach wegen des Gestanks sehr viele Leute starben. Und diese sahen so aus, wie gemalt ist etc.